Áèáëèîòåêà Áèáëèîòåêà RusLIt

    (1 ìèíóòà íà êîíâåðòàöèþ)

Gut gegen Nordwind Äàíèýëü Ãëàòòàóýð

        Emmi-Leo-Geschichte #1 Gibt es in einer vom Alltag besetzten Wirklichkeit einen besser geschutzten Raum fur gelebte Sehnsuchte als den virtuellen?
        Bei Leo Leike landen irrtumlich E-Mails einer ihm unbekannten Emmi Rothner. Aus Hoflichkeit antwortet er ihr. Und weil sich Emmi von ihm angezogen fuhlt, schreibt sie zuruck.
        Bald gibt Leo zu: »Ich interessiere mich wahnsinnig fur Sie, liebe Emmi! Ich wei? aber auch, wie absurd dieses Interesse ist.« Und wenig spater gesteht Emmi: »Es sind Ihre Zeilen und meine Reime darauf: die ergeben so in etwa einen Mann, wie ich mir plotzlich vorstelle, dass es sein kann, dass es so jemanden wirklich gibt.
        Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann es zum ersten personlichen Treffen kommt, aber diese Frage wuhlt beide so sehr auf, dass sie die Antwort lieber noch eine Weile hinauszogern. Au?erdem ist Emmi glucklich verheiratet. Und Leo verdaut gerade eine gescheiterte Beziehung. Und uberhaupt: Werden die gesendeten, empfangenen und gespeicherten Liebesgefuhle einer Begegnung standhalten? Und was, wenn  ja: Lohnt es sich, alles auf eine Karte zu setzen - fur eine Liebe, die aus nichts als einem Zufall entstanden ist?




        Daniel Glattauer
        Gut gegen Nordwind




        KAPITEL EINS


15. JANNER
        Betreff: Abbestellung
        Ich mochte bitte mein Abonnement kundigen. Geht das auf diesem Wege? Freundliche Gru?e, E. Rothner.



18 TAGE SPATER
        Betreff: Abbestellung
        Ich will mein Abonnement kundigen. Ist das per EMail moglich? Ich bitte um kurze Antwort. Freundliche Gru?e, E. Rothner.



33 TAGE SPATER
        Betreff: Abbestellung
        Sehr geehrte Damen und Herren vom »Like«-Verlag, sollte Ihr beharrliches Ignorieren meiner Versuche, ein Abonnement abzubestellen, den Zweck haben, weitere Hefte Ihres im Niveau leider stetig sinkenden Produkts absetzen zu konnen, muss ich Ihnen leider mitteilen: Ich zahle nichts mehr! Freundliche Gru?e, E. Rothner.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie sind bei mir falsch. Ich bin privat. Ich habe: woerter@leike.com. Sie wollen zu: woerter@like.com. Sie sind schon der Dritte, der bei mir abbestellen will. Das Heft muss wirklich schlecht geworden sein.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Oh, Verzeihung! Und danke fur die Aufklarung. Gru?e, E. R.


        NEUN MONATE SPATER
        Kein Betreff
        Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wunscht Emmi Rothner.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi Rothner, wir kennen uns zwar fast noch weniger als uberhaupt nicht. Ich danke Ihnen dennoch fur Ihre herzliche und uberaus originelle Massenmail! Sie mussen wissen: Ich liebe Massenmails an eine Masse, der ich nicht angehore. Mfg, Leo Leike.



18 MINUTEN SPATER
        RE:
        Verzeihen Sie die schriftliche Belastigung, Herr Mfg Leike. Sie sind mir irrtumlich in meine Kundenkartei gerutscht, weil ich vor einigen Monaten ein Abonnement abbestellen wollte und versehentlich Ihre E-Mail-Adresse erwischt hatte. Ich werde Sie sofort loschen.
        PS: Wenn Ihnen eine originellere Formulierung einfallt, jemandem »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr« zu wunschen, als »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr«, dann teilen Sie mir diese gerne mit. Bis dahin: Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr! E. Rothner.


        SECHS MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich wunsche Ihnen ein angenehmes Fest und freue mich fur Sie, dass Ihnen ein Jahr bevorsteht, das zu Ihren achtzig besten zahlen wird. Und sollten Sie zwischendurch schlechte Tage abonniert haben, bestellen Sie sie ruhig - irrtumlich - bei mir ab. Leo Leike.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Bin beeindruckt! Lg, E. R.



38 TAGE SPATER
        Betreff: Kein Euro!
        Werte »Like«-Verlagsleitung, ich habe mich von Ihrem Magazin dreimal schriftlich und zweimal telefonisch (bei einer gewissen Frau Hahn) getrennt. Wenn Sie mir die Zeitung dennoch weiter schicken, so betrachte ich das als Ihr Privatvergnugen. Den soeben zugesandten Zahlschein in der Hohe von 186 Euro behalte ich gerne als Souvenir, um mich auch dann noch an »Like« zu erinnern, wenn ich endlich keine Ausgaben mehr zugestellt bekomme. Rechnen Sie aber bitte nicht damit, dass ich auch nur einen Euro einzahlen werde. Hochachtungsvoll, E. Rothner.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Frau Rothner, machen Sie das absichtlich? Oder haben Sie schlechte Tage abonniert? Mfg, Leo Leike.



15 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Herr Leike, das ist mir jetzt wirklich uberaus peinlich. Ich habe leider einen chronischen »Ei«- Fehler, also eigentlich einen »E«-vor-»I«-Fehler. Wenn ich schnell schreibe, und es soll ein »I« folgen, rutscht mir immer wieder ein »E« hinein. Es ist so, dass sich da meine beiden Mittelfingerkuppen auf der Tastatur bekriegen. Die linke will immer schneller als die rechte sein. Ich bin namlich eine geburtige Linkshanderin, die in der Schule auf rechts umgepolt wurde. Das hat mir die Linke bis heute nicht verziehen. Immer schiebt sie mit der Mittelfingerkuppe ein »E« hinein, bevor die Rechte ein »I« setzen kann. Verzeihen Sie die Belastigung, kommt (wahrscheinlich) nicht wieder vor. Schonen Abend noch, E. Rothner.


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Frau Rothner, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Und hier noch eine zweite: Wie lange haben Sie fur Ihre E-Mail mit der Darlegung Ihres »Ei«-Fehlers gebraucht? Lg, Leo Leike.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Zwei Fragen zuruck: Wie lange schatzen Sie? Und warum fragen Sie?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich schatze, Sie haben nicht langer als zwanzig Sekunden dafur gebraucht. Fur diesen Fall gratuliere ich Ihnen: In der kurzen Zeit ist Ihnen eine tadellose Mitteilung gelungen. Sie hat mich zum Schmunzeln gebracht. Und das schafft heute Abend sonst wohl nichts und niemand mehr. Auf Ihre zweite Frage, warum ich frage: Ich bin beruflich derzeit auch mit der Sprache von E-Mails befasst. Und nun noch einmal meine Frage: Nicht langer als zwanzig Sekunden, liege ich richtig?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Soso, Sie sind beruflich mit E-Mails befasst. Klingt spannend, allerdings fuhle ich mich jetzt ein bisschen wie eine Testperson. Aber egal. Haben Sie eigentlich eine Homepage? Wenn nein, wollen Sie eine? Wenn ja, wollen Sie eine schonere? Ich bin namlich beruflich mit Homepages befasst. (Bis hierher habe ich exakt zehn Sekunden gebraucht, ich habe es gestoppt, war aber ein Berufsgesprach, das geht immer flott.) Bei meiner banalen E-Mail mit dem »E«-vor-»I«-Fehler haben Sie sich leider grundlich verschatzt. Das hat mir sicher gute drei Minuten meiner Lebenszeit gestohlen. Na ja, wei? man, wofur es gut war? Nun wurde mich aber doch noch eines interessieren: Wieso haben Sie angenommen, dass ich fur meine
»E«-vor-»I«-Fehler- Mail nur zwanzig Sekunden gebraucht habe? Und bevor ich Sie endgultig fur immer in Ruhe lasse (au?er, die vom Like-Verlag schicken mir wieder einen Zahlschein), interessiert mich noch etwas. Sie schreiben oben: »Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Und hier noch eine zweite: Wie lange haben Sie ... usw. ...?« Daran anschlie?end habe ich zwei Fragen. Erstens: Wie lange haben Sie fur den Gag gebraucht? Zweitens: Ist das Ihr Humor?


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe unbekannte Frau Rothner, ich antworte Ihnen morgen. Ich schalte jetzt meinen Computer ab. Guten Abend, gute Nacht, je nachdem. Leo Leike.


        VIER TAGE SPATER
        Betreff: Offene Fragen
        Liebe Frau Rothner, verzeihen Sie, dass ich mich jetzt erst melde, bei mir geht es momentan ein wenig turbulent zu. Sie wollten wissen, wieso ich falschlicherweise angenommen hatte, dass Sie fur Ihre Ausfuhrungen uber den »Ei«-Fehler nicht langer als zwanzig Sekunden benotigt haben. Nun, Ihre E-Mails lesen sich wie
»heruntergesprudelt«, wenn ich mir diese Einschatzung erlauben darf. Ich hatte schworen konnen, dass Sie eine Schnellsprecherin und Schnell- schreiberin sind, eine quirlige Person, der die Ablaufe des Alltags niemals rasch genug vonstatten gehen konnen. Wenn ich Ihre E-Mails lese, dann kann ich darin keine Pausen erkennen. Die kommen mir im Ton und Tempo antriebsstark, atemlos, energievoll, flott, ja sogar ein wenig aufgeregt vor. So wie Sie schreibt niemand mit niedrigem Blutdruck. Mir scheint, Ihre spontanen Gedanken flie?en ungebremst in die Texte ein. Und dabei zeichnet Sie Sprachsicherheit aus, ein gewandter, stark pointierter Umgang mit Worten. Wenn Sie nun aber erklaren, dass Sie fur Ihre »Ei«-Mail langer als drei Minuten gebraucht haben, dann durfte ich doch ein falsches Bild von Ihnen entworfen haben. Sie haben mich bedauerlicherweise nach meinem Humor gefragt. Das ist ein trauriges Kapitel. Um humorvoll sein zu konnen, muss man wenigstens einen Hauch von Witz an sich selbst erkennen. Ehrlich gesagt: Da erkenne ich derzeit nichts, ich fuhle mich absolut witzlos. Wenn ich auf die vergangenen
Tage und Wochen zuruckblicke, vergeht mir das Lachen. Aber das ist meine personliche Geschichte und hat hier nichts verloren. Danke jedenfalls fur Ihre erfrischende Art. Es war uberaus angenehm, sich mit Ihnen zu unterhalten. Ich glaube, die Fragen sind nun alle so recht und schlecht beantwortet. Wenn Sie sich zufallig wieder auf meine Adresse verlieren, freue ich mich. Nur bitte: Bestellen Sie endlich Ihr Like-Abonnement ab, das nervt schon ein wenig. Oder soll ich's tun? Liebe Gru?e, Leo Leike.



40 MINUTEN SPATER
        AW:
        Lieber Herr Leike, ich will Ihnen was gestehen: Ich habe fur meine
»E«-vor-»I«-Mail wirklich nicht langer als zwanzig Sekunden gebraucht. Ich habe mich nur geargert, dass Sie mich so eingeschatzt haben, dass ich E-Mails einfach so hinfetze. Sie haben zwar Recht, aber Sie hatten kein Recht, das vorher schon zu wissen. Also gut: Auch wenn Sie (derzeit) keinen Humor haben, bei E-Mails kennen Sie sich offenbar ganz gut aus. Hat mir imponiert, wie Sie mich spontan durchschaut haben! Sind Sie Germanistikprofessor? Liebe Gru?e, Emmi »die Quirlige« Rothner.



18 TAGE SPATER
        Betreff: Hallo
        Hallo, Herr Leike, ich wollte Ihnen nur sagen, dass die von »Like« mir keine Hefte mehr zuschicken. Haben Sie interveniert? Sie konnten sich ubrigens auch einmal melden. Ich wei? zum Beispiel noch immer nicht, ob Sie Professor sind. Google kennt Sie jedenfalls nicht oder versteht es, Sie gut zu verstecken. Und, ist es um Ihren Humor schon besser bestellt?
        Immerhin ist ja Fasching. Da haben Sie praktisch keine Konkurrenz. Liebe Gru?e, Emmi Rothner.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Frau Rothner, schon, dass Sie mir schreiben, ich habe Sie schon vermisst. Ich war bereits knapp dran, mir ein Like-Abonnement zuzulegen. (Vorsicht, aufkeimender Humor!) Und Sie haben mich tatsachlich per »Google« gesucht? Das finde ich uberaus schmeichelhaft. Dass ich fur Sie ein »Professor« sein konnte, gefallt mir, ehrlich gestanden, eher weniger. Sie halten mich fur einen alten Sack, stimmt's? Steif, pedantisch, besserwisserisch. Nun, ich werde mich nicht krampfhaft bemuhen, Ihnen das Gegenteil zu beweisen, sonst wird es peinlich. Vermutlich schreibe ich derzeit einfach alter, als ich bin. Und, mein Verdacht: Sie schreiben junger, als Sie sind. Ich bin ubrigens Kommunikationsberater und Uni-Assistent fur Sprachpsychologie. Wir arbeiten gerade an einer Studie uber den Einfluss der E-Mail auf unser Sprachverhalten und - der noch wesentlich interessantere Teil - uber die E-Mail als Transportmittel von Emotionen. Deshalb neige ich ein wenig zum Fachsimpeln, ich werde mich aber kunftig zuruckhalten, das verspreche ich Ihnen. Dann uberstehen Sie einmal die Faschingsfeierlichkeiten gut! Wie ich
Sie einschatze, haben Sie sich bestimmt ein schones Kontingent an Pappnasen und Troten zugelegt. :-) Alles Liebe, Leo Leike.



22 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Herr Sprachpsychologe, jetzt teste ich Sie einmal: Was glauben Sie wohl, welcher Ihrer soeben erhaltenen Satze fur mich der interessanteste war, so interessant, dass ich Ihnen gleich eine Frage dazu stellen musste (wurde ich Sie nicht vorher testen)? Und hier noch ein guter Tipp, Ihren Humor betreffend: Ihren Satz »Ich war bereits knapp dran, mir ein Like- Abonnement zuzulegen« habe ich als zur Hoffung Anlass gebend empfunden! Mit Ihrer Zusatzbemerkung »(Vorsicht, aufkeimender Humor)« haben Sie leider wieder alles verpatzt: Einfach weglassen! Und auch die Sache mit den Pappnasen und Troten fand ich lustig. Wir haben offenbar den gleichen NichtHumor. Trauen Sie mir aber ruhig zu, Ihre Ironie zu erkennen und verzichten Sie auf den Smiley! Alles Liebe, ich find es echt angenehm, mit Ihnen zu plaudern. Emmi Rothner.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi Rothner, danke fur Ihre Humortipps. Sie werden am Ende noch einen lustigen Mann aus mir machen. Noch mehr danke ich fur den Test! Er gibt mir Gelegenheit Ihnen zu zeigen, dass ich doch (noch) nicht der Typ »alter selbstherrlicher Professor« bin. Ware ich es, dann hatte ich vermutet: Der interessanteste Satz musste fur Sie »Wir arbeiten gerade an einer Studie ... uber die E-Mail als Transportmittel von Emotionen« gewesen sein. So aber bin ich sicher. Am meisten interessiert Sie: »Und, mein Verdacht: Sie schreiben junger als Sie sind.« Daraus ergibt sich fur Sie zwingend die Frage: Woran glaubt der das zu erkennen? Und in weiterer Folge: Fur wie alt halt er mich eigentlich? Liege ich richtig?


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo Leike, Sie sind ja ein Teufelskerl!!! So, und jetzt lassen Sie sich gute Argumente einfallen, um mir zu erklaren, warum ich alter sein musste als ich schreibe. Oder noch praziser: Wie alt schreibe ich? Wie alt bin ich? Warum? - Wenn Sie diese Aufgaben gelost haben, dann verraten Sie mir, welche Schuhgro?e ich habe. Alles Liebe, Emmi. Macht echt Spa? mit Ihnen.



45 MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie schreiben wie 30. Aber Sie sind um die 40, sagen wir: 42. Woran ich es zu erkennen glaube? - Eine 30Jahrige liest nicht regelma?ig »Like«. Das Durchschnittsalter einer »Like«-Abonnentin betragt etwa 50 Jahre. Sie sind aber junger, denn beruflich beschaftigen Sie sich mit Homepages, da konnten Sie also wieder 30 und sogar deutlich darunter sein. Allerdings schickt keine 30-Jahrige eine Massenmail an Kunden, um ihnen »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr« zu wunschen. Und schlie?lich: Sie hei?en Emmi, also Emma. Ich kenne drei Emmas, alle sind alter als 40. Mit 30 hei?t man nicht Emma. Emma hei?t man erst wieder unter 20, aber unter 20 sind Sie nicht, sonst wurden Sie Worter wie »cool«,
»spacig«, »geil«, »elementar«, »heavy« und Ahnliches verwenden. Au?erdem wurden Sie dann weder mit gro?en Anfangsbuchstaben noch in vollstandigen Satzen schreiben. Und uberhaupt hatten Sie Besseres zu tun, als sich mit einem humorlosen vermeintlichen Professor zu unterhalten und dabei interessant zu finden, wie jung oder alt er Sie einschatzt. Noch was zu »Emmi«: Hei?t man nun Emma und schreibt man junger als man ist, zum Beispiel weil man sich deutlich junger fuhlt, als man ist, nennt man sich nicht Emma, sondern Emmi. Fazit, liebe Emmi Rothner: Sie schreiben wie 30, Sie sind 42. Stimmt's? Sie haben 36er Schuhgro?e. Sie sind klein, zierlich und quirlig, haben kurze dunkle Haare. Und Sie sprudeln, wenn Sie reden. Stimmt's? Guten Abend, Leo Leike.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: ???
        Liebe Frau Rothner, sind Sie beleidigt? Schauen Sie, ich kenne Sie ja nicht. Wie soll ich wissen, wie alt Sie sind? Vielleicht sind Sie 20 oder 60. Vielleicht sind Sie 1,90 gro? und 100 Kilo schwer. Vielleicht haben Sie 46 er Schuhgro?e - und deshalb nur drei Paar Schuhe, ma?gefertigt. Um sich ein viertes Paar finanzieren zu konnen, mussten Sie Ihr »Like«-Abonnement kundigen und Ihre Homepagekunden mit Weihnachtsgru?en bei Laune halten. Also bitte, seien Sie nicht bose. Mir hat die Einschatzung Spa? gemacht, ich habe ein schemenhaftes Bild von Ihnen vor mir, und das habe ich Ihnen in ubertriebener Prazision mitzuteilen versucht. Ich wollte Ihnen wirklich nicht zu nahe treten. Liebe Gru?e, Leo Leike.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Lieber »Professor«, ich mag Ihren Humor, er ist nur einen Halbton von der chronischen Ernsthaftigkeit entfernt und klingt deshalb besonders schrag!! Ich melde mich morgen. Ich freu mich schon! Emmi.


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        AW:
        Danke! Jetzt kann ich beruhigt schlafen gehen. Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Nahe treten
        Lieber Leo, den »Leike« lasse ich jetzt weg. Sie durfen dafur die »Rothner« vergessen. Ich habe Ihre gestrigen Mails sehr genossen, ich habe sie mehrmals gelesen. Ich mochte Ihnen ein Kompliment machen. Ich finde es spannend, dass Sie sich so auf einen Menschen einlassen konnen, den Sie gar nicht kennen, den Sie noch nie gesehen haben und wahrscheinlich auch niemals sehen werden, von dem Sie auch sonst nichts zu erwarten haben, wo Sie gar nicht wissen konnen, ob da jemals irgend etwas Adaquates zuruckkommt. Das ist ganz atypisch mannlich, und das schatze ich an Ihnen. Das wollte ich Ihnen vorweg nur einmal gesagt haben. So, und jetzt zu ein paar Punkten:

1.) Sie haben einen ausgewachsenen Massenmail- Weihnachtsgru?-Psycho! Wo haben Sie den aufgerissen? Anscheinend krankt man Sie zu Tode, wenn man »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr« sagt. Gut, ich verspreche Ihnen, ich werde es nie, nie wieder sagen! Ubrigens finde ich es erstaunlich, dass Sie von »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr« auf ein Lebensalter schlie?en konnen wollen. Hatte ich
»Frohe Weihnachten und ein gluckliches neues Jahr« gesagt, ware ich dann zehn Jahre junger gewesen?

2.) Tut mir Leid, lieber Leo Sprachpsychologe, aber dass eine Frau nicht junger als 20 Jahre sein kann, wenn sie nicht »cool«, »geil« und »heavy« verwendet, kommt mir schon ein bisschen weltfremd oberprofessorenhaft vor. Nicht, dass ich hier darum kampfe, so zu schreiben, dass Sie meinen konnten, ich sei junger als 20 Jahre. Aber wei? man es wirklich?

3.) Ich schreibe also wie 30, sagen Sie. Eine 30-Jahrige liest aber nicht »Like«, sagen Sie. Dazu erklare ich Ihnen gerne: Die Zeitschrift »Like« hatte ich fur meine Mutter abonniert. Was sagen Sie jetzt? Bin ich nun endlich junger, als ich schreibe?

4.) Mit dieser Grundsatzfrage muss ich Sie alleine lassen. Ich habe leider einen Termin. (Firmunterricht? Tanzschule? Nagelstudio? Teekranzchen? Suchen Sie es sich ruhig aus.)
        Schonen Tag noch, Leo! Emmi.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ach ja, Leo, eines will ich Ihnen doch noch verraten: Bei der Schuhgro?e waren Sie gar nicht so schlecht. Ich trage 37. (Aber Sie brauchen mir keine Schuhe zu schenken, ich habe schon alle.)


        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Etwas fehlt
        Lieber Leo, wenn Sie mir drei Tage nicht schreiben, empfinde ich zweierlei: 1.) Es wundert mich. 2.) Es fehlt mir etwas. Beides ist nicht angenehm. Tun Sie was dagegen! Emmi


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Endlich gesendet!
        Liebe Emmi, zu meiner Verteidigung gebe ich an: Ich habe Ihnen taglich geschrieben, ich habe die E-Mails nur nicht abgeschickt, nein, im Gegenteil, ich habe sie allesamt wieder geloscht. Ich bin in unserem Dialog namlich an einem heiklen Punkt angelangt. Sie, diese gewisse Emmi mit Schuhgro?e 37, beginnt mich schon langsam mehr zu interessieren, als es dem Rahmen, in dem ich mich mit ihr unterhalte, entspricht. Und wenn sie, diese gewisse Emmi mit Schuhgro?e 37, von vornherein feststellt: »Wahrscheinlich werden wir uns niemals sehen«, dann hat sie naturlich vollig Recht und ich teile ihre Ansicht. Ich halte das fur sehr, sehr klug, dass wir davon ausgehen, dass es zu keiner Begegnung zwischen uns kommen wird. Ich will namlich nicht, dass die Art unseres Gesprachs hier auf das Niveau eines Kontaktanzeigen- und Chatroom-Geplankels absinkt.
        So, und diese E-Mail schicke ich nun endlich weg, damit sie, diese gewisse Emmi mit Schuhgro?e 37, wenigstens irgendwas von mir in der Mailbox hat. (Aufregend ist der Text nicht, ich wei?, es ist auch nur ein Bruchteil von dem, was ich Ihnen schreiben wollte.) Alles Liebe, Leo.



23 MINUTEN SPATER
        RE:
        Aha, dieser gewisse Leo Sprachpsychologe will also nicht wissen, wie diese gewisse Emmi mit Schuhgro?e 37 aussieht? Leo, das glaube ich Ihnen nicht! Jeder Mann will wissen, wie jede Frau aussieht, mit der er spricht, ohne zu wissen, wie sie aussieht. Er will sogar moglichst schnell wissen, wie sie aussieht. Denn danach wei? er, ob er noch weiter mit ihr sprechen will oder nicht. Oder etwa nicht? Herzlichst, die gewisse 37er-Emmi.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Das war jetzt mehr hyperventiliert als geschrieben, stimmt's? Ich muss gar nicht wissen, wie Sie aussehen, wenn Sie mir solche Antworten geben, Emmi. Ich habe Sie ohnehin vor mir. Und dafur muss ich mich nicht einmal mit Sprachpsychologie beschaftigt haben. Leo.



21 MINUTEN SPATER
        RE:
        Sie irren, Herr Leo. Das war vollig ruhig geschrieben. Sie sollten mich einmal sehen, wenn ich tatsachlich hyperventiliere. Im Ubrigen neigen Sie prinzipiell eher nicht dazu, meine Fragen zu beantworten, stimmt's? (Wie sehen Sie eigentlich aus, wenn Sie »Stimmt's?« fragen?) Aber darf ich noch einmal auf Ihren E-Mail-Wurf von heute Vormittag zuruckkommen. Da passt so gar nichts zusammen. Ich halte fest:

1.) Sie schreiben mir E-Mails und schicken sie nicht ab.

2.) Sie beginnen sich schon langsam mehr fur mich zu interessieren, als es dem
»Rahmen unserer Unterhaltung« entspricht. Was soll das hei?en? Ist der Rahmen unserer Unterhaltung nicht ausschlie?lich das gegenseitige Interesse an einer jeweils vollig fremden Person?

3.) Sie finden es sehr klug - nein, Sie finden es sogar »sehr, sehr klug«, dass wir uns nie treffen werden. Ich beneide Sie um Ihre leidenschaftliche Hinwendung an die Klugheit!

4.) Sie wollen kein Chatroom-Geplankel. Sondern? Woruber wollen wir uns unterhalten, damit Sie sich nicht schon langsam mehr fur mich interessieren, als es dem »Rahmen« entspricht?

5.) Und, fur den gar nicht unwahrscheinlichen Fall, dass Sie keine meiner soeben gestellten Fragen beantworten werden: Sie sagten, dass das vorhin nur ein Bruchteil von dem war, was Sie mir schreiben wollten. Schreiben Sie mir ruhig den Rest. Ich freue mich uber jede Zeile! Ich lese Sie namlich gerne, lieber Leo. Emmi.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, Wenn Sie nicht 1.) 2.) 3.) und so weiter schreiben konnen, sind Sie es nicht, stimmt's? Morgen mehr. Schonen Abend. Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Liebe Emmi, ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir absolut nichts voneinander wissen? Wir erzeugen virtuelle Fantasiegestalten, fertigen illusionistische Phantombilder voneinander an. Wir stellen Fragen, deren Reiz darin besteht, nicht beantwortet zu werden. Ja, wir machen uns einen Sport daraus, die Neugierde des anderen zu wecken und immer weiter zu schuren, indem wir sie kategorisch nicht befriedigen. Wir versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, zwischen den Wortern, bald wohl schon zwischen den Buchstaben. Wir bemuhen uns krampfhaft, den anderen richtig einzuschatzen. Und gleichzeitig sind wir akribisch darauf bedacht, nur ja nichts Wesentliches von uns selbst zu verraten. Was hei?t »nichts Wesentliches«? - Gar nichts, wir haben noch nichts aus unserem Leben erzahlt, nichts, was den Alltag ausmacht, was einem von uns wichtig sein konnte.
        Wir kommunizieren im luftleeren Raum. Wir haben artig gestanden, welcher beruflichen Tatigkeit wir nachgehen. Sie wurden mir theoretisch eine schone Homepage gestalten, ich erstelle Ihnen dafur praktisch (schlechte) Sprachpsychogramme. Das ist alles. Wir wissen aufgrund eines miesen Stadtmagazins, dass wir in der gleichen Gro?stadt leben. Aber sonst? Nichts. Es gibt keine anderen Menschen um uns. Wir wohnen nirgendwo. Wir haben kein Alter. Wir haben keine Gesichter. Wir unterscheiden nicht zwischen Tag und Nacht. Wir leben in keiner Zeit. Wir haben nur unsere beiden Bildschirme, jeder streng und geheim fur sich, und wir haben ein gemeinsames Hobby: Wir interessieren uns fur eine jeweils vollig fremde Person. Bravo! Was mich betrifft, und jetzt komme ich zu meinem Gestandnis: Ich interessiere mich wahnsinnig fur Sie, liebe Emmi! Ich wei? zwar nicht warum, aber ich wei?, dass es einen markanten Anlass dafur gegeben hat. Ich wei? aber auch, wie absurd dieses Interesse ist. Es wurde einer Begegnung niemals standhalten, egal wie Sie aussehen, wie alt Sie sind, wie viel Sie von Ihrem betrachtlichen
E-Mail-Charme zu einem allfalligen Treffen mitnehmen konnten und was von Ihrem geschriebenen Sprachwitz auch in Ihren Stimmbandern steckt, in Ihren Pupillen, in Ihren Mundwinkeln und Nasenflugeln. Dieses »Wahnsinnsinteresse«, so mein Verdacht, nahrt sich einzig und allein aus der Mailbox. Jeder Versuch, es von dort heraustreten zu lassen, wurde vermutlich klaglich scheitern.
        Nun meine Schlusselfrage, liebe Emmi: Wollen Sie noch immer, dass ich Ihnen Mails schreibe? (Diesmal ware eine klare Antwort au?erst entgegenkommend.) Alles, alles Liebe, Leo.



21 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, das war aber viel auf einmal! Sie mussen ordentlich Tagesfreizeit haben. Oder zahlt das als Arbeit? Kriegen Sie dafur Zeitausgleich? Konnen Sie es von der Steuer absetzen? Ich wei?, ich habe eine spitze Zunge. Aber nur schriftlich. Und nur, wenn ich unsicher bin. Leo, Sie machen mich unsicher. Sicher ist nur eines: Ja, ich will, dass Sie mir weiter E-Mails schreiben, wenn's Ihnen nichts ausmacht. Wenn das noch nicht klar genug war, dann probiere ich es noch einmal: JA, ICH WILL!!!!!!! E-MAILS VON LEO! E-MAILS VON LEO! E-MAILS VON LEO. BITTE! ICH BIN SUCHTIG NACH E-MAILS VON LEO! Und jetzt mussen Sie mir unbedingt verraten, warum es bei Ihnen zwar keinen Grund, aber einen »markanten Anlass« dafur gegeben hat, sich fur mich zu interessieren. Das verstehe ich namlich nicht, aber es klingt spannend. Alles, alles Liebe und noch ein »Alles« dazu, Emmi. (PS: Die E-Mail da oben von Ihnen war klasse! Absolut humorlos, aber echt klasse!)


        AM UBERNACHSTEN TAG
        Betreff: Frohe Weihnachten
        Wissen Sie was, liebe Emmi, ich breche mit unseren Gepflogenheiten und erzahle Ihnen heute etwas aus meinem Leben. Sie hie? Marlene. Noch vor drei Monaten hatte ich geschrieben: Sie hei?t Marlene. Heute hie? sie es. Nach funf Jahren Gegenwart ohne Zukunft habe ich endlich in die Mitvergangenheit gefunden. Details unserer Beziehung erspare ich Ihnen. Das Schonste daran war immer der Neubeginn. Weil wir beide so leidenschaftlich gerne neu begannen, taten wir es alle paar Monate. Wir waren jeweils »die gro?e Liebe unseres Lebens«, aber nie, wenn wir zusammen waren, immer nur, wenn wir uns gerade wieder bemuhten, zusammenzufinden.
        Ja, und im Herbst war es dann endlich so weit: Sie hatte einen anderen, einen, mit dem sie sich vorstellen konnte, nicht nur zusammengeraten zu konnen, sondern auch zusammen zu sein. - (Obwohl er Pilot bei einer spanischen Fluglinie war, aber bitte.) Als ich es erfuhr, war ich plotzlich so sicher wie nie, dass Marlene »die Frau meines Lebens« war und dass ich alles tun musste, um sie nicht fur immer zu verlieren. Ich tat wochenlang alles und noch ein bisschen mehr dazu. (Auch da erspare ich Ihnen besser Details.) Und sie war wirklich knapp daran, mir und somit uns beiden eine allerletzte Chance zu geben: Weihnachten in Paris. Ich hatte vor - lachen Sie mich ruhig aus, Emmi - , ihr dort einen Heiratsantrag zu machen, ich Vollidiot. Sie wartete nur noch den Ruckflug des »Spaniers« ab, um ihm die Wahrheit uber mich und Paris zu sagen, das war sie ihm schuldig, meinte sie. Ich hatte ein mulmiges Gefuhl, was hei?t »mulmig«, ich hatte einen spanischen Airbus im Bauch, wenn ich an Marlene und diesen Piloten dachte. Das war am 19. Dezember. Am Nachmittag erhielt ich - nein, nicht einmal einen Anruf, ich
erhielt eine katastrophale E-Mail von ihr: »Leo, es geht nicht, ich kann nicht, Paris ware nur wieder eine neue Luge. Bitte verzeih mir!« Oder so ahnlich. (Nein, nicht so ahnlich, sondern wortwortlich.) Ich schrieb sofort zuruck: »Marlene, ich will dich heiraten! Ich bin fest entschlossen. Ich will immer mit dir sein. Ich wei? jetzt, dass ich es kann. Wir gehoren zusammen. Vertraue mir ein letztes Mal. Bitte lass uns in Paris uber alles reden. Bitte sag ja zu Paris.« So, und dann wartete ich auf eine Antwort, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Dazwischen unterhielt ich mich alle zwanzig Minuten mit ihrer taubstummen Mobilbox, las alte, im PC gespeicherte Liebesbriefe, schaute mir unsere digitalen Liebesfotos an, die allesamt wahrend unserer unzahligen Versohnungsreisen entstanden waren. Und dann starrte ich wieder wie besessen auf den Bildschirm. Von diesem kurzen, herzlosen Klanggerausch, wenn eine neue Meldung einlangte, von diesem kleinen lacherlichen Briefchen in der Symbolleiste hing mein Leben mit Marlene, also aus damaliger Sicht mein Weiterleben ab. Ich gab mir selbst eine Leidensfrist
bis 21 Uhr. Sollte sich Marlene bis dahin nicht gemeldet haben, war Paris und somit unsere wohl letzte Chance gestorben. Es war 20:57. Und plotzlich: ein Klingeln, ein Briefchen (ein Stromsto?, ein Herzinfarkt), eine Nachricht. Ich schlie?e fur ein paar Sekunden die Augen, ich sammle alle armseligen Restbestande meines positiven Denkens, ich konzentriere mich auf die ersehnte Meldung, auf Marlenes Zusage, auf Paris zu zweit, auf ein Leben fur immer mit ihr. Ich rei?e die Augen auf, ich offne die Mitteilung. Und ich lese, ich lese, ich lese: »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wunscht Emmi Rothner.« So viel zu meinem »ausgewachsenen Massenmail- Weihnachtsgru?-Psycho«. Schonen Abend, Leo.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, das ist eine besonders gute Geschichte. Vor allem die Pointe hat mich begeistert. Ich bin beinahe stolz, dass ich da so schicksalhaft hineinspiele. Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie mir, Ihrer »virtuellen Fantasiegestalt«, Ihrem »illusionistischen Phantombild«, gerade Au?ergewohnliches von sich verraten haben. Das war jetzt so richtig »Privatleben Marke Leo, Sprachpsychologe«. Ich bin heute schon zu mude, etwas Brauchbares dazu zu sagen. Aber morgen kriegen Sie von mir eine anstandige Analyse, wenn Sie erlauben. So mit 1.) 2.) 3.) und so weiter. Schlafen Sie gut, und traumen Sie sinnvoll. Also nicht von Marlene, wurde ich Ihnen empfehlen. Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Marlene
        Guten Morgen, Leo. Darf ich Sie ein bisschen harter anfassen?

1.) Sie sind also so ein Mann, der sich fur eine Frau nur am Anfang und am Ende interessieren kann: wenn er sie kriegen will und knapp bevor sie ihm endgultig abhanden kommt. Die Zeit dazwischen - auch Zusammensein genannt - ist Ihnen zu langweilig oder zu anstrengend, oder beides. Stimmt's?

2.) Sie sind zwar (diesmal) wie durch ein Wunder unverheiratet geblieben, aber um einen spanischen Piloten aus dem Bett Ihrer So-gut-wie-Ex zu bekommen, wurden Sie schon einmal locker vor den Traualtar treten. Das zeugt von eher geringer Hochachtung gegenuber dem Ehegelubde. Stimmt's?

3.) Sie waren schon einmal verheiratet. Stimmt's?

4.) Ich habe Sie plastisch vor mir, wie Sie, warm und wollig eingebettet in Selbstmitleid, Liebesbriefe lesen und alte Fotos anschauen, statt etwas zu tun, was eine Frau auf die Idee bringen konnte, da ware bei Ihnen so etwas wie ein Anflug von Liebe oder der leise Wunsch nach etwas Dauerhaftem zu erkennen.

5.) Ja, und dann wirft sich MEINE Schicksals-E-Mail in Ihre uber Sein und Nichtsein waltende Mailbox. Es ist, als hatte ich zum idealsten aller Zeitpunkte nun endlich ausgesprochen, was Marlene schon seit Jahren auf der Zunge gelegen sein muss: LEO, ES IST AUS, DENN ES WAR NIE AN! Oder mit anderen Worten, verklausulierter, poetischer, stimmungsvoller: »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wunscht Emmi Rothner.«

6.) Aber jetzt, lieber Leo, setzen Sie eine imposante Geste. Sie antworten Marlene. Sie begluckwunschen sie zur ihrer Entscheidung. Sie sagen: MARLENE, DU HAST RECHT, ES IST AUS, DENN ES WAR NIE AN! Oder mit anderen Worten, verklausulierter, energischer, kraftvoller: »Liebe Emmi Rothner, wir kennen uns zwar fast noch weniger als uberhaupt nicht. Ich danke Ihnen dennoch fur Ihre herzliche und uberaus originelle Massenmail! Sie mussen wissen: Ich liebe Massenmails an eine Masse, der ich nicht angehore. Mfg, Leo Leike.« - Sie sind ein erstaunlich guter, nobler, stilvoller Verlierer, lieber Leo.

7.) Nun meine Schlusselfrage: Wollen Sie noch immer, dass ich Ihnen Mails schreibe? Schonen Montagvormittag, Emmi.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Mahlzeit, Emmi!
        Zu 1.) Ich kann nichts dafur, dass ich Sie an einen Mann erinnere, der Sie offensichtlich - elegant, wie in Punkt eins von Ihnen beschrieben - enttauscht hat. Glauben Sie bitte nicht, mich mehr zu kennen, als Sie mich kennen konnen! (Sie konnen mich gar nicht kennen.)
        Zu 2.) Was meine letzte Ausflucht in das Eheversprechen betrifft: Mehr als mich selbst einen »Vollidioten« zu schimpfen, kann ich ohnehin nicht. Aber die sarkastisch-moralinsaure Emmi mit Schuhgro?e 37 setzt zur Ehrenrettung des Ehegelubdes noch eins drauf, vermutlich mit zugekniffenen Augen und Geifer vor dem Mund.
        Zu 3.) Tut mir Leid, ich war noch nie verheiratet! Sie? - Mehrmals, stimmt's?
        Zu 4.) Da ist wieder der Mann von Punkt eins, an den ich Sie erinnere, der Mann, der lieber von der Realitat uberholte Liebesbriefe liest als Ihnen dauerhafte Liebe beweist. Vielleicht waren es sogar mehrere Manner in Ihrem Leben.
        Zu 5.) Ja, in dem Augenblick, als die Weihnachtsgru?e von Ihnen einlangten, spurte ich, dass ich Marlene verloren hatte.
        Zu 6.) Ich habe Ihnen damals geantwortet, um mich von meinem Scheitern abzulenken, Emmi. Und bis heute habe ich die Unterhaltung mit Ihnen als einen Teil meiner Marlene-Verarbeitungstherapie betrachtet.
        Zu 7.) Ach ja, schreiben Sie mir nur! Schreiben Sie sich Ihren gesamten Frust uber Manner von der Seele. Seien Sie ungehemmt selbstgerecht, zynisch, schadenfroh. Wenn es Ihnen nachher besser geht, hat meine Mailadresse ihren Zweck erfullt. Wenn nicht, dann gonnen Sie sich (oder Ihrer Mutter) einfach wieder ein Like-Abonnement und bestellen Sie den »Leike« ab. Schonen Montagnachmittag, Leo.


        ELF MINUTEN SPATER
        RE:
        Oh je! Ich habe Sie verletzt. Das wollte ich nicht. Ich dachte, Sie halten das aus. Da habe ich Ihnen zu viel zugemutet. Ich werde in innere Klausur gehen. Gute Nacht, Emmi.
        PS: Zu Punkt drei: Ich war erst einmal verheiratet. - Und bin es noch immer!



        KAPITEL ZWEI

        EINE WOCHE SPATER
        Betreff: S.W.
        Schei?wetter heute, stimmt's? Lg, E.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:

1.) Regen 2.) Schnee 3.) Schneeregen Mfg, Leo.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Sind Sie noch beleidigt?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        War ich nie.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Oder unterhalten Sie sich nicht gern mit verheirateten Frauen?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Oh doch! Mich wundert aber mitunter, warum sich verheiratete Frauen so gern mit vollig fremden Mannern wie mir unterhalten.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Haben Sie da mehrere in Ihrer Mailbox? Der wievielte Bruchteil Ihrer Marlene-Verarbeitungstherapie bin ich eigentlich?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Schon, Emmi, Sie kommen langsam wieder in Form. Sie sind mir vorhin fast ein bisschen antriebsschwach, kleinlaut und schuchtern vorgekommen.


        EIN HALBE STUNDE SPATER
        RE:
        Lieber Leo, im Ernst, was mir ein Bedurfnis ist, Ihnen mitzuteilen: Meine Sieben-Punkte-E-Mail vom vergangenen Montag tut mir aufrichtig Leid. Ich habe sie ein paar Mal durchgelesen und muss gestehen: Sie klingt wirklich ekelhaft, wenn man sie leise liest. Das Problem ist, dass Sie nicht wissen konnen, wie ich bin, wenn ich so etwas sage. Wurden Sie mich dabei sehen, konnten Sie mir gar nicht bose sein. (Bilde ich mir zumindest ein.) Glauben Sie mir: Ich bin alles andere als frustriert. Enttauschungen mit Mannern haben sich bei mir in den naturlichen Grenzen derselben gehalten. Das hei?t: Naturlich gibt es begrenzte Manner. Aber ich hab Gluck gehabt. Mir geht es verdammt gut, was das betrifft. Mein Zynismus ist mehr Sport und Spiel als Arger und Abrechnung. Im Ubrigen wei? ich das sehr zu schatzen, dass Sie mir von Marlene erzahlt haben. (Wobei mir gerade auffallt, dass Sie mir eigentlich gar nichts von Marlene erzahlt haben. Was ist/war sie fur eine Frau? Wie sieht sie aus? Was hat sie fur eine Schuhgro?e? Was tragt sie fur Schuhe?)


        EINE STUNDE SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, seien Sie mir bitte nicht bose, aber mir ist nicht danach, Ihnen von Marlenes Schuhgeschmack zu erzahlen. Am Strand ging sie meistens barfu?, so viel will ich Ihnen gerne mitteilen. Ich muss jetzt aufhoren, ich krieg Besuch. Angenehmen Tag noch, Leo.


        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Krise
        Lieber Leo, eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, die nachste E-Mail von Ihnen zu bekommen - und nicht selbst zu schreiben. Ich hab zwar nicht Sprachpsychologie studiert, aber in meinem Kopf reimen sich da zwei Dinge zusammen. 1.) Ich habe Ihnen zwischen den Zeilen verraten, dass ich nicht nur verheiratet, sondern sogar glucklich verheiratet bin. 2.) Sie reagieren darauf mit der lustlosesten Antwort seit dem viel versprechenden Beginn unserer virtuellen Zweisamkeit vor mittlerweile mehr als einem Jahr. Und danach melden Sie sich gleich uberhaupt nicht mehr. Kann es sein, dass Sie das Interesse an mir verloren haben? Kann es sein, dass Sie das Interesse an mir verloren habe, weil ich vergeben bin? Kann es sein, dass Sie das Interesse an mir verloren haben, weil ich noch dazu »glucklich vergeben« bin? Wenn das der Fall ist, dann seien Sie wenigstens »Manns genug«, mir das zu sagen. Mit freundlichen Gru?en, Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        HERR LEO?


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        LEEEEEEEEEOOOOOOO, HUUUUUUUUUUUUUHHHH???????


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Arschloch!


        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Nette Post von Emmi
        Hallo Emmi! Das ist ein herrliches Gefuhl, von einer anstrengenden Seminarreise aus dem mit Reizen nicht gerade reich gesegneten und auch farblich eher bescheidenen Bukarest im perverserweise auch dort so genannten Fruhling (Schneesturme, Frostschube) nach Hause zu kehren, sofort den Computer anzuwerfen, die Mailbox zu offnen, im Dickicht von 500 gnadenlosen Mitteilern entbehrlicher bis erbarmlicher Botschaften vier E-Mails von der fur ihre Sprachbegabung, Ausdrucksweise und Punkteprogramme hoch geschatzten Frau Rothner vorzufinden, sich wie ein rumanischer Graupelbar im fortschreitenden Auftauungsprozess darauf zu freuen, endlich ein paar nette, gefuhlvolle, witzige, herzenswarme Satze lesen zu konnen. Man offnet euphorisch die erste E-Mail, und worauf sto?t man mit beiden Augen gleichzeitig? Auf: ARSCHLOCH! - Danke fur die Begru?ung! Emmi, Emmi! Sie haben sich da wieder schone Sachen zusammengereimt. Ich muss Sie aber enttauschen: Mich stort es uberhaupt nicht, dass Sie »glucklich vergeben« sind. Ich hatte nie vor, Sie naher kennen zu lernen, naher als es im elektronischen Briefaustausch moglich
ist. Ich wollte auch nie wissen, wie Sie aussehen. Ich mache mir aus den Texten, die Sie mir schreiben, mein eigenes Bild von Ihnen. Ich bastle mir meine eigene Emmi Rothner. Ich habe Sie in den Grundzugen noch immer so vor mir, wie Sie mir schon zu Beginn unseres Kontakts begegnet sind, egal, ob Sie dreimal tragisch verheiratet, funfmal glucklich geschieden oder taglich munter aufs Neue »noch frei« und in den Samstagnachten ausschweifend ledig sind. Ich stelle allerdings mit Bedauern fest, dass der Kontakt mit mir Sie offensichtlich aufreibt. Und uberdies wundert mich schon eines: Warum liegt einer glucklich verheirateten, von Mannern alles andere als frustrierten, ironisch-witzigen, uber den Dingen stehenden, charmanten, selbstbewussten Frau mit Schuhgro?e 37 (und unbestimmten Alters) so viel daran, sich mit einem fremden, manchmal murrischen, beziehungsgeschadigten, krisenanfalligen, wenig humorvollen Professorentyp so intensiv uber so viel Personliches zu unterhalten? Was sagt eigentlich Ihr Mann dazu?


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Das Wichtigste zuerst: Graupelbar Leo is back from Bukarest! Willkommen. Verzeihen Sie das »Arschloch«, aber es lag einfach auf der Hand. Wie kann ich wissen, dass ich es mit einem au?erirdisch veranlagten Mann zu tun habe, der nicht enttauscht ist, wenn er erfahrt, dass seine treue und ehrgebieterisch sarkastische Schreibpartnerin schon vergeben ist? Dass ich es mit einem Mann zu tun habe, der sich lieber »seine eigene Emmi Rothner bastelt«, als die echte kennen lernen zu wollen. Wenn ich Sie diesbezuglich wenigstens ein bisschen provozieren darf: So gut Sie in Ihren kuhnsten Fantasien auch basteln, lieber Leo Sprachpsychologe, an die echte Emmi Rothner kommen Sie damit nicht heran.
        Fuhlen Sie sich provoziert? Nein? Hab ich mir gedacht.
        Ich furchte, es ist eher umgekehrt: Sie provozieren mich, Leo. Sie haben eine unorthodoxe, aber au?erst zielstrebige Art, sich bei mir immer spannender zu machen: Sie wollen gleichzeitig alles und nichts von mir wissen. Sie bekunden, je nach Tagesverfassung, Ihr »wahnsinniges Interesse« und Ihr fast schon pathologisches Desinteresse an mir. Und das regt mich abwechselnd auf und an. Momentan gerade wieder: an. Ich gestehe es. Aber vielleicht sind Sie ja so ein einsamer, verklemmter, streunender, grauer (rumanischer) Graupelwolf, der einer Frau nicht in die Augen schauen kann. Einer, der massive Angst vor wirklichen Begegnungen hat. Der sich standig seine Fantasiewelten schaffen muss, weil er sich in den gegenstandlichen, lebbaren, greifbaren, realen Umgebungen nicht zurechtfindet. Vielleicht sind Sie ein waschechter Frauen- komplexler. Ach, da wurde ich jetzt gerne Marlene fragen. Haben Sie zufallig eine aktuelle Telefonnummer von ihr, oder die vom spanischen Piloten? (War ein Scherz, bitte nicht wieder drei Tage beleidigt sein.) Nein Leo, ich hab einfach einen Narren an Ihnen gefressen. Ich mag
Sie. Sehr sogar! Sehr, sehr, sehr! Und ich kann einfach nicht glauben, dass Sie mich nicht sehen wollen. Das hei?t nicht, dass wir uns tatsachlich sehen sollten. Sollen wir naturlich nicht! Aber ich wurde zum Beispiel schon gerne wissen, wie Sie aussehen. Es wurde vieles erklaren. Ich meine, es wurde erklaren, wieso Sie so schreiben, wie Sie schreiben. Weil Sie dann namlich so aussehen, wie jemand aussieht, der so schreibt wie Sie. Und ich wurde verdammt gerne wissen, wie jemand aussieht, der so schreibt wie Sie. Das wurde es dann erklaren.
        Apropos erklaren: Ich will hier eigentlich nicht von meinem Mann reden. Sie konnen gern uber Ihre Frauen reden (falls es solche nicht nur in der Mailbox gibt). Ich kann Ihnen auch gute Ratschlage geben, ich kann mich hervorragend in Frauen hineinfuhlen, ich bin namlich eine. Aber mein Mann ... Schon, ich sage es Ihnen: Wir haben eine wunderbare, harmonische Beziehung mit zwei Kindern (die er freundlicherweise mitgebracht hat, um mir Schwangerschaften zu ersparen). Wir haben an sich keine Geheimnisse voreinander. Ich hab ihm erzahlt, dass ich mich mit einem »netten Sprachpsychologen« ofters per E-Mail unterhalte. Er hat gefragt: Willst du ihn kennen lernen? Ich hab geantwortet: Nein. Er sagt darauf: Was soll das dann? Ich: Gar nichts. Er: Ah so. - Das war's. Mehr wollte er von mir nicht wissen, mehr wollte ich ihm nicht sagen. Mehr mochte ich uber ihn nicht reden. Okay?
        So, lieber Graupelbar, nun zu Ihnen: Wie sehen Sie aus? Sagen Sie's mir. Bitte!!! Alles Liebe, Ihre Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Test
        Liebe Emmi, ich kann mich Ihren Kalt-warm-Badern auch nur schwer entziehen. Wer zahlt uns eigentlich die Zeit, die wir hier miteinander (ohne einander) versitzen? Und wie bringen Sie das mit Ihrem Beruf und Ihrer Familie unter einen Hut? Vermutlich hat jedes Ihrer beiden Kinder noch mindestens drei Streifenhornchen oder Ahnliches. Wo nehmen Sie da die Mu?e her, sich so intensiv und akribisch mit fremden Graupelbaren zu beschaftigen?
        Sie wollen also unbedingt wissen, wie ich aussehe? Gut, ich stelle jetzt eine Behauptung auf und schlage Ihnen ein Spiel vor, zugegeben, ein verrucktes Spiel, aber Sie sollen mich auch von einer anderen Seite kennen lernen. Also: Ich wette, ich finde unter, sagen wir, zwanzig Frauen sofort die eine und einzige Emmi Rothner heraus, wahrend Sie unter ebenso vielen Mannern den echten Leo Leike niemals erraten wurden. Wollen wir es auf diesen Test ankommen lassen? Wenn Sie ja sagen, konnen wir uns einen entsprechenden Modus uberlegen. Angenehmen Vormittag, Leo.



50 MINUTEN SPATER
        RE:
        Aber sicher machen wir das! Sie sind ja ein echter Abenteurer! Vorweg meine Bedenken, Sie durfen mir das aber nicht ubel nehmen: Ich rechne damit, dass Sie mir optisch uberhaupt nicht gefallen, lieber Leo. Und die Chance dafur ist gro?, denn mir gefallen Manner prinzipiell nicht, sieht man von wenigen (zumeist schwulen) Ausnahmen ab. Umgekehrt - na ja, da sage ich jetzt lieber nichts dazu. Sie bilden sich ja ein, mich sofort zu erkennen. Dann werden Sie wohl eine Vorstellung haben, wie ich aussehe. Wie war das damals? »42 Jahre alt, klein, zierlich, quirlig, kurze dunkle Haare.« Da wunsche ich Ihnen jetzt schon viel Erfolg beim Erkennen! Also wie machen wir es? Schicken wir uns je zwanzig Bilder, darunter das eigene? Lieber Gru?, Emmi.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, ich schlage vor, dass wir uns personlich begegnen, ohne es zu wissen, also so, dass wir in der Masse von Menschen verwechselbar bleiben. Wir konnten zum Beispiel das Gro?e Messecafe Huber in der Ergeltstra?e wahlen. Das kennen Sie bestimmt. Dort trifft laufend sehr gemischtes Publikum ein. Wir wahlen eine Zeitstrecke von zwei Stunden, vielleicht an einem Sonntagnachmittag, und innerhalb dieser Zeit sind wir beide anwesend. Durch das standige Auf und Ab und das dichte Gedrange im Salon wird nicht auffallen, dass wir uns gegenseitig zu entdecken versuchen. Was Ihre mogliche Enttauschung betrifft, wenn ich Ihren optischen Wunschen nicht entspreche, so meine ich, dass wir das Geheimnis um unser Au?eres ja auch nach der Begegnung nicht preisgeben mussen. Interessant ist, ob und woran einer den anderen zu erkennen glaubt, nicht, wie wir beide tatsachlich aussehen, meine ich. Ich sage noch einmal: Ich will nicht wissen, wie Sie aussehen. Ich will Sie nur erkennen. Und das werde ich. Ubrigens halte ich meine fruher einmal geau?erte Personenbeschreibung nicht mehr aufrecht. Sie sind fur mich
(trotz Ehemann und Kindern) etwas junger geworden, Frau Emma Rothner.
        Und noch etwas: Ich freue mich sehr, dass Sie immer wieder aus alten E-Mails von mir zitieren. Das bedeutet, dass Sie sie offensichtlich aufgehoben haben. Das ist schmeichelhaft.
        Was halten Sie von meiner Idee der Begegnung? Alles Liebe, Leo.



40 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, ein Problem gibt es schon: Wenn Sie mich erkennen, wissen Sie, wie ich aussehe. Wenn ich Sie erkenne, wei? ich, wie Sie aussehen. Sie aber wollen gar nicht wissen, wie ich aussehe. Und ich habe die Befurchtung, dass Sie mir nicht gefallen werden. Ist das dann das Ende unserer spannenden gemeinsamen Geschichte? Oder anders gefragt: Wollen wir uns plotzlich so dringend erkennen, damit wir uns nicht mehr schreiben mussen? - Dafur ware mir der Preis meiner Neugierde zu hoch. Da lieber anonym bleiben und bis ans Lebensende Post vom Graupelbaren bekommen. Bussi, Emmi.



35 MINUTEN SPATER
        AW:
        Das haben Sie lieb gesagt! Ich mache mir wegen unserer Begegnung keine Sorgen. Sie werden mich nicht erkennen. Und ich habe eine so klare Vorstellung von Ihnen, dass sich diese nur bestatigen kann. Sollte mein Bild von Ihnen (entgegen all meiner Erwartungen) allerdings nicht stimmen, dann werde ich Sie ohnehin nicht identifizieren. Dann kann ich mein Fantasiebild aufrechterhalten. Ebenfalls Bussi, Leo.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Meister Leo, das macht mich wahnsinnig, dass Sie so sicher sind zu wissen, wie ich aussehe! Das ist ziemlich impertinent von Ihnen. So, das hat auch einmal gesagt werden mussen. Eine Frage noch: Wenn Sie dieses konturenscharfe Fantasiebild von mir betrachten, Leo, gefalle ich Ihnen da wenigstens?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Gefallen, gefallen, gefallen. Ist das wirklich so wichtig?


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Ja, das ist total wichtig, Herr Moraltheologe. Zumindest fur mich. Ich mag 1.) Gefallen finden. Und ich mag 2.) gefallen.


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        AW:
        Reicht es nicht, wenn Sie 3.) sich selbst gefallen?


        ELF MINUTEN SPATER
        RE:
        Nein, dafur bin ich viel zu unbescheiden. Au?erdem gefallt man sich ein bisschen leichter, wenn man anderen gefallt. Sie wollen 4.) vermutlich nur Ihrer Mailbox gefallen, stimmt's? Die ist geduldig. Dafur mussen Sie nicht einmal Zahne putzen. Haben Sie ubrigens noch welche? Oder ist das auch nicht so wichtig?


        NEUN MINUTEN SPATER
        AW:
        Endlich habe ich wieder fur die Anregung von Emmis Blutkreislauf gesorgt. Um das Thema vorlaufig abzuschlie?en: Das Fantasiebild von Ihnen gefallt mir au?erordentlich gut, sonst wurde ich nicht so oft daran denken, liebe Emmi.


        EINE STUNDE SPATER
        RE:
        Sie denken also oft an mich? Das ist schon. Ich denke auch oft an Sie, Leo. Vielleicht sollten wir uns wirklich nicht treffen. Gute Nacht!


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Prost
        Hallo Leo, verzeihen Sie die spate Storung. Sind Sie zufallig online? Trinken wir ein Glas Rotwein? Jeder fur sich allein naturlich. Es ist schon mein drittes Glas, mussen Sie wissen. (Wenn Sie prinzipiell keinen Wein trinken, dann lugen Sie mich bitte an und sagen Sie, Sie trinken gerne ab und zu ein Glas oder eine Flasche Wein, also alles mit Ma? und ohne Ziel. Ich kann namlich zwei Arten von Mannern nicht ausstehen: Betrunkene und Asketen.)


        RE:
        Ein viertes trinke ich noch, bevor ich bewusstlos werde. Ihre letzte Chance fur heute.


        RE:
        Schade. Sie haben was versaumt. Ich denke an Sie. Gute Nacht.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Schade
        Liebe Emmi, das tut mir wirklich Leid, dass ich unsere romantische Mitternachtseinlage vor dem jeweiligen Computer versaumt habe. Ich hatte sofort ein Glas mit Ihnen, auf Sie und gegen die virtuelle Anonymitat getrunken. Hatte es auch Wei?wein sein durfen? Ich trinke lieber wei? als rot. Nein, ich muss Sie zum Gluck nicht anlugen: Ich bin weder oft betrunken noch immer ein Asket. Also zehnmal eher bin ich betrunken als ein Asket, zehnmal eher und zwanzigmal ofter. Marlene zum Beispiel (erinnern Sie sich?), Marlene hat keinen Tropfen Alkohol getrunken. Sie hat ihn nicht vertragen. Und was noch schlimmer war: Sie hat keinen Tropfen Alkohol vertragen, den ich getrunken habe. Verstehen Sie? Das sind so die Dinge, wo man beginnt, emotionell gegeneinander zu leben. Zum Trinken gehoren immer zwei oder keiner. Also, wie gesagt: Ewig schade, dass ich Ihr verlockendes Angebot gestern Nacht nicht annehmen konnte. Ich bin leider viel zu spat nach Hause gekommen. Auf ein anderes Mal, Ihr Online-Trinkkamerad in spe, Leo.



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Viel zu spat nach Hause gekommen? Leo, Leo, wo treiben Sie sich in der Nacht herum? Sagen Sie blo?, da kundigt sich eine Marlene-Nachfolgerin an. Wenn das der Fall ist, mussen Sie mich umgehend und im Detail uber diese Frau informieren, damit ich sie Ihnen ausreden kann. Meine Intuition sagt mir namlich, dass Sie sich momentan nicht binden sollten, Sie sind noch nicht bereit fur die nachste Beziehung. Sie haben ohnehin mich. Und Ihre Fantasievorstellung von mir kommt Ihrem Frauenideal sicher naher als irgendeine dahergelaufene Bekanntschaft aus einer vermutlich in rotem Plusch gehaltenen Bar (fur einsame graupelbarige Professorentypen) um zwei Uhr nachts, oder wie spat es auch immer war. Also bleiben Sie kunftig bitte daheim, trinken wir ab und zu gegen Mitternacht simultan ein Glas Wein aufeinander (ja, es darf ausnahmsweise auch Wei?wein sein). Und danach sind Sie mude und gehen schlafen, damit Sie am nachsten Tag wieder fit fur neue E-Mails an Ihre Fantasiegottin Emmi Rothner sind. Machen wir es so?


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, ach, ist das angenehm, wieder einmal so einen richtig bezaubernden Ansatz einer Eifersuchtsszene erleben zu konnen. Ich wei? schon: Das war naturlich italienisch konstruiert, aber ich habe es trotzdem genossen. Was meine Frauenbekanntschaften anbelangt, so schlage ich vor, dass wir es so halten wie mit Ihrem Ehemann und den beiden Kindern und deren sechs Streifenhornchen. Dies alles gehort einfach nicht hierher! Uns zwei gibt es hier nur fur uns zwei. Wir werden so lange in Kontakt bleiben, bis einem von uns die Luft ausgeht oder die Lust vergeht. Ich glaube nicht, dass ich es sein werde. Schonen Fruhlingstag, Ihr Leo.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Da fallt mir gerade ein: Was ist aus unserem Verabredungs- und Erkennungsspiel geworden? Wollen Sie nicht mehr? Muss ich mir wegen dieser ubernachtigten Pluschbar-Tussi wirklich Sorgen machen? Also, wie ware es mit ubermorgen, Sonntag,
25.3., ab 15 Uhr im uberfullten Gro?en Messecafe Huber? Machen wir es! Emmi.



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Doch, liebe Emmi. Gerne werde ich Sie erkennen. Allerdings ist mein kommendes Wochenende schon verplant. Ich fliege morgen Abend fur drei Tage nach Prag, ganz
»privat« sozusagen. Aber am nachsten Sonntag konnen wir unserem Gesellschaftsspiel gerne fronen.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        PRAG MIT WEM???


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, Emmi, wirklich nicht.



35 MINUTEN SPATER
        RE:
        Okay, wie Sie wollen (oder nicht wollen). Kommen Sie mir dann aber nicht mit Liebeskummer zuruck! Prag ist wie geschaffen fur Liebeskummer, vor allem Ende Marz: Alles grau in grau, und am Abend isst man in einem Lokal, das mit dem dunkelsten braunen Holz der Welt verkleidet ist, vor den Augen eines unterbeschaftigten depressiven Kellners, der aufgehort hat zu leben, nachdem er bei einem Staatsbesuch Breschnjew bedient hat, wei?e Knodel und trinkt braunes Bier. Danach geht gar nichts mehr. Warum fliegen Sie nicht nach Rom? Da kommt Ihnen der Sommer entgegen. Also ich wurde mit Ihnen nach Rom fliegen. Unser Erkennungsspiel wird ubrigens noch warten mussen. Ich bin ab Montag eine Woche Skifahren. Selbstverstandlich sage ich Ihnen, meinem vertrauten Schreibkumpanen, mit wem: mit einem Stuck Ehemann und zwei Stuck Kindern. (Und ohne Streifenhornchen!) Auf Wurlitzer passen die Nachbarn auf. Wurlitzer ist unser fetter Kater. Er sieht aus wie ein Wurlitzer, hat aber nur eine Platte drauf. Und er hasst Skifahrer, deshalb bleibt er daheim. Ich wunsche Ihnen einen wunderschonen Abend. Emmi.
        FUNF STUNDEN SPATER
        RE:
        Sind Sie schon zu Hause oder noch in der Dingsa-Pluschbar?
        Gute Nacht, Emmi.


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich bin schon zu Hause. Ich habe darauf gewartet, dass mich Emmi endlich kontrolliert. So, jetzt kann ich in Ruhe schlafen gehen. Da ich morgen zeitig unterwegs bin, wunsche ich Ihnen und Ihrer Familie jetzt schon eine angenehme Skiwoche. Gute Nacht. Wir lesen uns! Leo.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Tragen Sie einen Pyjama? Gute Nacht, E.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Schlafen Sie vielleicht nackt? Gute Nacht, L.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Hey, Meister Leo, das war ja richtiggehend erotisch gefragt. Hatte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Um diese plotzlich aufkeimende knisternde Spannung zwischen uns nicht zu zerstoren, verzichte ich besser darauf, Sie zu fragen, wie Ihr Pyjama aussieht. Also gute Nacht und schones Prag!



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Also schlafen Sie nackt?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Er will es wirklich wissen! Sagen wir, exklusiv fur Ihre Fantasiewelt, lieber Leo: Das kommt darauf an, neben wem. Und nun genie?en Sie Prag zu zweit! Emmi.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Zu dritt! Ich reise mit einer guten alten Freundin und ihrem Lebensgefahrten. Leo. (Ich drehe jetzt ab.)


        FUNF TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Liebe Emmi, sind Sie online, wenn Sie Ski fahren? Liebe Gru?e, Leo. PS: Sie hatten Recht mit Prag, mein befreundetes Paar hat beschlossen, sich zu trennen. Aber Rom ware da noch schlimmer gewesen.


        DREI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Liebe Emmi, jetzt konnten Sie dann aber langsam zuruckkommen. Mir fehlen Ihre Kontroll-E-Mails. Es macht mir momentan gar keinen Spa? mehr, nachtens in den Pluschbars herumzuhangen.


        EINEN TAG SPATER
        Kein Betreff
        Damit Sie drei E-Mails von mir in Ihrem Posteingang haben. Alles Liebe, Leo. (Gestern habe ich mir extra fur Sie oder zumindest in Gedanken an Sie einen neuen Pyjama gekauft.)


        DREI STUNDEN SPATER
        AW:
        Schreiben Sie mir nicht mehr?


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Konnen Sie mir noch nicht schreiben oder wollen Sie mir nicht mehr schreiben?


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Ich kann den neuen Pyjama auch umtauschen, wenn das das Problem ist.



40 MINUTEN SPATER
        RE:
        Ach Leo, Sie sind so su?!!! Aber es hat doch keinen Sinn, was wir hier tun. Das ist ja doch kein Ausschnitt aus dem wirklichen Leben. Meine Skiwoche: die war ein Ausschnitt aus dem wirklichen Leben. Sie war nicht der allerbeste Ausschnitt, aber sie war ein guter Ausschnitt, und ich bekenne mich dazu, ich wollte es nicht anders haben, also hab ich es, wie es ist, und so wie es ist, ist es schon okay so, wie es ist. Die Kinder haben ein bisschen genervt, aber das ist ihre Pflicht als Kinder. Au?erdem sind sie nicht von mir, und das werfen sie mir gelegentlich vor. Aber der Urlaub war schon okay so, wie er war. (Hab ich schon gesagt, dass er okay war, oder?)
        Leo, seien wir doch ehrlich: Ich bin fur Sie ein Fantasiebild, real daran sind nur ein paar Buchstaben, die von Ihnen sprachpsychologisch in einen klangvollen Zusammenhang gebracht werden konnen. Ich bin fur Sie wie Telefonsex, nur halt ohne Sex und ohne Telefon. Also: Computersex, nur ohne Sex und ohne Bilder zum Herunterladen. Und Sie sind fur mich reine Spielerei, eine Flirt-Wiederauffrischungsagentur. Ich kann das tun, was mir fehlt: Ich kann die ersten Schritte einer Annaherung erleben (ohne mich tatsachlich annahern zu mussen.) Nun sind wir zwei Hubschen aber bereits bei den zweiten und dritten Schritten einer Annaherung, die sich nicht annahern darf. Langsam sollten wir stehen bleiben, meine ich. Sonst werden wir annahernd lacherlich. Wir sind ja keine 15 mehr, also ich naturlich viel eher als Sie, aber wir sind es nicht, es hilft nichts. Leo, ich sage Ihnen noch etwas. Ich habe in dieser manchmal nervenden, aber insgesamt verdammt schonen, ruhigen, harmonischen, witzigen, ja phasenweise sogar romantischen Familien-Skiwoche standig an diesen unbekannten Graupelbaren namens Leo Leike denken
mussen. Das ist nicht okay. Das ist doch krank, oder? Sollten wir nicht Schluss machen?, fragt Emmi.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Ubrigens: Tut mir Leid wegen Ihres befreundeten Paares. Ja, Rom ware vermutlich die Holle gewesen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Wie sieht er denn aus, der neue Pyjama?


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Treffen
        Liebe Emmi, wollen wir nicht wenigstens noch unser »Erkennungstreffen« uber die Runden bringen? Wahrscheinlich wird es uns danach um einiges leichter fallen, die
»Annaherung, die keine sein darf«, sein zu lassen. Emmi, ich kann nicht einfach aufhoren, an Sie zu denken, indem ich aufhore, Ihnen zu schreiben und indem ich aufhore, auf Post von Ihnen zu warten. Das kommt mir so billig und pragmatisch vor. Machen wir noch unseren Test! Was sagen Sie? Alles Liebe, Leo. (Meinen neuen Pyjama kann man nicht beschreiben, den muss man sehen und angreifen.)


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Kommenden Sonntag, 15 bis 17 Uhr, im Gro?en Messecafe Huber? Lieber Gru?, Emmi. (Leo, Leo, das mit dem Pyjama, »man muss ihn sehen und angreifen«, das war eine echte Anmache. Wenn das nicht von Ihnen gekommen ware, hatte ich sogar gesagt: eine au?erst plumpe Anmache!)



50 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, das ist gut! Aber wir durfen nicht um Punkt 15 Uhr kommen und das Lokal um Punkt 17 Uhr wieder verlassen. Und wir durfen nicht allzu suchend dreinschauen. Und uberhaupt: keine verraterischen Auffalligkeiten. Sie durfen nicht im Aufdeckungsaffekt auf mich zugehen und mich fragen: Sie sind Leo Leike, stimmt's? Wir mussen uns wirklich die Chance geben, uns nicht zu erkennen. Ja?


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Ja, ja, ja, keine Angst, Herr Sprachprofessor, ich werde Ihnen schon nicht zu nahe treten. Um fur keine weiteren Verwirrungen zu sorgen, schlage ich vor, dass wir bis Sonntag ein gegenseitiges E-Mail-Verbot verhangen. Erst danach schreiben wir uns wieder, einverstanden?



40 SEKUNDEN SPATER

 AW:
        Einverstanden.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Was aber nicht hei?t, dass Sie jetzt jede Nacht in der Pluschbar versumpfen mussen.



25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Aber nein, das macht ja ohnehin nur Spa?, wenn mich Emmi Rothner allein fur die Vorstellung, es konnte so sein, stundlich zur Rechenschaft zieht.



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Dann bin ich beruhigt. Also bis Sonntag!



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Bis Sonntag!



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und Zahne putzen nicht vergessen!



25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie mussen immer das letzte Wort haben, stimmt's?



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        An sich schon. Aber wenn Sie jetzt noch einmal antworten, dann lasse ich es Ihnen.



40 MINUTEN SPATER
        AW:
        Nachwort zum Pyjama. Ich schrieb: »Man muss ihn sehen und angreifen.« Sie antworteten, das ware eine plumpe Anmache gewesen, hatte dies ein anderer als ich gesagt. Dagegen verwehre ich mich. Ich fordere, dass Sie mir in Hinkunft plumpe Anmachen als plumpe Anmachen anrechnen, wie jedem anderen auch. Lassen Sie mich so plump sein, wie ich bin. Im Konkreten: Meinen Pyjama sollten Sie wirklich angreifen, er fuhlt sich sensationell an. Geben Sie mir eine Adresse, und ich schicke ihn Ihnen zur Anfuhl-Probe. (Noch immer plump?) Gute Nacht!


        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Disziplin
        Alle Achtung, Emmi, Sie sind diszipliniert! Bis ubermorgen im Cafe Huber. Ihr Leo.


        DREI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Hallo Leo, waren Sie dort?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Naturlich!



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Schei?e! Ich hab's befurchtet.



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Was haben Sie befurchtet, Emmi?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Alle Manner, die in Frage kommen, Leo Leike gewesen zu sein, waren absolut indiskutabel, ich meine, rein optisch. Tut mir Leid, das klingt jetzt vielleicht brutal, aber ich sage es, wie es ist. Leo, ehrlich: Waren Sie gestern zwischen drei und funf wirklich im Cafe Huber? Also nicht versteckt in der Toilette oder verschanzt im Gebaude vis-a-vis, sondern echt an der Bar oder im Kaffeeraum, sitzend oder stehend, hockend oder kniend, ganz egal?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Ja, Emmi, ich war tatsachlich anwesend. Welche Manner sind denn fur Sie in Frage gekommen, Leo Leike gewesen zu sein, wenn ich fragen darf?


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, es graut mir, diesbezuglich ins Detail zu gehen. Sagen Sie mir nur bitte: Sie waren nicht zufallig der - ah, wie sag ich's -, der mit naturbelassenem Vollkorper-Drahtburstenhaar ausgestattete stammige, eher kleingewachsene Herr im ehemals wei?en T-Shirt, mit der um die Hufte gebundenen violetten Skipullover-Attrappe, der am Eck der Bar einen Campari oder so etwas Rotliches getrunken hat? Ich meine, wenn Sie es waren, dann nur so viel: Geschmacker sind eben verschieden. Es gibt sicher genugend Frauen, die so einen Typen rasend interessant und absolut attraktiv finden. Und ich mache mir da uberhaupt keine Sorgen, dass auch irgendwann einmal eine Frau furs Leben dabei sein wird. Aber ich muss gestehen: Mein Fall waren Sie dann offen gesagt eher nicht so ganz, tut mir Leid.



18 MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, Ihre entwaffnende und sich selbst entlarvende Offenheit in Ehren: Aber
»nicht verletzend« zu sein, zahlt nicht zu Ihren Starken. Fur Sie hat das Aussehen offenbar wirklich hochste Prioritat. Sie tun gerade so, als wurde Ihr Liebesleben der nachsten Jahrzehnte davon abhangen, wie korperlich anziehend Ihr E-Mail-Freund auf Sie wirkt. Ich kann Sie furs Erste ubrigens beruhigen: das nach Frischfleisch Ausschau haltende Zottelmonster an der Theke ist nicht identisch mit meiner Person. Aber schildern Sie ruhig weiter: Wer darf ich noch nicht gewesen sein? Und daran anschlie?end gleich die Zusatzfrage: Wenn ich einer von denen bin, die fur Sie »optisch indiskutabel« waren, ist dann unser E-Mail-Verkehr beendet?



13 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, nein, naturlich mailen wir ungehemmt weiter. Sie kennen mich ja: Ich ubertreibe ma?los. Ich steigere mich gerade in etwas hinein und will dabei nicht gestort werden. Ich habe eben gestern keinen einzigen Mann im Lokal gesehen, den ich auch nur annahernd so spannend gefunden habe, wie Sie mir schreiben, lieber Leo. Und genau das hatte ich befurchtet: An Ihre schuchterne, aufmerksame, dann wieder treffsichere, plotzlich offene, graupelbarig entzuckende, mitunter sogar ansatzweise sinnliche, jedenfalls unheimlich feinfuhlige Art, mir schriftlich zu begegnen, kommt keines dieser faden Sonntagnachmittagsgesichter im Cafe Huber auch nur im Entferntesten heran.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Wirklich kein einziges? Vielleicht haben Sie mich einfach ubersehen.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, Sie machen mir wieder Mut. Aber ich glaube leider nicht, dass ich wen ubersehen habe, den man nicht ubersehen hatte mussen. Recht su? habe ich die beiden gepiercten Freaks gefunden, die am dritten Tisch links gesessen sind. Aber die waren nicht alter als zwanzig. Ein sehr interessanter Typ, vielleicht der einzige uberhaupt, stand mit so einem langbeinigen blonden Vamp-Engel-Model rechts hinten an der Theke - Handchen haltend. Der wollte und hat wohl auch niemand anderen gesehen als sie. Dann war da noch ein recht sympathischer, leider etwas debil grinsender Rudereuropameister mit Nachrangtafel-Korperbau - nein, Leo, das waren nicht Sie! Und sonst? - Kleingarten-Rasenmaher-Anwerfer, Bierdeckel sammelnde Brauereiaktienbesitzer, in Firmlingssakkos gehullte Diplomatenkoffertrager, Baumarktstammkunden, deren Finger bereits in Schraubenschlussel mutiert sind. Segelflugschulbesucher mit infantil vertraumten Blicken, also ewige Buben. Aber weit und breit kein charismatischer Typ. Dazu meine bange Frage: Wer von denen war mein Sprachpsychologe? Wer war mein Leo Leike? Habe ich ihn an diesem
schicksalhaften Sonntagnachmittag an das Cafe Huber verloren?


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Ohne uberheblich sein zu wollen, liebe Emmi: Ich habe gewusst, dass Sie mich nicht erkennen werden!



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        LEO, WER WAREN SIE? SAGEN SIE'S!!


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Reden wir morgen weiter, ich habe jetzt eine Verabredung, liebe Emmi. Und danken Sie dem lieben Herrgott, dass Sie schon einen Mann furs Leben gefunden haben. Ubrigens, nur ganz schuchtern angemerkt: Wir haben noch gar nicht von Ihnen gesprochen, ist Ihnen das schon aufgefallen? Wer war wohl Emmi Rothner? Dazu morgen mehr. Alles Liebe, Ihr Leo.



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Was? So lassen Sie mich jetzt allein? Leo, das konnen Sie mir nicht antun! Melden Sie sich! Sofort! Bitte!


        EINE HALBE STUNDE SPATER
        RE:
        Er meldet sich wirklich nicht. Vielleicht war er doch das Zottelmonster ...



        KAPITEL DREI

        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Albtraum
        Leo Leike, ich wei? es!! Ich bin gerade schwei?gebadet aufgewacht. Ich bin dahinter gekommen! Das war ja wirklich perfekt eingefadelt. Sie waren von Anfang an todsicher, dass ich Sie nicht erkennen wurde. Kein Wunder: SIE WAREN EIN KELLNER! Sie sind mit dem Chef befreundet, und der hat Ihnen erlaubt, fur zwei Stunden Kellner zu spielen, stimmt's? Ich wei? auch, welcher Kellner Sie waren. Es kommt eigentlich nur einer in Frage, die anderen sind zu alt: Sie sind der dunne Kleine mit den schwarzen runden Hornbrillen!



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und? Enttauscht? (Guten Tag ubrigens.)


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Enttauscht? Ernuchtert! Gekrankt! Verargert! Verarscht! Sie haben mich hineingelegt. Ich fuhle mich betrogen. Sie hatten dieses uble Spiel von Anfang an geplant. Von Ihnen kam ja der Vorschlag, das Messecafe Huber furs Treffen zu wahlen. Vermutlich hat sich die gesamte Belegschaft wochenlang auf meine Kosten amusiert. Ich finde das schabig, grauenhaft. Das ist nicht der Leo Leike, den ich kenne. Das ist nicht der Leo Leike, den ich kennen gelernt habe. Das ist nicht der Leo Leike, den ich kennen gelernt hatte! Das ist nicht der Leo, den ich auch nur einen Millimeter naher kennen lernen will. Mit dieser Aktion haben Sie alles, was wir uber Monate aufgebaut haben, zunichte gemacht. Leben Sie wohl!


        NEUN MINUTEN SPATER
        AW:
        Und gefalle ich Ihnen wenigstens, ich meine - optisch?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Wollen Sie eine ehrliche Antwort? Die gebe ich Ihnen gerne zum Abschluss.



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Wenn es Ihnen keine Umstande macht - das ware schon nett.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ich finde Sie nicht schon. Ich finde Sie nicht einmal hasslich. Ich finde Sie absolut nichts sagend. Absolut langweilig. Vollig uninteressant. Einfach nur: Waaaa- aaaaaaaaa!


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Wirklich? Das klingt ja echt brutal. Da kann ich nur froh sein, dass ich nicht in der Haut dieses Mannes stecke. Und dass ich auch nicht in seinem Kellnergewand gesteckt habe. Kurzum: Ich war nicht er, ich bin nicht er, und ich werde wohl auch niemals er sein. Ich war ubrigens auch sonst kein Kellner. Ich war auch kein Zustelldienst oder Kuchengehilfe. Ich war kein Polizist in Uniform. Ich war auch nicht die Klofrau. Ich war der ganz normale Leo Leike, Gast im Kaffeehaus Huber am Sonntag zwischen drei und funf. Schade um Ihren Schlaf, liebe Emmi »Aussehen uber alles« Rothner. Schade um Ihren verschwendeten Albtraum!


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, danke!!!!!! Jetzt brauche ich einen Whiskey.



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich schlage vor: Reden wir besser von Ihnen, damit sich Ihre Nerven beruhigen. Ich schicke vorweg, dass mir das Au?ere einer Frau, selbst wenn es mir noch so wichtig ist, offenbar nicht annahernd so wichtig sein kann wie Ihnen das Au?ere eines Mannes. Dementsprechend entspannt durfte ich feststellen, dass sich zum gegebenen Zeitpunkt im Lokal auffallend viele interessante Frauen befanden, die es Wert gewesen waren, Emmi Rothner zu sein.
        (Ich muss kurz unterbrechen, wir haben eine Konferenz, nebenberuflich arbeite ich namlich. Das werde ich mir aber bald nicht mehr leisten konnen.) Ich melde mich in etwa zwei Stunden und setze dann fort, wenn es recht ist. Sie sollten ubrigens langsam die Whiskeyflasche zur Seite stellen ...


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:

1.) Ich fasse es noch immer nicht, dass einer, der beim Schreiben so eine Nahe aufbauen kann, dass er sogar fahig ist, Emmi in ihren intimsten Haltungen (beim Whiskeytrinken) aufzuspuren, ich fasse es nicht, dass einer, der so schreibt, gleichzeitig so aussieht wie einer von denen, die ich mit eigenen Augen im Cafe Huber gesehen habe! Deshalb frage ich Sie noch einmal, lieber Leo: Kann es nicht sein, dass ich Sie einfach ubersehen habe? Bitte sagen Sie ja! Ich will nicht, dass Sie ein Mann aus einer der von mir gestern erwahnten Mannerkategorien sind. Es ware so schade um Sie!

2.) Vielleicht waren gar nicht so viele »auffallend interessante Frauen« im Lokal. Vielleicht interessiert sich nur Mister Leike auffallend fur (auffallend viele) Frauen.

3.) Trotzdem wurde ich gerne mit Ihnen tauschen. Sie konnen sich aus einem
»auffallend interessanten« Angebot die Emmi Rothner Ihrer Lust, Laune und Fantasiekraft wahlen. Wahrend ich mich mit einem Leo Leike abfinden muss, den ich im absolut besten Falle ubersehen habe, was ja auch nicht gerade ein Qualitatsmerkmal darstellt.

4.) Offensichtlich haben Sie keine Ahnung, wer ich bin.
        So, jetzt durfen Sie wieder, Leo!


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Danke Emmi, endlich wieder ein Rothner'sches Punkteprogramm. Darf ich gleich zu Punkt 4.) schreiten? - Sie irren, wenn Sie meinen, dass ich keine Ahnung habe, wer Sie sind. Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht genau wei?, wer Sie sind. Es gibt exakt drei Moglichkeiten. Ich bin uberzeugt davon, dass Sie eine der drei Frauen sind. Ist es Ihnen recht, wenn ich bei der Nummerierung der Typologie Buchstaben statt Zahlen verwende, damit das Ganze nicht nach einer Siegerehrung mit Podestplatzen aussieht? - Das sind also meine Rothner-Kandidatinnen:
        A.) Der Prototyp, Ur-Emmi. Stand an der Bar, vierte von links. Etwa 1,65 gro?, zierlich, kurze dunkle Haare. Knapp unter 40. Hektisch, nervos, schnelle Motorik, drehte standig an ihrem Whiskeyglas(!!), Kopf erhaben, Blick von oben herab nach unten gerichtet. (Mit wurdevoller Arroganz uberspielte leichte Unsicherheit.) Hose, Jacke: modisch flippig. Witzige Filzhandtasche. Grune Schuhe, die so aussahen, als waren sie aus einer personlichen Auswahl von 100 Paaren als Sieger des Sonntagnachmittags hervorgegangen. (Schuhgro?e etwa 37!!!) Beobachtete Manner so, wie man Manner beobachtet, die das nicht merken durfen. Gesichtszuge: fein, ein bisschen unlocker. Gesicht: schon. Typ: burschikos, speedig, temperamentvoll. Also eine echte Emmi Rothner.
        B.) Die Gegenprobe, Blond-Emmi. Wechselte dreimal den Platz, sa? zuerst vorne rechts, dann ganz hinten, dann in der Mitte, zuletzt noch kurz an der Bar. Sehr souveran, etwas langsamer in den Bewegungen (als die Ur-Emmi). Blonde, strahnige Haare, gestylt auf 80er Jahre. Alter um die 35. Getrank: zunachst Kaffee, dann Rotwein. Rauchte eine Zigarette. (Sah dabei sehr genie?erisch und gar nicht suchtig aus.) Korpergro?e: gut 1,75. Schlank, lange Beine. Rote Markenturnschuhe. (Schuhgro?e etwa 37!!!) Verwaschene Jeans, enges schwarzes T-Shirt (gro?er Busen, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf). Beobachtete Manner perfekt beilaufig. Gesichtszuge: locker. Gesicht: schon. Typ: weiblich, selbstsicher, cool.
        C.) Der Antityp, Uberraschungs-Emmi. Machte immer wieder Streifzuge durch den Salon, stand mehrmals kurz an der Bar. Sehr schuchtern. Exotischer Teint, gro?e, mandelformige Augen, verschleierter Blick, scheinbar menschenscheu. Schulterlange, vorne stufige, brunette Haare. Alter um die 35. Getranke: Kaffee, Mineralwasser. Gro?e: etwa 1,70. Schlank, tolle schwarz-gelbe Hose (war sicher nicht billig), lassige, dunkle Stiefeletten. Markanter, eckiger Ehering! (Schuhgro?e etwa 37!!!) Schaute suchend um sich, wirkte dabei vertraumt, verklart, melancholisch, traurig. Gesichtszuge: weich. Gesicht: schon. Typ: feminin, sinnlich, schuchtern, scheu. Und vielleicht gerade deshalb: Emmi Rothner.
        So, liebe Emmi, die drei kann ich Ihnen anbieten. Vielleicht zum Abschluss noch eine Antwort auf Ihre drangende Frage 1.), ob Sie mich nicht ubersehen haben konnten: Ja, selbstverstandlich, Sie hatten mich ubersehen konnen. Aber Sie haben mich nicht ubersehen, tut mir Leid! Ihr Leo.


        FUNF STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, krieg ich heute keine Mail mehr von Ihnen? Leiden Sie so sehr unter den Grenzen Ihrer optischen Vorstellungskraft? Ist es Ihnen nunmehr egal, ob ich mich nachtelang in den Pluschbars herumtreibe? (Und mit wem?) Gute Nacht, Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Ratselhaft
        Mahlzeit, Leo. Sie reiben mich auf, ich kann an nichts anderes mehr denken! Die haben Sie ja ganz nett beschrieben, die drei! Ich bin verblufft, Sie uberraschen mich andauernd. Ach, hatte ich Sie nur nie gesehen!!! Leo, angenommen, ich bin tatsachlich eine der drei Frauen: Wie war es Ihnen moglich, die so genau zu beobachten, ohne als Beobachter sofort erkannt zu werden? Waren Sie mit einer Videokamera unterwegs? Oder andersrum: Sollte ich tatsachlich eine der drei gewesen sein, muss ich Sie ebenfalls sehr genau wahrgenommen haben. Habe ich Sie sehr genau wahrgenommen, bestatigt sich mein Verdacht, dass Sie einer von denen waren, die nicht Leo Leike sein durfen, weil sie - Verzeihung - einfach stinklangweilig aussahen. Zweitens (heute keine Zahl, nur Worte. Sie haben ja mit Zahlen nur so herumgeworfen, da haben eigentlich nur noch die genauen Korperma?e gefehlt): Also warum gerade die drei?
        Drittens: Welche der drei ware Ihnen am liebsten?
        Viertens: Sagen Sie, wer Sie waren. Bitte! Geben Sie mir wenigstens einen kleinen Hinweis.
        In freundlicher, wenn auch wachsender Ungeduld, Ihre Emmi.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Warum gerade die drei? - Emmi, fur mich ist einfach schon seit langerem klar: Sie sind eine so genannte »verdammt gut aussehende Frau«. Denn, verdammt: Sie wissen, dass Sie gut aussehen. Sie lassen es sich namlich anmerken, dass Sie wissen, dass Sie gut aussehen. Sie schreiben es immer wieder zwischen und manchmal sogar in den Zeilen selbst. Damit blufft keine Frau, die nicht hundertprozentig sicher ist, dass sie auf Manner gut wirkt. Sie sind sogar beleidigt, wenn Sie als
»interessante Frau« nicht sofort alle anderen anwesenden Frauen hinter sich lassen und vergessen machen. Ich erinnere Sie an Ihren Punkt 2.) von gestern. Da schrieben Sie: »Vielleicht waren gar nicht so viele >auffallend interessante Frauen< im Lokal. Vielleicht interessiert sich nur Mister Leike auffallend fur (auffallend viele) Frauen.« Sie halten sich also fur die Interessanteste von allen und empfinden es beinahe als Frechheit, nicht sofort als diese erkannt zu werden. So hatte ich es leicht: Ich musste nur nach attraktiven Frauen Ausschau halten, die erstens suchend wirkten (wie gut oder schlecht auch immer getarnt) und die zweitens Schuhgro?e 37 haben konnten. Und das waren exakt diese drei.
        Zu Ihrem »Drittens«: Die Frage, welche der drei mir am liebsten ware, stellt sich nicht. Alle drei sind auf ihre Art anziehend, aber alle drei sind fur mich glucklich verheiratet, haben zwei Kinder und wenn schon nicht sechs Streifenhornchen, so doch einen Kater namens Wurlitzer. Alle drei leben fur mich in einer anderen Welt, in die ich nur virtuell hineinblicken darf, in die real zu treten ich aber unbefugt bin und bleibe. Ich habe schon mehrmals gesagt, dass ich mir meine Emmi Rothner lieber im Kopf (beziehungsweise auf dem Bildschirm) ausmale, statt ihr in der Wirklichkeit nachzujagen oder nachzutrauern. Ich will Ihnen aber verraten, dass mir Emmi Rothner, Nummer 1.), die UrEmmi, am authentischsten erscheint, dass diese der schreibenden Rothner, wie sie sich mir prasentiert, am nachsten kommt.
        Zu Ihrem »Viertens«: Wenn Sie eingestehen, dass Sie identisch mit einer meiner drei Emmi-Kandidatinnen sind, dann gebe ich Ihnen einen Hinweis, wer ich gewesen sein konnte. Alles Liebe, Ihr Leo.



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Also gut, Leo. Aber zuerst Ihr Hinweis, dann meine Bestatigung oder Fehlermeldung!


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Haben Sie Geschwister?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Ja, eine altere Schwester, die lebt in der Schweiz. Wieso? War das der Hinweis?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ja, das war der Hinweis, Emmi.



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Der weist aber auf nichts hin!


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Ich hab einen alteren Bruder und eine jungere Schwester.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Spannend, Leo. Davon reden wir bitte ein andermal. Momentan bin ich namlich mit meinem Kopf ganz beim moglichen Bruder des alteren Bruders und der jungeren Schwester.



50 MINUTEN SPATER
        RE:
        Hallo Leo, wo sind Sie? Ist das eine Folterspannpause?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Meine Schwester Adrienne sehe ich sehr oft. Wir haben ein inniges Verhaltnis. Wir erzahlen uns alles. So, liebe Emmi, das war jetzt mehr als ein Hinweis. Den Rest mussen Sie sich selber zusammenreimen. Und jetzt verraten Sie mir: Waren Sie eine meiner drei »Emmis«?



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Leo, das ist kryptisch! EINE klare Andeutung, bitte! Dann sage ich es Ihnen.



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Fragen Sie mich, wie meine Schwester aussieht.

35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Wie sieht Ihre Schwester aus?



25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Sie ist gro? und blond.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Aha, schon, okay, ich gebe auf!
        Lieber Leo, Sprachpsychologe, Menschenbeobachter: ICH BIN TATSACHLICH EINE VON DEN DREIEN. Aber unterschiedlicher konnen drei Frauen mit ein und derselben Schuhgro?e ohnehin nicht sein, so, wie Sie sie beschreiben. Mich wundert, dass Sie alle drei gleichzeitig interessant und anziehend finden konnen. Aber so sind Manner eben.
        Ich wunsche Ihnen noch einen angenehmen Abend. Ich mache Leo-Pause. Ich muss mich einmal wieder mit anderen, essentielleren Dingen beschaftigen. Tschuss, Emmi.


        EINE STUNDE SPATER
        AW:
        Jetzt waren Sie ganz Ur-Emmi, Nummer eins.


        FUNF STUNDEN SPATER
        AW:
        Meine Schwester ist Model. Gute Nacht!


        AM NACHSTEN
        Tag Betreff: !!!!!!!!
        NEIN!



45 MINUTEN SPATER
        AW:
        Doch.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Das langbeinige, blonde Vamp-Engel-Model?



25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ist meine Schwester!


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Und Sie waren der Typ, der mit ihr Handchen gehalten und sie so verliebt angesehen hat.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Das war nur Tarnung. Sie hat inzwischen die Frauen beobachtet und mir alle in Frage kommenden Emmis bis ins Detail beschrieben.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Schei?e, ich wei? nicht mehr, wie Sie ausgesehen haben! Ich habe Sie nur ganz, ganz fluchtig gesehen.



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Immerhin habe ich fur Sie die Ehre der Manner dieses Nachmittags im Kaffeehaus gerettet. Wie sagten Sie doch gleich: »Ein sehr interessanter Typ, vielleicht der einzige uberhaupt, stand mit so einem langbeinigen blonden Vamp-Engel-Model rechts hinten an der Theke«. Das drucke ich aus und rahme mir ein!


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Darauf durfen Sie sich nicht zu viel einbilden, mein Lieber. Ich habe im Grunde nur diese wirklich schone kuhle Blonde gesehen. Und ich dachte: Wer mit so einer Frau zusammen ist, muss wohl ein interessanter Typ sein. Von Ihnen wei? ich nur: Sie sind relativ gro?, relativ schlank, relativ jung, relativ gut angezogen. Sie haben auch noch relativ Haare und relativ Zahne, soweit ich mich erinnern kann. Das wirklich Beeindruckende an Ihnen habe ich vom Gesicht Ihrer vermeintlichen Geliebten, Ihrer Schwester, abgelesen. Sie hat Sie so angesehen, wie man wen ansieht, den man wirklich innig mag und schatzt. Aber vielleicht war das ja auch nur gespielt, um Emmi Rothner abzuschutteln. Ubrigens war das wirklich eine intelligente Aktion von Ihnen, dort mit Ihrer Schwester aufzukreuzen. Ich finde es auch nett, dass Sie mit ihr uber mich reden. Da habe ich ein gutes Gefuhl dabei. Ich glaube, Sie sind echt okay, Leo! (Und ich bin uberglucklich, dass Sie weder der Zottelbar noch sonst wer aus Cafe Hubers Gruselkabinett sind.)



30 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und ich habe erst recht keine Ahnung, wie Sie aussehen, meine Liebe. Ich bin immer mit dem Rucken zu den von Adrienne aufgespurten EmmiKandidatinnen gestanden. Sie hat mir die Frauen aus »Frauensicht« beschrieben, deshalb auch die modischen Details. Personliche Wahrnehmungen hatte ich gar keine.


        EINE STUNDE SPATER
        RE:
        Eine Frage noch, Leo, bevor wir unser Partnerspiel so klug beenden, wie wir es begonnen haben: Welche »Emmi« wurde Ihrer Schwester am besten gefallen, beziehungsweise welche glaubt sie, dass ich bin?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Bei einer hat sie gemeint: »Das konnte sie sein!« Bei einer hat sie gesagt: »Das ist sie wahrscheinlich!« Und von einer dritten hat sie behauptet: »In die wurdest du dich verlieben!«



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        IN WELCHE WURDEN SIE SICH VERLIEBEN????



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, das werde ich Ihnen mit hundertprozentiger Sicherheit NIEMALS verraten. Sparen Sie sich bitte jede Muhe, es aus mir herauspressen zu wollen. Schonen Abend noch. Danke fur das aufregende »Spiel«. Ich mag Sie sehr gerne, Emmi! Ihr Leo.



25 SEKUNDEN SPATER
        R.E:
        In die Blonde mit dem gro?en Busen, stimmt's?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Keine Chance, liebe Emmi!


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Eine ausweichende Antwort ist auch eine Antwort. Also die Blonde mit dem gro?en Busen!


        AM NACHSTEN ABEND
        Betreff: Kein guter Tag
        Lieber Leo, hatten Sie heute einen guten Tag? Ich hatte keinen guten Tag. Guten Abend, gute Nacht. Emmi.
        (Ubrigens: An welche Emmi denken Sie jetzt, wenn Sie an Emmi denken? Ich hoffe, dass Sie uberhaupt noch an Emmi denken!)


        DREIEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Wenn ich an Emmi denke, dann denke ich an keine der drei von meiner Schwester beschriebenen Emmis, sondern an die vierte, an meine. Und: Ja, klar denke ich noch immer an Emmi. Warum hatten Sie keinen guten Tag? Was war das Schlechte daran? Gute Nacht, guten Morgen, Ihr Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Ein guter Tag!
        Guten Morgen. Sehen Sie, lieber Leo, so beginnt ein guter Tag! Ich mache die Mailbox auf und es leuchtet mir eine Nachricht von Leo Leike entgegen. Gestern: schlechter Tag. Keine Mail von Leo. Kein gar nichts. Kein uberhaupt nichts. Kein bisschen etwas von Leo. Was soll aus so einem Tag werden? Leo, ich sage Ihnen etwas: Ich glaube, wir sollten aufhoren. Ich mache mich abhangig von Ihnen. Ich kann nicht den ganzen Tag darauf warten, eine E-Mail von einem Mann zu bekommen, der mir den Rucken zuwendet, wenn er mich trifft, der mich nicht kennen lernen will, der nur Mails von mir will, der meine Worte dazu benutzt, sich die Frau seiner Schopfung zu basteln, weil er sich mit Frauen, die ihm wirklich begegnen, vermutlich bis uber die Schmerzgrenze plagt. Ich kann so nicht weiter. Es ist unbefriedigend. Verstehen Sie das, Leo?


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Okay, ich verstehe Sie. Dazu vier Fragen, ganz dem Rothner'schen Frageschema verpflichtet.

1.) Wollen Sie mich personlich kennen lernen?

2.) Wozu?

3.) Wo soll das hinfuhren?

4.) Soll Ihr Mann davon wissen?



30 MINUTEN SPATER
        RE:
        Zu 1.) Ob ich Sie personlich kennen lernen will? Naturlich will ich Sie personlich kennen lernen. Besser personlich als unpersonlich, oder? Zu 2.) Wozu? Das wei? ich erst, wenn wir uns kennen gelernt haben.
        Zu 3.) Wo es hinfuhren soll? Dort, wo es hinfuhrt. Wurde es nicht dort hinfuhren, dann soll es auch nicht dort hinfuhren. Also fuhrt es ohnehin dort hin, wo es hinfuhren soll.
        Zu 4.) Ob mein Mann davon wissen soll? Das wei? ich erst, wenn ich wei?, wo es hingefuhrt hat.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie wurden also Ihren Mann betrugen?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Wer hat das gesagt?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das lese ich heraus.



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Passen Sie auf, dass Sie nicht zu viel herauslesen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Was fehlt Ihnen an Ihrem Mann?



15 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Gar nichts. Uberhaupt nichts. Wie kommen Sie auf die Idee, dass mir etwas an ihm fehlt?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das lese ich heraus.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Woraus lesen Sie das? (Langsam nerven Sie ein bisschen mit Ihrer Herauslese-Sprachpsychologie.)


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich lese es aus der Art, wie Sie mir zu verstehen geben, dass Sie irgendwas von mir wollen. Was es ist, konnen Sie zwar erst sagen, wenn Sie mich kennen gelernt haben. Aber DASS Sie etwas wollen, ist unumstritten. Oder anders: Sie suchen etwas. Nennen wir es Abenteuer. Wer ein Abenteuer sucht, erlebt gerade keines. Stimmt's?


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Ja, ich suche etwas. Ich suche dringend einen Geistlichen, der mir erklart, was es hei?t, seinen Mann zu betrugen. Oder zumindest, wie sich das ein Geistlicher so vorstellt, ein Geistlicher, der selbst noch nie betrogen hat, weil ihm nicht nur diejenige Frau fehlt, mit der er seine Frau betrugen konnte, sondern auch diejenige Frau, die er betrugen konnte, sieht man von der Muttergottes ab. Leo, bitte machen Sie nicht auf »Dornenvogel«! Ich suche kein »Abenteuer« mit Ihnen. Ich will einfach nur sehen, wer Sie sind. Ich will meinem Mail-Vertrauten einmal in die Augen schauen. Wenn das fur Sie »betrugen« hei?t, dann bekenne ich mich dazu, eine potenzielle Betrugerin zu sein.



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Aber Ihrem Mann wurden Sie sicherheitshalber trotzdem nichts davon erzahlen.



15 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, ich mag es nicht, wenn Sie so moralinsauer unterwegs sind! Seien Sie es von mir aus in eigener Angelegenheit, aber nicht in meiner. Glucklich verheiratet zu sein bedeutet nicht, dass man dem Partner einen taglichen Rechenschaftsbericht uber jedes seiner Treffen abzuliefern hat. Damit wurde ich Bernhard auch zu Tode langweilen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Also wurden Sie Ihrem Bernhard nichts von unserem Treffen erzahlen, weil Sie befurchteten, es wurde ihn zu Tode langweilen?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Schon wie Sie »Ihrem Bernhard« schreiben, Leo! Ich kann nichts dafur, dass mein Mann auch einen Namen hat. Das hei?t noch lange nicht, dass er mir gehort, dass er taglich 24 Stunden angekettet an meiner Seite verbringt, wo ich ihn ununterbrochen streichle und dazu regelma?ig »Mein Bernhard!« gluckse. Leo, ich glaube, Sie haben wirklich keine Ahnung von einer Ehe.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, ich habe noch mit keinem einzigen Wort uber Ehe gesprochen. Ubrigens haben Sie meine letzte Frage nicht beantwortet. Aber wie sagten Sie kurzlich? - Eine ausweichende Antwort ist auch eine Antwort.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, schlie?en wir das ab. Auf die entscheidende Frage bleiben namlich SIE mir die Antwort schuldig. Ich spreche sie aber gerne noch einmal aus: Leo, wollen Sie mich treffen? Wenn ja, dann tun Sie es! Wenn nein, dann verraten Sie mir, was das Ganze soll, wie es weitergehen soll beziehungsweise ob es uberhaupt weitergehen soll.



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Warum konnen wir uns nicht schriftlich unterhalten, wie bisher?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ich fasse es nicht: Er will mich einfach nicht kennen lernen! LEO, Sie Unverbesserlicher, vielleicht bin ich die Blonde mit dem gro?en Busen!!!



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Was hatte ich davon?



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Sie konnten hinstarren.



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Und das wurde Ihnen gefallen?



25 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Mir nicht, aber Ihnen! Das gefallt jedem Mann, vor allem denen, die es nicht zugeben.



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Solche Dialoge gefallen mir viel besser.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Aha, also doch ein verklemmter Verbalerotiker.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Das war ein gutes Schlusswort, Emmi. Ich muss dann leider au?er Haus. Ich wunsche Ihnen einen angenehmen Abend.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Das waren heute 28 E-Mails zwischen uns beiden, Leo. Was ist dabei herausgekommen? Nichts. Was ist Ihr Motto? - Die Unverbindlichkeit. Was ist Ihr Schlusswort? - Sie wunschen mir einen »angenehmen Abend«. Da sind wir etwa auf der Stufe von »Frohe Weihnachten und ein gutes neue Jahr wunscht Emmi Rothner«. Kurzum: Wir sind uns in hundert E-Mails und einem professionell durchgezogenen Nur-ja-nicht-Kennenlern-Treffen keinen Millimeter naher gekommen. Was unsere
»innige Unbekanntschaft« aufrecht halt, ist einzig der horrende Aufwand, den wir dafur betrieben haben und betreiben. Leo. Leo. Leo. Schade. Schade. Schade.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Wenn ich Ihnen einen Tag keine einzige E-Mail schicke, beschweren Sie sich. Und wenn ich Ihnen innerhalb von funf Stunden 14 E-Mails schicke, beschweren Sie sich ebenfalls. Ich glaube, ich kann es Ihnen derzeit nicht recht machen, liebe Emmi.



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Nicht per E-Mail!!! Angenehmen Abend, Herr Leike.


        NACH VIER TAGEN
        Kein Betreff
        Kuckuck! Lg, Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Leo, wenn das Taktik sein soll, ist es eine miese Taktik! Sie konnen mich gern haben. Ich schreibe Ihnen nicht mehr. Tschuss.


        FUNF TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Aber Strom haben Sie schon noch, Leo, oder?
        Ich mache mir langsam Sorgen um Sie. Schreiben Sie wenigstens »Maaah!«


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Okay, Emmi, von mir aus treffen wir uns. Wollen Sie noch? Wann? Heute? Morgen? Ubermorgen?



15 MINUTEN SPATER
        RE:
        Sieh an, der Verschollene! - Und jetzt hat er es auf einmal ziemlich eilig, mich zu treffen. Ja, moglicherweise will ich noch. Aber zuerst erklaren Sie mir, warum Sie sich eineinhalb Wochen nicht gemeldet haben. Und bitte erklaren Sie es gut!!


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Meine Mutter ist gestorben. Gut erklart?



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Schei?e. Ehrlich? Woran?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Alles in allem an ihrem Ungluck. Im Spital sagen sie »bosartiger Tumor« dazu. Es ist zum Gluck ziemlich schnell gegangen. Korperlich hat sie nur noch kurz gelitten.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Waren Sie bei ihr, als sie starb?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Beinahe. Ich war mit meiner Schwester im Warteraum. Die Arzte hatten gemeint, es sei jetzt nicht so gunstig, sie zu sehen. Ich frage mich, wann es jemals
»gunstiger« gewesen ware.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Hatten Sie eine starke Bindung zu ihr? (Verzeihen Sie, Leo, es sind immer die gleichen Fragen, die man da stellt.)


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Noch vor einer Woche hatte ich gesagt: Nein, ich hatte uberhaupt keine Bindung zu ihr. Heute frage ich mich, was, wenn nicht »Bindung«, zerfrisst mir da den Magen. Ich will Sie aber nicht mit meiner Familiengeschichte langweilen, Emmi.


        SECHS MINUTEN SPATER
        RE:
        Das tun Sie uberhaupt nicht, Leo. Wollen Sie mich treffen und daruber sprechen? Vielleicht bin ich genau die Richtige in dieser Situation. Ganz weit drau?en aus Ihrem Leben - und doch irgendwie nah an Ihnen dran. Vergessen wir einmal alle Au?erlichkeiten - und treffen wir uns wie gute, alte, enge Freunde.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja gut, ich danke Ihnen Emmi! Treffen wir uns heute Abend? Ich warne Sie aber. Ich habe soeben einen neuen Hohepunkt meiner »Humorlosigkeit« erreicht.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber, lieber Leo, heute Abend geht es leider nicht. Aber morgen Abend! So gegen
19 Uhr? In einem Innenstadt-Cafe?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Morgen ist das Begrabnis. Aber 19 Uhr musste sich ausgehen. Ich schreibe Ihnen bis
17 Uhr eine E-Mail. Dann machen wir uns aus, wo genau wir uns treffen. Einverstanden?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Ja, Leo, machen wir es so. Ich wurde Ihnen noch gerne etwas Trostendes sagen. Aber das klingt dann vielleicht wie »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr«. Also lasse ich es lieber. Ich bin ganz bei Ihnen. Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist. Ich wage jetzt nicht einmal, Ihnen »Gute Nacht« zu wunschen. Denn diese Nacht, die wird sicher nicht gut werden. Aber morgen Abend will ich Ihnen eine Stutze sein. Bis bald, Emmi! (Trotz der beklemmenden Umstande: Ich freue mich auf Sie!)


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich freu mich auch! Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Absage
        Liebe Emmi, ich muss fur heute leider absagen. Ich erklare Ihnen morgen, warum. Bitte nicht bose sein. Und danke, dass Sie fur mich da gewesen waren. Das rechne ich Ihnen ganz hoch an! Liebe Gru?e, Leo.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Ist gut. Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Marlene
        Liebe Emmi, ich habe den Abend gestern mit Marlene, meiner fruheren Lebensgefahrtin, verbracht. Sie war auch beim Begrabnis. Sie hatte meine Mutter sehr gemocht und umgekehrt. Es war mir wichtig, mit ihr uber alles zu reden. Sie ist ein Schlussel, sie kann Tore meiner sperrigen Familiengeschichte offnen. Sie hatte auch den Zugang zu meiner Mutter, der mir immer fehlte. Marlene war gestern in schlechter Verfassung. Ich war derjenige, der sie trosten musste. Ich war glucklich uber diese Rolle. Ich halte es nicht aus, bemitleidet zu werden. Lieber bemitleide ich jemanden. (Manchmal auch mich selbst, aber das behalte ich gern fur mich.) Ich hoffe, Sie sind mir nicht bose, dass ich Sie »versetzt« habe. Ich dachte mir auch: Leo, warum musst du da eine Frau mit hineinziehen, die uberhaupt nichts mit deiner vergangenen Geschichte zu tun hat? Und dann wollte ich auch nicht, dass Sie mich so sehen, wie ich derzeit anzusehen bin. Ich will, dass Sie mich in einer besseren Verfassung zu Gesicht bekommen. Ich hoffe, Sie verstehen mich, Emmi. Ich danke Ihnen noch einmal, dass Sie fur mich da gewesen waren. Das
war ein ganz gro?er Vertrauensbeweis. Alles Liebe, Leo.
        DREI STUNDEN SPATER
        RE:
        Ist schon okay. Lg, Emmi.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, gar nichts ist schon okay, so wie Sie »Ist schon okay« schreiben! Also was ist es, Emmi? Fuhlen Sie sich durch meine Absage in der Ehre gekrankt? Kommen Sie sich von mir benutzt (und dann eben doch nicht gebraucht) vor?


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Nein, nein, Leo. Ich bin nur sehr beschaftigt und deshalb so kurz angebunden.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Das glaube ich Ihnen nicht. Ich kenne Sie, Emmi. In gewisser Hinsicht kenne ich Sie. Seltsamerweise entwickle ich ein schlechtes Gewissen allein aufgrund der Vorstellung, Sie konnten auf mich beleidigt sein, wobei Sie selbst am allerbesten wissen, dass Sie absolut kein Recht dazu hatten.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Reden Sie nicht herum, lieber Leo: Waren Sie wenigstens erfolgreich beim Trosten? Lauft wieder etwas mit Marlene?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ach, das ist es! Ja, naturlich! Leo Leike wagt es, nach dem Begrabnis der Mutter seine Exfreundin zu treffen. Emmi Rothner, die sonst keine Muhen scheut, Herrn Leike als Moraltheologen hinzustellen, wittert plotzlich den sittlichen Verfall. Da kann ich gleich noch eines drauflegen, liebe Emmi. Ich verrate Ihnen, dass ich sechs Stunden nach dem Begrabnis meiner Mutter um ein Haar mit meiner Exfreundin geschlafen hatte. Ich hoffe, Sie sind entsprechend schockiert! Guten Abend.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Erklaren Sie mir, wie man mit jemandem »um ein Haar« geschlafen haben kann. Und vor allem: Warum man es dann »um ein Haar« doch nicht getan hat. Ich bin uberzeugt davon: Das schaffen nur Manner. Vermutlich hatten Sie geglaubt, Sie konnten Ihre angeschlagene Exfreundin »ins Bett trosten«. Aber knapp vorher hat sie es bemerkt und hat Ihnen ins Ohr geflustert: »Leo, nein, das ware jetzt nicht gut fur uns. Das wurde das ganze Vertrauen, das wir heute Abend neu aufgebaut haben, wieder zerstoren.« Und Sie dachten: Schade, schade, um ein Haar ...



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Wissen Sie, liebe Emmi, ich finde es schon sensationell, mit welcher Selbstverstandlichkeit und Hartnackigkeit Sie mir Erklarungen abringen wollen, in privaten Angelegenheiten, die kilometerweit davon entfernt sind, Sie etwas anzugehen. Und mit welcher Treffsicherheit Sie zum unglucklichsten aller Zeitpunkte Ihre Geschmacklosigkeiten von sich geben, mit denen Sie andere Menschen darauf zu reduzieren trachten, was Ihnen selbst offenbar immer gleich als Erstes einfallt: Sex. Sex. Sex. Da frage ich mich auch schon langsam, warum das bei Ihnen so ist.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, bei allem Respekt vor Ihrer Trauer: Wer hat damit geprahlt, dass er mit wem »um ein Haar« geschlafen hatte? Sie oder ich? Leo, es tut mir Leid, ich habe solche Ums-Haar-Schlaf-Szenen plastisch vor mir. Ich habe so etwas fruher zu oft selbst erlebt, und ich habe zu viele Freundinnen, die es noch immer standig erleben - und darunter leiden. Sollte bei Ihnen und Marlene alles ganz anders gewesen sein, so verzeihen Sie mir bitte. Im Ubrigen sollte ein Mann mit Ihrer Sensibilitat schon wissen, dass sich eine Frau mit meiner Sensibilitat bei einer derartigen »Exfreundinmotivierten« Absage in letzter Minute empfindlich zuruckgewiesen fuhlen muss. Ja, Leo, ich fuhle mich von Ihnen derb zuruckgewiesen. Ich bin einfach nicht irgendwer, auch nicht fur Sie. Hochachtungsvoll, Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Emmi
        Nein, Emmi Sie sind nicht irgendwer. Wenn irgendwer nicht irgendwer ist, dann sind es Sie. Schon gar nicht fur mich. Sie sind wie eine zweite Stimme in mir, die mich durch den Alltag begleitet. Sie haben aus meinem inneren Monolog einen Dialog gemacht. Sie bereichern mein Innenleben. Sie hinterfragen, insistieren, parodieren, Sie treten in Widerstreit zu mir. Ich bin Ihnen so dankbar fur Ihren Witz, fur Ihren Charme, fur Ihre Lebendigkeit, ja selbst fur Ihre
»Geschmacklosigkeiten«.
        Aber Emmi, Sie durfen nicht mein Gewissen werden wollen! Um bei einem Ihrer Lieblingsthemen zu bleiben: Es muss Ihnen egal sein, wann ich mit wem wie oft und auf welche Art Sex habe. Ich frage Sie ja auch nicht danach, wie das mit Ihnen und Ihrem Bernhard im Bett so funktioniert. Ehrlich gesagt: Es interessiert mich auch uberhaupt nicht. Das bedeutet nicht, dass ich niemals erotische Vorstellungen habe, wenn ich an Sie denke. Aber die halte ich behutsam von Ihnen fern, die will ich Ihnen nicht zumuten. Die sind allein in mir und dort bleiben sie auch. Wir durfen nicht beginnen, in die Privatsphare des anderen einzudringen. Das kann zu nichts fuhren.
        Emmi, diese paar scheinbar belanglosen Worte mit Ihnen uber den Tod meiner Mutter, die haben mir wahnsinnig gut getan. Da war wieder diese zweite Stimme in mir, die mir »meine« fehlenden Fragen stellt, die mir »meine« ausstehenden Antworten gibt, die permanent meine Einsamkeit durchbricht und unterwandert. Ich hatte sofort den dringenden Wunsch, Sie noch naher an mich heranzulassen, Sie ganz nahe bei mir zu haben. Hatten Sie noch am selben Abend Zeit gehabt, ware das auch geschehen. Es ware heute alles anders zwischen uns. Alle Geheimnisse waren fort, alle Ratsel aufgelost. Ich hatte Ihnen gleich nach der Begru?ung einen schweren Rucksack mit familiarem Ballast umgehangt, wir waren beide damit in die Knie gegangen. Kein Zauber mehr, keine Illusionen. Wir hatten geredet, geredet und geredet, bis wir uns »ausgeredet« hatten, und dann? - Ernuchterung, was sonst. Wie meistert man die Unmittelbarkeit der Begegnung, wenn man sie nie trainiert hat? Wie hatten wir uns angesehen? Was hatten wir in dem anderen plotzlich gesehen? Wie wurden wir einander heute schreiben? Was wurden wir schreiben? Wurden wir
einander noch schreiben?
        Emmi, ich habe einfach Angst, meine »zweite Stimme« zu verlieren, die Stimme Emmi. Ich will sie behalten. Ich will behutsam mit ihr umgehen. Sie ist unentbehrlich fur mich geworden. Ihr Leo.


        DREI STUNDEN SPATER
        RE:
        Um an eines meiner Lieblingsthemen anzuknupfen: Tut mir Leid - ES IST MIR ABER NICHT EGAL, WANN SIE MIT WEM WIE OFT UND AUF WELCHE ART SEX HABEN! Wenn ich schon die auserwahlte »zweite Stimme« von jemandem bin, dann habe ich auch Stimmrecht, wenn es darum geht, zu beurteilen, ob es angemessen ist, wann dieser jemand mit wem wie oft und auf welche Art Sex hat. (Wobei ich zugeben muss, dass ich mich mit dem Passus »Auf welche Art« bisher noch relativ wenig ausfuhrlich beschaftigt habe, lieber Leo. Aber das lasst sich ja nachholen.) So, jetzt lasse ich Sie mit Ihrer Solostimme allein. Fortsetzung folgt morgen. Kusschen, Emmi.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Darf ich auch einmal zynisch sein, geschatzte Emmi? Angenommen, ich ware das
»Zottelmonster« aus dem Messecafe Huber: Ware Ihnen dann auch nicht egal, wann ich mit wem wie oft und auf welche Art Sex habe? Oder anders: Ist es Ihnen nicht nur deshalb nicht egal, wann ich ... und so weiter, weil Sie in Ihren E-Mails an mich einem Mannerideal nachjagen, bei dem es Ihnen - trotz ehelichem Liebesgluck mit Bernhard - einfach nicht egal sein kann, wann er mit wem ... und so weiter? Das wurde namlich meine Theorie bestatigen, dass wir beide wechselweise die jeweilige Stimme unserer Fantasie sind. Ist das nicht schon und wertvoll genug, um es dabei zu belassen?


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Erste Antwort
        Lieber Leo, wissen Sie, was ich an Ihnen wirklich verabscheue? - Ihre Formulierungen, wenn es um meinen Mann geht. »Trotz ehelichem Liebesgluck mit Bernhard« - bitte was soll der Schei?? »Eheliches Liebesgluck«, das klingt (und zwar absichtlich!) nach: »Durchfuhrung der ehelichen Pflichten des partnerschaftlichen Beischlafs«. Oder: »Durch einen Standesbeamten abgesegneter regelma?iger Vollzug des Geschlechtsverkehrs mit entsprechendem Austausch von Korperflussigkeiten.« Lieber Leo, Sie spotten uber meine Ehe! Da bin ich sehr empfindlich. Horen Sie auf damit!



45 MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie reden andauernd nur uber Sex. Das ist schon pathologisch!


        EINE STUNDE SPATER
        RE:
        Ich habe noch gar nicht richtig angefangen, uber Sex zu reden, lieber Freund. Da waren ja gestern ein paar beachtliche Wurfe von Ihnen dabei. Zum Beispiel die Sache mit den »erotischen Vorstellungen«, wo sie zwei Verneinungen brauchen, um mir zu sagen, dass es nicht so ist, dass Sie mir gegenuber niemals welche gehabt hatten. So macht das der Leo! Ein anderer hatte gesagt: »Emmi, manchmal denke ich erotisch an Sie!« Leo Leike sagt: »Emmi, es ist nicht so, dass ich niemals erotisch an Sie denke.« Und da wundern Sie sich, dass ich von dem Thema nicht wegkomme? Nicht ich bin pathologisch, sondern Sie benehmen sich verbalerotisch verhaltensoriginell, lieber Leo! Kurzum: Ich nehme Ihnen Ihre abgehobenen pastoralgeistigen Sexualbetrachtungen nicht ab. Denn was macht der gute Leo mit seinen doppelt verneinten erotischen Vorstellungen? Zitat: »Die halte ich behutsam von Ihnen fern, die will ich Ihnen nicht zumuten.« Will er mir nicht zumuten? Da fragt sich die Emmi schon, was das wohl fur unzumutbare Vorstellungen sein mogen. Erzahle er mir ruhig mehr davon.



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Ach ja, noch etwas, Meister Leo. Sie schrieben gestern: »Wir durfen nicht beginnen, in die Privatsphare des anderen einzudringen.« Ich sage Ihnen etwas: Was wir hier tun, woruber wir hier reden, ist Privatsphare, Privatsphare und nichts als Privatsphare, von den ersten E-Mails an in steter Steigerung bis heute. Wir schreiben nichts uber unsere Jobs, wir verraten keine Interessen, nennen nicht einmal Hobbys, tun so, als gabe es keine Kultur, verheimlichen die Politik, ja wir kommen sogar weitgehend ohne Wetterstimmungsberichte aus. Das Einzige, was wir tun und was uns alles andere vergessen macht: Wir dringen in unsere Privatspharen ein, Sie in meine, ich in Ihre. Privatspharisch eingedrungener geht es gar nicht mehr. Sie sollten sich langsam dazu bekennen, mit mir »privatspharisch intim« zu sein, und zwar ausnahmsweise in einer vollig anderen Bedeutung, als es meinem vermeintlichen Lieblingsthema entsprechen moge. Ich wurde sogar sagen: weit daruber hinausgehend. Schonen Abend, Emmi.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, wissen Sie, was ICH an Ihnen wirklich verabscheue? - Ihr standiges
»Herr Leo«, »Meister Leo«, »Professor Leo«, »Der Herr Sprachpsychologe«, »Der Herr Moraltheologe«.
        Tun Sie mir einen Gefallen. Belassen Sie es bei »Leo«. Ihre sarkastischen Botschaften kommen auch so stets gut, scharf und treffsicher an. Ich danke fur Ihr Verstandnis! Leo.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Baaah! Heute mag ich Sie nicht!


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Ich mich auch nicht.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Das war jetzt, zugegeben, wieder recht lieb von Ihnen!



20 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Danke.



15 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Gern.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Schlafen Sie schon?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Selten vor Ihnen. Gute Nacht!



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Gute Nacht.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Mussen Sie viel an Ihre Mutter denken? Ich wurde Ihnen gern ein bisschen davon abnehmen.



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das haben Sie gerade getan, liebe Emmi. Gute Nacht.



        KAPITEL VIER

        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Pause aus!
        Liebe Emmi, wir haben drei Tage E-Mail-Pause gemacht. Jetzt konnten wir dann langsam wieder, finde ich. Ich wunsche Ihnen einen angenehmen Arbeitstag. Ich denke viel an Sie, in der Fruh, zu Mittag, am Abend, in der Nacht, in den Zeiten dazwischen und jeweils knapp davor und danach - und auch wahrenddessen. Alles Liebe, Leo.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        M. (Me, Mei, Meis, Meist...) Lieber Leo. SIE haben E-Mail-Pause gemacht, nicht ich! Ich habe Sie angestrengt dabei beobachtet, wie Sie E-Mail-Pause gemacht haben. Und ich habe darauf gewartet, dass Sie die E-Mail-Pause endlich beenden. Ich habe sehr ungeduldig darauf gewartet. Aber es hat sich ausgezahlt. Da sind Sie wieder, und Sie denken an mich, schon! Geht's Ihnen gut? Haben Sie heute spatabends oder fruhnachts Zeit und Lust, mit mir ein Glas Wein zu trinken? Selbstverstandlich getrennt. Also Sie und die Fantasie-Emmi. Und ich und der Virtuell-Leo. Und dazu schreiben wir uns ein paar Worte. Wollen Sie?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, Emmi, das konnen wir machen. Ist Ihr B. (Be, Ber, Bern, Bernh...), ist Ihr Mann abends nicht da?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Solche Fragen machen Ihnen Spa?, stimmt's? Es klingt immer ein bisschen so, als wollten Sie mich dafur bestrafen, dass ich glucklich verheiratet bin. - Doch, Bernhard ist da. Er sitzt entweder in seinem Burozimmer und bereitet sich auf den nachsten Tag vor. Oder er sitzt auf seinem Sofa und liest. Oder er liegt in seinem Bett und schlaft. Ab Mitternacht meistens das Dritte. Ausreichend beantwortet?


        SECHS MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, danke, ausreichend! Wenn Sie von Ihrem Mann reden, Emmi, dann klingt das immer ein bisschen so, als wollten Sie mir zeigen, wie separiert und unabhangig man leben kann, wenn oder obwohl oder gerade weil man glucklich verheiratet ist. So schreiben Sie nicht »im Burozimmer«, sondern »in SEINEM Burozimmer«. Er sitzt nicht »auf unserem Sofa«, sondern »auf SEINEM Sofa«. Ja, er liegt nicht einmal »in unserem Bett«, er liegt »in SEINEM Bett«.
        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, Sie werden es nicht glauben, aber bei uns hat tatsachlich jeder sein eigenes Zimmer, jeder sein eigenes Sofa und ja, sogar jeder sein eigenes Bett. Es hat namlich witzigerweise jeder sein eigenes Leben. Sind Sie schockiert?

25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Warum wohnen Sie dann zusammen?



18 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie sind su?! Naiv wie ein Zwanzigjahriger. Weder kleben auf unseren Buroturen Schilder mit der Aufschrift »Betreten verboten«, noch ist der Aufenthalt auf unseren Sofas »fur Unbefugte nicht gestattet«. Noch enthalten unsere Betten den Warnhinweis »Vorsicht, bissig!« Kurzum: Jeder hat zwar sein Reich, aber jeder von beiden ist herzlich eingeladen, das Reich des anderen zu betreten, oder, wie wir das kurzlich formuliert haben, »in die Privatsphare des anderen einzudringen«. Na? Wieder etwas uber die Ehe erfahren?



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Und wie alt sind die Kinder?



35 MINUTEN SPATER
        RE:
        Fiona ist sechzehn, Jonas ist elf. Und »mein Bernhard« ist um einiges alter als ich. So, lieber Leo, Familienstunde beendet! Ich mochte die Kinder gerne aus unserem Gesprach heraushalten. Sie haben mir vor einigen Monaten geschrieben, fur Sie sei es so eine Art »Marlene-Verarbeitungstherapie«, mit mir zu plaudern. (Ich wei? naturlich nicht, ob das noch gultig ist, konnten Sie mir bei Gelegenheit einmal mitteilen!) Fur mich ist es eine Art »Familienauszeit«, wenn ich Ihnen schreibe und von Ihnen lese. Ja, es ist ein kleines Inselchen au?erhalb meiner Alltagserlebniswelt, ein Inselchen, auf dem ich ganz gern mit Ihnen alleine verweile, wenn es recht ist.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Es ist recht, Emmi! Manchmal uberrumpelt mich halt einfach die Neugierde, wie es bei Ihnen abseits unseres verschwommenen kleinen Inselchens so zugeht, wie Ihr bodenstandiges Dasein auf dem Festland aussieht, im sicheren Hafen der Ehe. (Verzeihen Sie, das hat jetzt einfach zu gut gepasst.) Aber jetzt bin ich wieder ganz Insel. Also, wann trinken wir unser Glas Wein? Ist Ihnen Mitternacht zu spat?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Mitternacht ist wunderbar! Dann freue ich mich auf unser Rendezvous.



20 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich mich auch. Bis dann.


        MITTERNACHT
        Kein Betreff
        Liebe Emmi, hier ist der Leo, der wunscht Ihnen eine traumhafte Mitternacht, ganz zu zweit, nur fur uns beide. Darf ich Sie umarmen, Emmi? - Darf ich Sie kussen? Ich kusse Sie. So, und jetzt trinken wir. Was trinken Sie? Ich trinke Sauvignon Visintini, Colli Orientali del Friuli, 2003. Und was trinken Sie? Schreiben Sie mir gleich, Emmi, ganz gleich, ja? Was trinkt die Emmi? Ich trinke Wei?wein.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Das ist aber nicht Ihr erstes Glas, Leo!!!


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ah, da schreibt wieder die Emmi. Emmi. Emmi. Emmi. Ich bin ein bisschen betrunken, aber nur ein bisschen. Ich habe den ganzen Abend getrunken und gewartet, bis es Mitternacht wird, bis mich Emmi besuchen kommt. Ja, es stimmt. Das ist nicht meine erste Flasche. Ich habe Sehnsucht nach meiner Emmi. Wollen Sie zu mir kommen? Wir machen ganz einfach das Licht aus. Wir mussen uns nicht sehen. Ich will Sie nur spuren, Emmi. Ich mach die Augen zu. Mit Marlene, das hat alles keinen Sinn. Wir bluten uns aus. Wir lieben uns nicht. Sie glaubt es, aber wir lieben uns nicht, das ist nicht Liebe, das ist nur Horigkeit, das ist nur Besitz. Marlene will mich nicht loslassen, und ich, ich kann sie nicht festhalten. Ich bin ein bisschen betrunken. Gar nicht viel. Kommen Sie zu mir, Emmi? Kussen wir uns? Meine Schwester sagt, dass Sie wunderschon sind, Emmi, wer auch immer Sie sind. Haben Sie schon einmal einen Fremden gekusst? Ich trinke jetzt noch einen Schluck Wei?wein aus der Friaul. Ich trinke auf uns. Ich bin schon ein bisschen betrunken. Aber nicht viel. Und jetzt kommen wieder Sie an die Reihe, Schreiben Sie
mir, Emmi. Schreiben ist wie kussen, nur ohne Lippen. Schreiben ist kussen mit dem Kopf. Emmi, Emmi, Emmi.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Na ja, unser erstes echtes Mitternachts-Rendezvous hab ich mir etwas anders vorgestellt. Leo, sternhagel- voll! Hat aber auch seinen gewissen Reiz. Wissen Sie was, Leo? Ich halte mich kurz, vermutlich konnen Sie die Buchstaben ohnehin nicht mehr auseinander halten. Aber wenn Ihnen danach ist, und wenn Sie es noch schaffen, dann erzahlen Sie mir ruhig mehr von »daheim« bei Ihnen. Schreiben Sie aber nichts, was Sie heute Fruh oder Vormittag nach dem Aufwachen aus dem Delirium schon bereuen konnten. Dann trinke ich also ein Glas franzosischen Rotwein aus dem Rhonetal, 1997. Ich trinke auf Sie! Ihnen wurde ich allerdings empfehlen, auf Mineralwasser umzusteigen. Oder machen Sie sich einen starken Kaffee!



50 MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie sind so streng, Emmi. Seien Sie nicht so streng. Ich will keinen Kaffee. Ich will Emmi. Kommen Sie zu mir. Trinken wir noch ein kleines Glas Wein. Wir konnen Augenbinden tragen, wie im Film. Ich wei? nicht, wie der Film hei?t, ich muss nachdenken. Ich wurde Sie so gerne kussen. Mir ist egal, wie Sie aussehen. Ich habe mich in Ihre Worte verliebt. Sie konnen schreiben, was Sie wollen. Sie konnen ruhig streng schreiben. Ich liebe alles. Sie sind namlich gar nicht streng. Sie zwingen sich dazu, Sie wollen einfach nur starker wirken, als sie sind. Marlene trinkt keinen Tropfen Alkohol. Marlene ist eine sehr nuchterne Frau, aber faszinierend, das sagt jeder, der sie kennt. Sie war mit einem Piloten zusammen, aus Spanien. Aber es ist schon wieder vorbei. Sie sagt, fur sie gibt es nur einen, und der bin ich. Wissen Sie, das ist eine Luge. Mich gibt es nicht mehr fur sie. Es tut so weh, wenn man sich trennt. Ich will mich nicht mehr trennen von Marlene. Mama hat sie gemocht. Meine Mutter ist tot, sie war unglucklich. Es ist ganz anders, als ich dachte. Etwas von mir ist mitgestorben. Ich spure es
erst, seit es tot ist. Meine Mutter hat sich nicht viel um mich gekummert, nur um meine kleine Schwester. Und mein Vater ist nach Kanada ausgewandert, er hat meinen alteren Bruder mitgenommen. Ich bin irgendwo in der Mitte durchgerutscht. Ich bin ubersehen worden. Ich war ein stilles Kind. Ich kann Ihnen Fotos zeigen. Wollen Sie Fotos sehen? Im Fasching war ich immer Buster Keaton. Ich mag stumme traurige lustige Helden, die Grimassen machen konnen. Kommen Sie, trinken wir noch ein Glas auf uns und schauen wir uns Faschingsfotos an. Schade, dass Sie verheiratet sind. Nein, gut so, dass Sie verheiratet sind. Betrugen Sie Ihren Mann, Emmi? Tun Sie es nicht. Es tut so weh, wenn man betrogen wird. Ich bin schon ein bisschen betrunken, aber ich habe noch einen klaren Kopf. Marlene hat mich einmal betrogen. Das hei?t, von einem Mal wei? ich es. Marlene sieht man und man wei?, dass sie einen betrugt. Emmi, ich schicke das jetzt weg. Ich kusse Sie. Und noch ein Kuss. Und noch ein Kuss. Und noch ein Kuss. Ganz egal, wer Sie sind. Ich habe Sehnsucht nach Nahe. Ich will nicht an meine Mutter denken. Ich will
nicht an Marlene denken. Ich will Emmi kussen. Ich bin ein bisschen betrunken, verzeihen Sie. Ich schick das jetzt weg. Dann gehe ich schlafen. Gutenachtkuss. Schade, dass Sie verheiratet sind. Ich glaube, wir wurden gut zusammen passen. Emmi. Emmi. Emmi. Ich schreibe gerne Emmi. Einmal linker Mittelfinger, zweimal rechter Zeigefinger, und zwei Reihen daruber rechter Mittelfinger. EMMI. Ich konnte tausendmal Emmi schreiben. Emmi schreiben ist Emmi kussen. Gehen wir schlafen, Emmi.


        AM NACHSTEN VORMITTAG
        Betreff: Hallo
        Hallo Leo, wieder unter den Irdischen? Alles Liebe von Ihrer Emmi.


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Sind Sie noch beim Nachdenken, wie Sie sich und vor allem wie Sie MIR Ihre nachtlichen E-Mails erklaren? - Mussen Sie nicht, Leo. Ich habe das schon gefunden, was Sie mir da unabsichtlich geschrieben haben, sehr schon sogar. Sie sollten ofter volltrunken sein, da werden Sie ja zu einem richtigen Gefuhlsmenschen, sehr offen und unverblumt, sehr zartlich, ansatzweise sogar sturmisch und leidenschaftlich. Steht Ihnen gut, das Unkontrollierte! Und ich fuhle mich geehrt, dass Sie mich so oft kussen wollten! Also schreiben Sie mir schon!! Ich bin echt neugierig, wie Sie dazu stehen. Nuchtern bemuhen Sie sich ja immer krampfhaft, nur nicht jener Leo zu sein, der sich im betrunkenen Zustand wie von selbst ergibt. Hoffentlich hat er sich nicht ubergeben.


        DREI STUNDEN SPATER
        RE:
        Leo???? Nicht melden ist unfair! Und es ist abtornend. Das riecht nach einem Mann, der in der Fruh schon nicht mehr zu dem steht, was er einer Frau in der Nacht davor liebestrunken ins Ohr geflustert hat. Es riecht also nach einem ziemlich typischen, ziemlich durchschnittlichen, ziemlich oden Mann. Es riecht jedenfalls nicht nach Leo. Also schreiben Sie endlich!!!


        FUNF STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, es ist jetzt 22 Uhr. Wollen Sie zu mir kommen? Ich zahle Ihnen das Taxi. (Ich wohne am Stadtrand.) Leo.


        KNAPP ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Na hoppala! Lieber Leo, es ist jetzt 23 Uhr 43. Traumen Sie noch oder schlafen Sie schon? Wenn nicht, dann frage ich Sie:

1.) Wollten Sie wirklich, dass ich zu Ihnen komme?

2.) Wollen Sie noch immer, dass ich zu Ihnen komme?

3.) Sind Sie vielleicht wieder »ein bisschen betrunken«?

4.) Wenn ich zu Ihnen komme, was hatten Sie sich da so vorgestellt, dass wir beide machen?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi,

1.)Ja. 2.) Ja. 3.) Nein. 4.) Was sich ergibt.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo,

1.)Aha. 2.) Aha. 3.) Gut. 4.) Was sich ergibt? Es ergibt sich immer das, was man will, dass sich ergibt. Also was wollen Sie, dass sich ergibt?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich wei? es wirklich nicht, Emmi. Aber ich glaube, wir wissen es sofort, wenn wir uns sehen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Und wenn sich gar nichts ergibt? Dann stehen wir beide blod herum, zucken mit den Schultern und einer sagt zum anderen: »Tut mir Leid, irgendwie ergibt sich nichts.
        Und was machen wir dann?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Dieses Risiko mussen wir in Kauf nehmen. Also kommen Sie, Emmi! Trauen Sie sich! Trauen wir uns! Vertrauen wir auf uns!



25 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, Ihre ungewohnte Dringlichkeit, die sonst nicht gerade Ihrem Wesen entspricht, irritiert mich. Ich habe da so einen Verdacht. Ich glaube, dass Sie ganz genau wissen, was sich gefalligst zu ergeben hat. Sie sind vermutlich noch ein bisschen rauschig von der Vornacht, also unheimlich »in Stimmung«. Sie suchen Nahe. Sie wollen Marlene vergessen beziehungsweise vergessen machen. Und Sie haben genugend Bucher dieser Art gelesen und einschlagige Filmszenen gesehen, letzte Tangos mit Marlon Brandos und so. Leo, diese Szenen kenne ich auch: ER sieht SIE zum ersten Mal, moglichst im Halbdunkel, damit auch das schon ist, was vielleicht nicht so schon ist. Und dann fallt kein einziges Wort mehr, nur noch Gewand. Wie knapp vorm Verhungern fallen sie ubereinander her, sparen nichts aus, walzen sich stundenlang uber die Wohnlandschaften. Kameraschnitt. Das nachste Bild: Er liegt auf dem Rucken, uber seine Lippen huscht ein frivoles Lacheln, die Augen ruhen im lasziven Blick auf die Zimmerdecke, als wollte er auch diese noch vernaschen. Sie liegt mit dem Kopf auf seiner Brust. Befriedigt wie eine
Hirschkuh nach dem Durchzug eines Rudels brunftiger Bocke. Vielleicht blast noch einer der beiden Zigarettenrauch durch die Nasenlocher. Und dann wird dezent ausgeblendet. Und was ist danach? Das wurde mich am allermeisten interessieren: Was ist danach???
        Leo, so geht's nicht. Da ist mit Ihnen ausnahmsweise der Klischee-Mann durchgegangen. Ja naturlich, das ware alles noch steigerbar. Die von Ihnen gestern im Rausch frei gewordene »Augenbinde«. - Wir mussten uns also nicht einmal sehen. Sie offnen mir blind die Tur. Wir fallen uns blind in die Arme. Wir haben blinden Sex. Wir verabschieden uns blind. Und morgen schreiben Sie mir wieder bigotte E-Mails ubers Nichtbetrugen-sollen und ich schreibe Ihnen rotzig zuruck wie immer. Und wenn's in der Nacht gut war, dann machen wir es wieder, vollig herausgelost aus unserem sonstigen Leben, vollig unabhangig von unserem Dialog. Sex in seiner hochsten Stufe absoluter Unverbindlichkeit. Es gibt nichts zu verlieren, nichts wird aufs Spiel gesetzt. Sie haben Ihre »Nahe«, ich habe mein au?ereheliches Abenteuer. - Zugegeben, ein aufregender Gedanke. Aber schon auch ein bisschen eine Mannerfantasie, muss ich Ihnen sagen, lieber Leo. Jedenfalls sollten wir die Finger davon lassen. Oder, um es noch etwas klarer zu formulieren: Nicht mit mir! (Ich habe das ganz zart gesagt, ehrlich!)



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und wenn ich Ihnen einfach nur gerne ein paar Kinderfotos von mir gezeigt hatte? Und wenn ich mit Ihnen nur gerne ein Glas Whiskey oder Wodka sauer getrunken hatte - auf unser Wohl und auf unsere Pionierleistung, uns endlich zu sehen? Und wenn ich einfach nur gerne Ihre Stimme gehort hatte? Und wenn ich nur gerne vielleicht einen Hauch vom Geruch Ihrer Haare und Ihrer Haut inhaliert hatte?


        NEUN MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Leo, Leo, manchmal klingt es so, als waren Sie die Frau von uns beiden und ich der Mann. Aber ich konnte schworen, das ist nur ein Spiel zwischen uns, auf hochstem Niveau. Ich denke mannlich, um Sie zu verstehen, ich versuche mich in die Mannerwelt hineinzuversetzen, lade mir aus meinen Erfahrungen die komplette maskuline Gedankenwelt plus zugehorigem Vokabular herunter - mit dem Erfolg, mir dann von Ihnen nachsagen lassen zu mussen, ICH sei sexfixiert. Leo, ich lege eure klassischen Motive fur dringliche mitternachtliche Einladungen frei - und Sie drehen den Spie? einfach um und behaupten, es seien meine. Leo, Sie Unschuldsengel, Sie schuchterner Romantiker! Geben Sie doch zu, dass Ihr virtuelles Sturmlauten bei mir um zehn Uhr abends nicht den Zweck haben sollte, mit mir Kinderfotos anzuschauen. (Haben Sie vielleicht auch nette Briefmarken? - Dann ware ich naturlich sofort gekommen ... )
        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, sagen Sie bitte nie wieder »eure«, wenn Sie von MIR sprechen wollen. Ich bin mir zu individuell, um mir den pauschalierenden und zumeist auch gehassig vorgetragenen Manner-Plural uberstulpen zu lassen. Schlie?en Sie nicht von anderen Mannern auf mich. Das krankt mich, und zwar wirklich!

18 MINUTEN SPATER
        RE:
        Okay, okay, Entschuldigung! Womit Sie sich wieder geschickt um »Ihr« Motiv herumgeschummelt haben, warum Sie mich plotzlich so dringlich sehen wollten, mitten in der Nacht. Leo, es ist ja keine Schande, im Gegenteil, es schmeichelt mir sehr, und Sie sinken in meiner Achtung um keinen Millimeter, wenn Sie im postalkoholischen Sexdrang und Liebestaumel mit der zwar unbekannten, aber angeblich nicht so unhubschen Emmi die Augenbinde-Nummer durchziehen wollen. Ach ja, ubrigens: Es ist halb zwei Uhr fruh, ich sollte dann langsam ins Bett gehen. Danke noch einmal fur Ihr spannendes Angebot. Das war mutig. Ich mag es, wenn Sie spontan sind. Und ich mag es auch, wenn Sie mich betrunken mit Kussen zuschutten. Gute Nacht, Leo. Auch ein Kuss von mir.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich will niemals und mit niemandem eine Nummer durchziehen. Gute Nacht.


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Ach, zwei Dinge noch, Leo. Ich kann heute ohnehin nicht mehr schlafen: Wenn ich also wirklich zu Ihnen gekommen ware, dann glauben Sie doch nicht im Ernst, dass ich mir von Ihnen das Taxi hatte zahlen lassen? Zweitens: Wenn ich also wirklich zu Ihnen gekommen ware, welche der drei Emmis aus dem Repertoire Ihrer Schwester hatte dann zu Ihnen kommen sollen? Die quirlige Ur-Emmi? Die vollbusige Blond-Emmi? Oder die schuchterne Uberraschungs-Emmi? - Denn eines muss Ihnen schon klar sein: Ihre Fantasie-Emmi ware im Augenblick unseres Zusammentreffens fur immer gestorben.


        EINEN TAG SPATER
        Betreff: Softwareprobleme?
        Leo? Sie sind an der Reihe!


        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Sendepause
        Liebe Emmi, ich schreibe Ihnen nur, damit Sie wissen, dass es nicht so ist, dass ich Ihnen nicht mehr schreibe. Wenn ich wieder so weit bin, zu wissen, WAS ich Ihnen schreiben konnte, dann werde ich es sofort tun. Ich bin gerade beim Aufsammeln meiner schizophrenen Einzelteilchen, in die es mich in den vergangenen Tagen zerlegt hat. Wenn ich die Teilchen erfolgreich zusammengefugt habe, melde ich mich. Emmi, Sie spuken mir ununterbrochen im Kopf herum. Ich vermisse Sie. Ich habe Sehnsucht nach Ihnen. Ich lese Ihre E-Mails mehrmals taglich. Ihr Leo.


        VIER TAGE SPATER
        Betreff: Verrat
        Hallo, Herr Leike, haben Sie mir gegenuber ein schlechtes Gewissen? Mussen Sie mir etwas verraten? (»Verraten« mit »V« wie Verrat?) Wei? ich etwas nicht, was ich wissen sollte? Fur diesen Fall: Ich glaube, ich wei? es. Ich habe in meiner Mailbox eine furchterliche Entdeckung gemacht. Wissen Sie, wovon ich rede? Wenn Sie es wissen, dann erleichtern Sie bitte Ihr Gewissen!!! Gru?e, Emmi Rothner.


        DREIEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Emmi, was ist los mit Ihnen? Was soll diese kryptische E-Mail? Bruten Sie gerade eine Verschworungstheorie aus? Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wovon Sie reden. Was fur eine furchterliche Entdeckung haben Sie in Ihrer Mailbox gemacht? Bitte werden Sie deutlicher! Und seien Sie nicht nur auf Verdacht so grausam formlich! Alles Liebe, Leo.



30 MINUTEN SPATER
        RE:
        Werter Herr Sprachpsychologe, sollte sich irgendwann herausstellen, dass mein
»Verdacht« begrundet war, werde ich Sie mein Leben lang hassen!!!! Besser Sie sagen es gleich.



25 MINUTEN SPATER
        AW:
        Was auch immer Sie in diese Stimmung versetzt hat, liebe Emmi, Ihre Sprache macht mir Angst. Ich will nicht Opfer Ihres praventiven blanken Hasses sein, der sich auf krause Gedanken und abstruse Reime in Ihrem von Misstrauen zersetzten Gehirn grundet. Reden Sie Klartext oder haben Sie mich gern! Ich bin jetzt wirklich wutend! Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Verrat II
        Ich habe am Sonntag eine Freundin getroffen. Ich habe ihr von Ihnen erzahlt, Leo.
»Was macht er beruflich?«, hat sie mich gefragt. »Er ist Sprachpsychologe und arbeitet auch an der Uni«, habe ich geantwortet. Sprachpsychologe? Sonja war sehr uberrascht. »Was macht er da?«, hat sie nachgefragt. Ich: Genau wei? ich es nicht, wir reden nicht uber unsere Arbeit, nur uber uns. Und dann fiel mir ein: Am Anfang hat er einmal etwas von einer Studie uber die Sprache von EMails erzahlt, mit der er gerade beschaftigt war. Es ist aber dann nie wieder ein Wort daruber gefallen. Daraufhin hat sich der Blick meiner Freundin Sonja plotzlich ziemlich verdustert und sie hat wortwortlich gesagt: »Emmi, pass auf, vielleicht studiert er dich nur!
        Das hat mir einen gewaltigen Schock versetzt. Daheim habe ich sofort in unseren alten E-Mails nachgelesen. Und da finde ich am 20. Februar folgende Passage von Ihnen: »Wir arbeiten gerade an einer Studie uber den Einfluss der E-Mail auf unser Sprachverhalten und - der noch wesentlich interessantere Teil - uber die E-Mail als Transportmittel von Emotionen. Deshalb neige ich ein wenig zum Fachsimpeln, ich werde mich aber kunftig zuruckhalten, das verspreche ich Ihnen.«
        So, lieber Leo, verstehen Sie jetzt, warum ich mich so fuhle, wie ich mich fuhle? LEO, STUDIEREN SIE MICH NUR? TESTEN SIE MICH ALS TRANSPORTERIN VON EMOTIONEN? BIN ICH FUR SIE NICHTS ALS DER INHALT EINER KALTEN DOKTORARBEIT ODER SONST EINER GRAUSAMEN SPRACHSTUDIE?



40 MINUTEN SPATER
        AW:
        Am besten, Sie holen dazu die Meinung von Ihrem Bernhard ein. Ich habe jedenfalls genug von Ihnen. Unter der Last Ihrer Emotionen wurde ohnehin jedes Transportmittel einbrechen. Leo.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Nur weil Sie in den Gegenangriff ubergehen, hei?t das noch lange nicht, dass sich meine Sorge, von Ihnen sprachpsychologisch missbraucht zu werden, in Luft aufgelost hat. Also bitte ich Sie um eine klare Antwort. Leo. Die sind Sie mir schuldig.


        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Leo!
        Lieber Leo, ich habe drei furchterliche Tage hinter mir. Die Angst - ja, es war ein richtiger Panikanfall -, von Ihnen die ganze Zeit uber fur Studienzwecke verwendet worden zu sein, die halt sich die Waage mit der gegenteiligen Befurchtung: Vielleicht habe ich Ihnen Unrecht getan. Vielleicht habe ich durch meine vorschnelle Schuldzuweisung etwas zwischen uns zerstort. Ich wei? gar nicht, was schlimmer ware, von Ihnen »betrogen« worden zu sein oder mit einer Attacke blinden Misstrauens unser behutsam angebautes und sorgsam gepflegtes Pflanzchen Vertrauen aus der Erde gehoben zu haben.
        Lieber Leo, bitte versetzen Sie sich in meine Lage. Ich habe, das mochte ich Ihnen gestehen, schon lange mit niemandem so heftig Gefuhle ausgetauscht wie mit Ihnen. Ich bin selbst am meisten daruber verwundert, dass das auf diese Weise moglich ist. Ich kann in meinen E-Mails an Sie so sehr die echte Emmi sein wie sonst nie. Im »wirklichen Leben« muss man, wenn es gelingen soll, wenn man den langen Atem haben will, standig Kompromisse mit seiner eigenen Emotionalitat eingehen: DA darf ich nicht uberreagieren! DAS muss ich akzeptieren! DA muss ich daruber hinwegsehen! - Standig passt man seine Gefuhle der Umgebung an, schont die, die man liebt, schlupft in die hundert kleinen Alltagsrollen, balanciert, tariert aus, wiegt ab, um das Gesamtgefuge nicht zu gefahrden, weil man selbst ein Teil davon ist.
        Bei Ihnen, lieber Leo, scheue ich mich nicht, so spontan zu sein, wie ich im Innersten bin. Ich uberlege nicht, was ich Ihnen zumuten kann und was nicht. Ich schreibe einfach munter drauflos. Und das tut mir so wahnsinnig gut!!! - Und, das ist Ihre Leistung, lieber Leo, deshalb sind Sie fur mich so unverzichtbar geworden: Sie nehmen mich so, wie ich bin. Manchmal bremsen Sie mich, gewisse Dinge ignorieren Sie, manches kommt Ihnen in die falsche Kehle. Aber Ihre Ausdauer, an mir dran zu bleiben, zeigt mir, dass ich so sein darf, wie ich bin. Und, darf ich wieder einmal ein bisschen Werbung fur mich machen? - Ich bin viel, viel zahmer, als es in meinen E-Mails den Anschein hat. Das hei?t: Mag da jemand schon die Emmi, die sich gehen lasst, die sich uberhaupt nicht bemuht, gut dazustehen, die mit Feuereifer ihre negativen Eigenschaften hervorkehrt - ja, Leo, ich bin eifersuchtig, ich bin misstrauisch, ich bin ein bisschen neurotisch, ich habe keine prinzipiell extrem hohe Meinung vom anderen Geschlecht, vom eigenen ubrigens auch nicht - jetzt habe ich den Faden verloren, also: Mag da jemand schon die
Emmi, die sich gar nicht bemuht, gut zu sein, die eher ihre sonst unterdruckten Schwachen auslebt, wie mag er dann erst die Emmi, wie sie wirklich lebt, weil sie wei?, dass man sich den anderen nur bedingt so zumuten kann, wie man ist, ein Bundel von Launen, ein Container von Selbstzweifel, eine Komposition der Unstimmigkeiten.
        Es geht aber nicht nur um mich. Leo, ich beschaftige mich standig mit Ihnen. Sie besetzen ein paar Quadratmillimeter meines Gro?hirns (oder Kleinhirns, oder Hirnanhangdruse, keine Ahnung, wo im Hirn man an so wen wie Sie denkt). Sie haben dort effektiv Ihre Zelte aufgeschlagen. Ich wei? nicht, ob Sie der sind, als der Sie schreiben. Aber sind Sie nur ein Teil von diesem, so sind Sie schon ein ganz besonderer. Es sind Ihre Zeilen und meine Reime darauf: die ergeben so in etwa einen Mann, wie ich mir plotzlich vorstelle, dass es sein kann, dass es so jemanden wirklich gibt. Sie haben immer von Ihrer »Fantasie-Emmi« geschrieben. Ich bin vielleicht weniger bereit, mich mit einem »Fantasie-Leo« zufrieden zu geben, mir jemanden, den ich so gern mag, auf Dauer nur einzubilden. Der muss schon aus Fleisch, Blut und Ahnlichem sein. Und er muss einer Begegnung mit mir standhalten konnen. So weit sind wir noch nicht. Aber ich spure in mir, dass wir unserer Begegnung mit schreiberischen Mitteln immer naher kommen konnen. Bis wir uns einmal gegenuberstehen. Oder gegenubersitzen. Oder knien. Ist ja egal.
        Leo, nehmen wir die E-Mail, die ich Ihnen gerade schreibe: Die Vorstellung, dass Sie sie Wort fur Wort abklopfen, um wissenschaftliche Erkenntnisse daraus zu gewinnen, um Beispiele zu zitieren, wie und womit man Emotionen transportieren kann, oder, noch schlimmer, womit man Emotionen beim anderen weñken kann, wie man schreiben muss, damit der andere emotionell hineinkippt, diese Vorstellung ist so grauenhaft, dass ich schreien konnte vor Schmerz!!! Bitte sagen Sie, dass unser Dialog nichts mit Ihrer Studie zu tun hat. Und bitte verzeihen Sie mir, dass ich das annehmen musste. Ich bin so ein Mensch: Ich muss vom Schlimmsten ausgehen, damit ich Immunkrafte aufbauen kann, mit denen ich es dann ertrage, wenn es sich wirklich als wahr herausstellt.
        Leo, das war bisher meine langste E-Mail an Sie. Ignorieren Sie sie nicht. Kommen Sie wieder zuruck. Brechen Sie Ihre Zelte nicht ab unter meiner Hirnrinde. Ich brauche Sie! Ich ... schatze Sie! Ihre Emmi.
        PS: Ich wei?, es ist schon sauspat. Aber ich bin sicher, dass Sie noch munter sind. Und ich bin uberzeugt davon, dass Sie noch in Ihre Mailbox schauen werden. Sie mussen mir jetzt nicht mehr antworten. Aber vielleicht schreiben Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich wei?, dass Sie meine Nachricht erhalten haben? Ein Wort, ginge das? Es konnen auch zwei Worte sein, oder drei, wenn das leichter geht. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte. Bitte.


        ZWEI SEKUNDEN SPATER
        AW:
        ABWESENHEITSNOTIZ. DER EMPFANGER IST VERREIST UND KANN SEINE E-MAILS ERST WIEDER AM 18. MAI AUFRUFEN. IN DRINGENDEN FALLEN WIRD ER VOM PSYCHOLOGISCHEN INSTITUT DER UNIVERSITAT VERSTANDIGT. DIE E-MAIL-ADRESSE LAUTET: psy- uni@gr.vln. com.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Das ist das Letzte!



        KAPITEL FUNF

        ACHT TAGE SPATER
        Betreff: Wieder da!
        Hallo Emmi, ich bin wieder zuruck. Ich war in Amsterdam. Marlene hat mich begleitet. Wir hatten wieder einen Anlauf genommen. Es war ein kurzer Anlauf. Nach zwei Tagen lag ich mit einer Lungenentzundung im Bett. Es war beschamend fur mich, sie hat funf Tage lang Fiebermesser geschuttelt und mich dabei bitter-gutig angelachelt, wie eine Krankenschwester im 30. Dienstjahr, die ihren Job hasst, aber ihre Patienten dafur nicht verantwortlich zu machen versucht. Amsterdam war das Gegenteil von dem, was ich mir darunter vorgestellt hatte, kein Neubeginn, sondern ein Alt-Ende, eines, worin wir in den Jahren ja schon gro?e Routine gesammelt haben. Wir sind diesmal sehr respektvoll auseinander gegangen. Sie hat gesagt, wenn ich etwas brauche, ist sie jederzeit fur mich da. Sie hat gemeint - irgendwas aus der Apotheke. Und ich habe gesagt: Wenn du dir wieder einmal einbildest, nicht ohne mich leben zu konnen, und ich mir noch immer sicher bin, nicht ohne dich leben zu konnen, dann fliegen wir einfach ein paar Tage nach Amsterdam - und beweisen uns das Gegenteil.
        Ich habe Marlene ubrigens von uns erzahlt. Sie hat darauf reagiert, als ware dieser Zustand kritischer als meine Lungenentzundung. Ich habe gesagt: Es gibt da eine Frau aus dem Internet, die mich sehr beschaftigt. Sie: Wie alt ist sie? Und wie sieht sie aus? Ich: Keine Ahnung. Zwischen drei?ig und vierzig. Entweder blond, dunkel oder rot. Jedenfalls ist sie glucklich verheiratet. Sie: Du bist krank!
        Diese Frau, sage ich zu ihr, gibt mir die Moglichkeit, an wen anderen zu denken als an dich, Marlene, und trotzdem Ahnliches zu fuhlen. Sie wuhlt mich auf, regt mich auf, ich konnte sie manchmal auf den Mond schie?en, aber genauso gerne hole ich sie mir von dort wieder herunter. Ich brauche sie namlich hier auf der Erde. Sie kann zuhoren. Sie ist klug. Sie ist witzig. Und, was das Wichtigste ist: Sie ist fur mich da. »Wenn es gut fur dich ist, ihr zu schreiben, dann schreibe ihr«, hat mir Marlene mit auf den Weg ins Bett gegeben. »Und nimm die Tabletten!«, hat sie erganzt.
        Emmi, ich bin ratlos. Wie komme ich von dieser Frau weg? Sie ist eine Kuhlbox, aber mir wird hei?, wenn ich sie angreife. Wenn ich neben ihr durch Amsterdam gehe, hole ich mir eine Lungenentzundung. Aber wenn sie mir in der Nacht ihre Hand auf die Stirn legt, beginne ich zu gluhen.
        So, Emmi, Teil zwei: Ich bin also wieder zuruck. Ich denke nicht daran, meine Zelte unter Ihrer Hirnrinde freiwillig abzubrechen. Ich mochte, dass wir uns weiter schreiben. Und ich mochte, dass wir uns auch personlich kennen lernen. Wir haben alle der Vernunftbegabung des Menschen entsprechenden, logischen, nahe liegenden, richtigen Zeitpunkte dafur bereits versaumt. Wir haben die simpelsten Spielregeln des Miteinanders negiert. Wir sind alte innige Freunde, gegenseitige Alltagsstutzen, ja manchmal sind wir sogar ein Liebespaar. Und bei alldem fehlt uns der naturliche Anfang der Begegnung. Wir werden ihn nachholen, ganz bestimmt! Wie wir das anstellen, ohne etwas von dem, was uns beide ausmacht, zu verlieren, wei? ich noch nicht. Wissen Sie's?
        So, Emmi, Teil drei: Ich habe meine E-Mail bewusst mit Marlene begonnen. Ich wunsche mir namlich, dass wir uns mehr aus unserem Leben erzahlen. Ich will nicht mehr so tun, als gabe es nur uns zwei. Ich will wissen, wie Sie Ihre Ehe meistern, wie Sie mit den Kindern zurechtkommen und all diese Dinge. Es ware schon, wenn Sie mir auch Ihre Sorgen mitteilen. Es trostet mich zu wissen, dass nicht nur ich welche habe. Es tut mir gut, darauf einzugehen. Es ehrt mich, in Ihr engstes Vertrauen gezogen zu werden. So, Emmi, Teil vier: Hassen Sie mich bitte nie wieder praventiv! Ich ertrage das nicht. Ich habe meine Mitarbeit an der Studie uber den Einfluss der E-Mail auf unser Sprachverhalten und ihre Bedeutung als Transportmittel von Gefuhlen Anfang Marz aufgekundigt. Als offiziellen Grund habe ich Zeitmangel angegeben. Tatsachlich ist mir dieses Thema zu »privat« geworden, um mich damit wissenschaftlich beschaftigen zu wollen. Alles klar, Emmi? Schonen Tag, Ihr Leo. (PS: Einerseits war meine »Abwesenheitsnotiz« die gerechte Strafe fur Ihre aggressive Misstrauensnote. Anderseits haben Sie mir Leid getan.
Sie haben mir eine wahnsinnig schone, offene, aufrichtige und ausfuhrliche Mitteilung geschrieben. Danke fur jedes Wort! Jetzt haben Sie wieder ein paar Frechheiten gut.)



45 MINUTEN SPATER
        RE:
        Sie haben Ihre Studie wegen uns beiden aufgegeben? - Leo, das ist schon, dafur liebe ich Sie! (Zum Gluck ahnen Sie nicht, in welcher Weise ich Ihnen das gerade gesagt habe.) Ich muss jetzt mit Jonas zum Zahnarzt. Leider steht er noch nicht unter Vollnarkose. Das nur auf Ihre Frage, wie ich mit den Kindern zurechtkomme. Bis spater, Emmi.


        SECHS STUNDEN SPATER
        RE:
        So, Leo. Ich sitze in meinem Zimmer, Bernhard arbeitet noch, Fiona nachtigt bei einer Freundin, Jonas schlaft (mit zwei Zahnen weniger), Wurlitzer frisst Hundefutter (kommt billiger und Wurlitzer ist es egal, Hauptsache viel). Streifenhornchen haben wir bekanntlich keines, das wurde dem Kater vermutlich auch ganz gut schmecken. Die Mobel starren mich vorwurfsvoll an. Sie wittern Verrat. Sie drohen mir: Wehe, du verratst, wie teuer wir waren, welche Farbe wir haben und welches Design! Das Piano sagt: Wehe, du erzahlst ihm, dass Bernhard dein Klavierlehrer war! Und wie ihr euch das erste Mal gekusst habt und wie ihr auf mir gesessen seid und euch geliebt habt. Das Bucherregal fragt: Wer ist uberhaupt dieser Leo? Was tut er hier? Warum verbringst du so viele Stunden mit ihm? Warum greifst du so selten auf mich zuruck? Warum bist du so nachdenklich geworden? Der CD- Player sagt: Vielleicht kommt es noch so weit, und du wirst nicht mehr Rachmaninow spielen - du wei?t, du und Bernhard, euch verbindet nicht zuletzt die Musik -, sondern du wirst dir anhoren, was dieser Leo gerne hort, vielleicht die Sugar
Babes! Einzig das Weinregal halt dagegen: Also ich habe nichts gegen diesen Leo, wir drei harmonieren gut miteinander. Das Bett aber gebardet sich bedrohlich: Emmi, wenn du hier liegst, dann traume nicht von anderswo. Lass dich hier nie mit diesem Leo erwischen! Ich warne dich!
        Leo, ich kann es nicht. Ich kann Ihnen diese Welt nicht mitteilen. Sie konnen niemals ein Teil davon werden. Sie ist zu kompakt. Sie ist eine Festung. Kann nicht erobert werden, duldet keine Eindringlinge, halt geschlossen dagegen. Leo, wir beide mussen »drau?en« bleiben, das ist unsere einzige Chance, sonst verliere ich Sie. Sie wollen wissen, wie ich meine Ehe »meistere«? - Mit Bravour, Leo, ehrlich! Und Bernhard auch. Er verehrt mich. Ich achte und schatze ihn. Wir gehen respektvoll miteinander um. Er wurde mich nie betrugen. Ich konnte ihn nie im Stich lassen. Wir wollen einander nie verletzen. Wir haben miteinander aufgebaut. Wir zahlen aufeinander. Wir haben die Musik, das Theater. Wir haben viele gemeinsame Freunde. Fiona, die 16-Jahrige, ist wie eine jungere Schwester zu mir. Und fur Jonas bin ich tatsachlich noch so etwas wie eine kleine Mama geworden. Er war drei, als seine Mutter starb.
        Leo, zwingen Sie mich nicht, mein Familienalbum aufzublattern. Machen wir es bitte so: Ich erzahle von »daheim«, wenn mir echt danach ist, wenn wirklich einmal der Schuh druckt, wenn ich die Meinung von einem ganz, ganz engen Freund einholen will. Sie aber konnen mir jederzeit aus Ihrem Privatleben berichten, bis in die brisantesten Details. (Nur nichts Erotisches, das erlaube ich Ihnen nicht!)
        So, und jetzt gehe ich ins Bett - und werde endlich wieder einmal gut schlafen. Leo, so schon, dass Sie wieder da sind!! Leo, ich brauche Sie! Ich muss mich auch au?erhalb meiner Welt bewegen und spuren konnen. Leo, Sie sind meine Au?enwelt! Und morgen reden wir uber Marlene, dafur benotige ich einen klaren Kopf. Gute Nacht, mein Lieber! Gutenachtkuss!


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Marlene
        Guten Morgen, Leo. Wenn es weder miteinander noch ohne einander geht, gibt es nur eine Moglichkeit: stattdessen! Leo, Sie brauchen eine andere. Sie mussen sich wieder verlieben. Erst dann wissen Sie, was Ihnen die ganze Zeit gefehlt hat. Nahe ist nicht die Unterbrechung von Distanz, sondern ihre Uberwindung. Spannung ist nicht der Mangel an Vollkommenem, sondern das stete Zusteuern darauf und das wiederholte Festhalten daran. Leo, es hilft nichts, wir brauchen eine Frau fur Sie! Sicher, es ist naiv zu sagen: Vergessen Sie Marlene! Aber tun Sie's trotzdem, und zwar wirklich. Folgender Vorschlag: Denken Sie statt an Marlene bewusst immer an mich! Sie durfen sich alles mit mir vorstellen, was Sie mit Marlene gerne machen wurden. (Meine Mobel schauen mich schon wieder einigerma?en an.) Ich meine, das ist nur ein Ubergangsstadium, bis wir eine Frau fur Sie gefunden haben. Was wollen Sie fur eine? Wie soll sie aussehen? Los, sagen Sie's doch endlich! Vielleicht habe ich tatsachlich wen fur Sie. Im Ernst: Eine Frau, die uber uns sagt: »Wenn es gut fur dich ist, ihr zu schreiben, dann schreibe ihr«, die
ist kilometerweit von dem entfernt, was ich unter Liebe verstehe. Marlene liebt Leo nicht. Leo liebt Marlene nicht. Beide Nicht-Liebenden schopfen aus der Sehnsucht nach der Liebe des anderen ihre Leidenschaft. So, kluger kann ich's nicht. Ich muss jetzt arbeiten. Bis bald. Emmi, die virtuelle Alternative.


        VIER STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi von der Au?enwelt, ich genie?e Ihre EMails. Ich bin wirklich dankbar dafur. Richten Sie Ihren Mobeln aus, dass ich ihre Haltung bewundere und ihren Teamgeist schatze. Ich werde kein Eindringling im Hause Rothner sein, die Emmi okkupiere ich nur auf dem Bildschirm! Besonderes Kompliment an den Weinschrank: Vielleicht legen wir drei wieder einmal ein Mitternachts-Happening ein. (Ich verspreche, nicht wieder so ergiebig vorzutrinken.) Besonders entzuckend finde ich, dass Sie mit dem Gedanken spielen, mich zu verkuppeln. Welche Frauen mir gefallen? Frauen, die so aussehen, wie Sie schreiben, Emmi. Und Frauen, bei denen ich die Chance wittere, auch einmal Innenwelt zu sein, nicht nur Au?enwelt. Kurzum Frauen, die nicht unbedingt bereits »glucklich verheiratet« sind, in eine Familienfestung eingebunden sind und von den Mobeln ihrer Wohnungen bewacht werden. Bis mir so eine uber den Weg lauft, komme ich gerne auf Ihr Angebot zuruck, bewusst an Sie zu denken, bevor ich an Marlene denke. - Wird mir nicht immer gelingen, aber wenn Sie mich weiter so mit E-Mails verwohnen, werde ich mich dem Ziel
sukzessive annahern.
        Ich wunsche Ihnen einen angenehmen Abend. Ich treffe heute noch meine Schwester Adrienne. Sie wird sich fur mich freuen, dass ich mich von Marlene wieder einmal erfolgreich getrennt habe. Und sie wird sich freuen, dass ich mit Ihnen noch in Kontakt bin. Sie kennt nur ein paar Zeilen aus Ihren Texten, meine Worte uber Sie - und drei Emmi-Kandidatinnen. Sie mag Sie, egal, welche der drei Sie sind. Sie sieht das so wir ihr Bruder.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Mia!
        Hallo Leo, in der Nacht habe ich sie gefunden. Naturlich: Mia! Das ist sie! Leo und Mia - wie das schon klingt! Horen Sie zu, Leo: Mia ist 34, bildhubsch, Sportpadagogin, lange Beine, super Figur, kein Gramm Fett zu viel, dunkler Teint, schwarze Haare. Einziger Nachteil: Vegetarierin, aber man muss immer nur sagen,
»das ist Tofu«, dann isst sie auch Fleisch. Sie ist sehr belesen, hochintelligent, unternehmungslustig, frohlich, immer gut drauf. Kurzum, eine Traumfrau. Und: Sie ist Single! Soll ich Sie beide bekannt machen?


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Emmi, Emmi, Emmi! Uber solche langbeinigen »Mias« wei?, ich Bescheid. Praktisch jede Woche stellt mir meine kleine Schwester eine neue vor. Ich kenne Modekataloge voll mit 0,0 Prozent fetten Models a la »Mia«, eine schoner und langbeiniger als die andere. Und alle sind sie Singles. Und wissen Sie warum, liebe Emmi? - Weil sie es gerne sind! Und weil sie es noch eine Weile bleiben wollen.
        Au?erdem: Ich will Sie ja nicht bremsen in Ihrer Euphorie, liebe Au?enwelt-Emmi. Aber mir ist derzeit eigentlich gar nicht danach, eine Traum-Mia kennen zu lernen. Ich bin sehr zufrieden so, wie ich lebe. Trotzdem danke fur Ihre Bemuhungen!
        Ubrigens: Liebe Gru?e von meiner Schwester. Sie sagt, dass ich nur ja nicht den Fehler machen darf, Sie zu treffen. Sie sagt wortlich: »Ein Treffen ware das Ende eurer Beziehung. Und diese Beziehung tut dir wahnsinnig gut!« Schonen Tag, Leo.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Okay, Leo, unser Treffen kann warten, an diesen Gedanken habe ich mich schon gewohnt. - Sie machen noch einen geduldigen Menschen aus mir! Freut mich ganz besonders, wie Ihre Schwester uber uns denkt. Aber warum ist sie so sicher, dass eine Begegnung unsere »Beziehung« beenden wurde? Meint sie: beendet von Ihnen oder von mir?
        Und noch etwas, Leo: Sie haben in Ihrer gestrigen Abend-E-Mail wieder einmal meinen Zustand »glucklich verheiratet« erwahnt. Warum haben Sie »glucklich verheiratet« unter Anfuhrungszeichen gesetzt? Das erweckt den Anschein, als wollten Sie etwas Phrasenhaftes daraus machen, mit so einer leicht spottischen Note. Wissen Sie, was ich meine?
        Aber nun zu Mia, da haben Sie mich komplett falsch verstanden. Das ist nicht so eine plakative Schonheit aus dem Modemagazin. Mia ist eine echte Klassefrau. Und Sie ist absolut ungewollt in ein Single-Dasein geschlittert. Ein typischer Fall von Beziehungsfehlsteuerung in jungen Jahren. Man lernt mit neunzehn einen Mann kennen, au?en ein Adonis, ein Testosteron- Paket, ein richtig praller Sex-Koffer. Innen: hohl, vor allem in der Gehirngegend. Zwei aufwuhlende Jahre des Wartens und Hoffens vergehen, bis er endlich den Mund aufmacht. Dann ist der Zauber vorbei. Dann ist man 21 - und lernt naturlich sofort wieder so eine schon verpackte Schachtel kennen. Und man denkt: Diesmal muss aber mehr drinnen sein. Wieder nicht, nachster Versuch. Daraus entwickelt sich ein klassisches Frauenschicksal: Sie glaubt, den immer gleichen Typen zu brauchen, um den »Irrtum vom ersten Mal« zu korrigieren. Jeder weitere Irrtum bindet sie aber noch mehr an diesen Typen.
        Bei Mia hat einer wie der andere ausgesehen, und keiner hat den Fehler seines Vorgangers ausgemerzt. Im Gegenteil: Jeder hat eindrucksvoll bestatigt, dass sein Vorganger der gleiche Hohlkorper war wie er. Seit zwei Jahren ist sie der Manner mude, antriebsschwach, was neue Begegnungen betrifft. Sie geht keinen Schritt mehr auf jemanden zu. Zu mir hat sie unlangst gesagt: Wenn du wen Netten kennen lernst, kannst du ihn mir ruhig vorstellen. Aber ich will dabei absolut keine Arbeit haben. Es muss alles von selbst laufen. Wenn es nicht von selbst lauft, dann lauft nichts mehr. - Das ist Mia. Leo, ich sage Ihnen, Sie werden begeistert von ihr sein.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, zuerst einmal zu Ihren Eroffnungsfragen:

1.) Meine Schwester hat nicht prazisiert, wer von uns beiden unsere »Beziehung« (darf ich Beziehung unter Anfuhrungszeichen setzen?) nach einem physischen Treffen zuerst beenden wurde. Sie meint wohl eher die Unvereinbarkeit des geschriebenen Dialogs mit dem gelebten als solche, die bald zu einem Ende des Ganzen fuhren wurde. 2.) Was Ihnen alles auffallt! Die Anfuhrungszeichen bei »glucklich verheiratet« habe ich aber gar nicht bewusst gesetzt. Vielleicht macht das das Schreibprogramm automatisch. Nein, im Ernst: Der Ausdruck kommt von Ihnen - und ich zitiere ihn, denn »glucklich verheiratet« scheint mir stets eine subjektive Wahrnehmung zu sein. Ich bezweifle zum Beispiel, dass ich unter »glucklich verheiratet« das Gleiche verstehe wie Sie oder Ihr Mann. Ist auch gar nicht so wichtig, oder? Spottisch soll es keinesfalls gewesen sein, und ich werde die Anfuhrungszeichen kunftighin weglassen, okay?
        Und nun zu Ihrer Freundin Mia: Wenn Sie sie wieder einmal treffen, konnen Sie ihr gerne erzahlen, dass Sie einen Mann kennen, der nur eine einzige Frau benotigt (hat), um den »Irrtum vom ersten Mal« NICHT UND NICHT zu korrigieren. Ein Mann, der ebenso mude und antriebsschwach geworden ist, was neue Begegnungen betrifft. Einen, der ebenfalls keinen Schritt mehr auf eine Frau zugeht, der keine Arbeit haben will, bei dem alles von selbst laufen muss, und wenn es nicht von selbst lauft, dann lauft gar nichts. Sagen Sie ihr: Das ist Leo, Mia! Aber sagen Sie nicht: »Du wirst begeistert von ihm sein.« Denn Begeisterung wurde voraussetzen, dass man einander wenigstens einmal in die Augen schaut. Aber das ware momentan vermutlich zu viel »Beziehungsarbeit« fur Mia und Leo.
        (Au?erdem beleidigt es mich ein bisschen, wie schnell Sie mich an Ihre erstbeste Freundin vergeben, Emmi. Ich vermisse Ihre Eifersucht!)



40 MINUTEN SPATER
        RE:
        Ach Leo, Eifersucht hin, Eifersucht her, ich kann Sie ja doch nicht mehr
»besitzen« als hier in der Mailbox. Au?erdem: Wenn Sie einer meiner besten Freundinnen »gehoren«, gehoren Sie auch ein bisschen mir. (Glauben Sie wirklich, ich verkupple Sie ohne eigennutzigen Hintergedanken?) Im Ubrigen habe ich Mia schon ofters von Ihnen erzahlt. Wollen Sie wissen, wie sie uber Sie denkt? (Ich traue Ihnen ja glatt zu, dass Sie jetzt sagen: Nein, will ich nicht wissen. Aber ich verrate es Ihnen trotzdem.) Sie hat gesagt, siehst du, Emmi, genauso einen Mann hatte ich gerne, einen, der lieber eine E-Mail von mir haben will als Sex. Sex wollen alle Manner. Klasse hat einer, der nicht das eine, sondern das andere von mir will: Post!


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie sind schon wieder beim Sex!


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Danke, ist mir aufgefallen. Ich bin eben wieder in die Mannerwelt eingetaucht.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Fast scheint's, Sie tauchen deshalb so gerne dort ein, um ungehemmt uber Sex schreiben zu konnen.


        SECHS MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, tun Sie nicht so scheinheilig! Erinnern Sie sich an Ihre weindurchtrankte E-Mail mit der Augenbinde und Ihren postalkoholischen Begierdeanfall am Tag danach? Sie sind nicht der uber Triebhaftes erhabene, libidofreie Bergprediger, den Sie manchmal so gerne hervorkehren! Also, soll ich ein Treffen zwischen Ihnen und Mia arrangieren?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Das ist aber kein ernst gemeintes Angebot!


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Selbstverstandlich ist das ernst gemeint! Ich bin uberzeugt davon, dass weder Sie noch Mia »arbeiten« mussen, um einander sofort zu mogen. Vertrauen Sie auf meine Menschenkenntnis.


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich lehne dankend ab. Ich halte das fur ein bisschen pervers, statt Emmi Ihre Freundin kennen zu lernen. Gute Nacht! (Immer noch) IHR Leo.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Mich wollen Sie ja nicht personlich kennen lernen! Ebenfalls gute Nacht (ebenfalls immer noch und immer wieder), IHRE Emmi, in gewisser Weise.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ach, eines noch: Auf Ihre Ausfuhrungen zum Thema »glucklich verheiratet« unter Anfuhrungszeichen komme ich noch zu sprechen!! Fassen Sie das ruhig als Drohung auf. Schlafen Sie gut, mein Lieber. Emmi.


        AM NACHSTEN ABEND
        Betreff: ???
        Krieg ich heute keine E-Mail von Leo? Ist er sauer? Wegen Mia? Gute Nacht, Emmi.


        AM NACHSTEN MORGEN
        Betreff: Mia
        Guten Morgen, Emmi, ich habe es mir uberlegt. Ich komme auf Ihr Angebot zuruck. Wenn Sie das einfadeln und Ihre Freundin Mia wirklich will, dann treffe ich sie! Lieber Gru?, Leo.



15 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leeeeoooo? Verarschen Sie mich?



30 MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, uberhaupt nicht. Ich meine das ganz im Ernst. Ich treffe Mia gerne auf einen Kaffee. Seien Sie nur so nett, liebe Emmi, und ubernehmen Sie die Koordination. Samstag oder Sonntag am Nachmittag ginge bei mir gut. Ein Kaffeehaus im Zentrum ware mir recht. Entweder wieder das Messecafe Huber oder das Europa oder Cafe Paris, ganz egal.



40 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie sind mir unheimlich. Woher dieser plotzliche Stimmungsumschwung? Machen Sie sich wirklich nicht lustig uber mich? Soll ich Mia tatsachlich fragen? Sie durfen dann aber keinen Ruckzieher mehr machen! Mia ist keine Frau, mit der man spielt


        DREI STUNDEN SPATER
        AW:
        Und ich bin kein Mann, der mit einer Frau spielt, die er nicht kennt: zumindest nicht solche Spiele. Ich habe einfach umgedacht: Wenn einem eine Frau schon so warmstens ans Herz gelegt wird, warum soll man sie dann nicht treffen? Gegen eine unverbindliche Stunde Plauderei ist nichts einzuwenden. Ja, je mehr ich daruber nachdenke, desto netter finde ich Ihr Arrangement, Emmi. Schonen Abend, Leo.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Ich denke mir jetzt meinen Teil dazu, Leo! Ich werde mit Mia telefonieren und gebe Ihnen dann Bescheid.


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        AW:
        Welchen Ihren Teil denken Sie sich wozu?



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, ich habe den Verdacht, dass Sie sicher sind, dass ich diejenige bin, die jetzt einen Ruckzieher macht. Weil Sie namlich glauben, dass ich nie die Absicht hatte, Sie mit einer - noch dazu attraktiven - Freundin bekannt zu machen. Sie meinen, »Mia« sollte nur den Zweck haben, mich bei Ihnen interessant zu machen, stimmt's? Lieber Leo, Sie irren! Ich rufe Mia jetzt an, und wenn Sie Ja sagt, dann mussen Sie sie aber wirklich treffen, sonst bin ich stinksauer auf Sie! Alles Liebe einstweilen, Emmi.



18 MINUTEN SPATER
        AW:
        Mia wird aber nicht Ja sagen. Denn Mia wird nicht verstehen, warum sie einen fremden Mann treffen soll, der ein Freund ihrer Freundin ist, ein Freund allerdings, den die Freundin selbst noch nie getroffen hat. Mia wird sich zu Recht fragen, warum ausgerechnet sie diesen Mann treffen soll. Mia wird sich wie ein Versuchskaninchen vorkommen. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Gute Nacht, gru?en Sie mir das Weinregal! Wenn wir den »Fall Mia« abgeschlossen haben, konnen wir ja wieder einmal ein Glas auf uns trinken, Emmi, wie ware das?


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Mia
        Hallo Leo, wie geht es Ihnen? Wahnsinnig hei? heute. Ich wei? schon nicht mehr, was ich ausziehen soll. Tragen Sie eigentlich manchmal kurze Hosen und Sandalen? Eher T-Shirt oder Polo-Shirt oder faltenfrei gebugeltes Hemd? Wie viele oberste Knopfe offen? Jeans oder Bundfaltenhose oder - schluck - Bermudas? Wie hell muss es sein, damit Sie Sonnenbrillen aufsetzen? Haben Sie Haare auf den Unterarmen? Und auf der Brust? - Okay, ich hore schon auf damit. Was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: Ich habe mit Mia telefoniert. Sie wurde Sie prinzipiell ganz gerne auf einen Kaffee untertags treffen. »Warum nicht«, hat sie gesagt. Aber Sie mussten sie anrufen. (Was Sie naturlich nicht tun werden.) Mia glaubt namlich, dass Sie sie gar nicht kennen lernen wollen, dass das eher eine Soloaktion ihrer um Verkupplung bemuhten Freundin Emmi ist. Au?erdem will sie wissen, wie Sie aussehen. Ich habe gesagt: Hasslich ist er nicht, glaube ich. Aber ich habe eigentlich nur seine Schwester gesehen ... Tja, ein bisschen muhsam, das Ganze. Wird wohl nichts! Kommen Sie gut uber die Brennpunkte des hei?en Tages hinweg! Ihre
Emmi.


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, auf Ihre Fragen: Ja, es geht mir ganz gut. Wahnsinnig hei?, in der Tat! Wenn Sie mir schreiben: »Ich wei? schon nicht mehr, was ich ausziehen soll«, dann hei?t das, Sie wollen, dass ich mir vorstelle, wie das aussieht, wenn Emmi schon nicht mehr wei?, was sie ausziehen soll. Gewonnen, Emmi: Ich stelle es mir vor!
        Kurze Hosen trage ich nur am Strand. (Hier gibt es aber gerade keinen, oder?) Sandalen: an sich nie, aber wenn Sie wollen, lege ich mir welche zu - fur unser erstes Treffen. Ob T-Shirt oder Hemd? - Beides, oft auch ubereinander. Offene Knopfe? - Witterungsbedingt. Derzeit habe ich alle Knopfe offen, es kann mich allerdings niemand dabei beobachten. Hosen? Eher Jeans als Bundfaltenhosen. Bermudas? - Spatestens bei unserem ersten Treffen, Emmi, sofern es in einem Sommer (der nachsten Jahre) stattfindet! Sonnenbrillen? - In der Sonne. Haare? - Kopf, Kinn, Schlafe, Arme, Beine, Brust ... Da kommt schon einiges zusammen.
        Ach ja, was Mia betrifft: die Telefonnummer bitte! Schone hei?e Stunden, Ihr Leo.



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Was? Sie wollen Mia tatsachlich anrufen? Sie glauben noch immer, dass ich bluffe, oder? Also bitte: 0773/8636271. Mia Lechberger. Zufrieden?


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Danke, Emmi. Dass ein Ende-Mai-Tag so schwei?treibend sein kann ... Ich fliege jetzt zu einem zweitagigen Kongress nach Budapest. Ich melde mich, sobald ich zuruck bin. Haben Sie eine angenehme Zeit, Emmi. Alles Liebe, Leo.


        ZWEI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Hallo Leo, sind Sie schon zuruck? Raten Sie einmal, mit wem ich heute fruh telefoniert habe. Und raten Sie einmal, was sie mir berichtet hat. »Dein E-Mail-Freund hat mich angerufen. Ich war so uberrascht, dass ich gleich wieder auflegen wollte. Aber er war so nett! So ein hoflicher, freundlicher, ein bisschen schuchterner, charmanter ... Blablabla, sausel, sausel ...« -»Und so eine angenehme Stimme! Und so eine schone Aussprache! ...« Leo, Leo, Sie haben anscheinend alle Register gezogen. Ich muss gestehen: Ich hatte Ihnen niemals zugetraut, dass Sie Mia tatsachlich anrufen. Ich wunsche euch viel Spa? bei eurem Treffen morgen! - Mia hat ubrigens gefragt, ob ich nicht mitkommen will. Ich habe geantwortet: Das ist IHM aber ganz bestimmt nicht Recht. Ich bin fur ihn eher so eine Fantasiegestalt, eine Frau mit drei Gesichtern, die er alle nicht kennt, da will er sich nicht auf eines davon festlegen mussen. - Stimmt doch, oder? Lieber Gru?, Emmi.


        DREI STUNDEN SPATER
        AW:
        Hallo Emmi, ich bin zwar schon zuruck - aber leider noch sehr im Stress. Ihre Freundin Mia klingt wirklich sehr sympathisch am Telefon. Ich melde mich, Leo. (PS: Sie mussen nicht personlich erscheinen, Emmi. Mia wird Ihnen ohnehin alle Details unserer Begegnung bruhwarm erzahlen, nehme ich an.)


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie kommen mir in letzter Zeit so spitzbubisch vor. Ich wei? gar nicht recht, was ich davon halten soll. Na dann, gutes Gelingen! Emmi. Man sieht sich! (Im nachsten Leben.)



        KAPITEL SECHS

        DREI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Hallo Leo, geht's gut? Lieber Gru?, Emmi.



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Hallo Emmi, ja, geht ganz gut. Und Ihnen? Leo.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Auch ganz gut, danke. Bis auf die Hitze. Ist das normal? Wir haben Ende Mai. 35 Grad im Mai - hatte es das fruher gegeben? Das hatte es fruher nicht gegeben! Und sonst? So weit alles in Ordnung?



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, danke, Emmi, so weit alles bestens. Da haben Sie Recht: 35 Grad gab es fruher Ende Juli, Anfang August, vielleicht ein, zwei Tage im Jahr, nicht mehr. Okay, sollen es vier, funf Tage gewesen sein. Aber nicht im Mai, doch noch nicht im Mai! Ich sage Ihnen, das mit der Erderwarmung, das wird noch ein hei?es Thema werden. Das ist keine Fadesse-Aktion der Klimaforscher. Wir werden uns an immer hei?ere Sommer gewohnen mussen, denke ich.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ja, Leo, die Temperaturunterschiede werden immer extremer. Und wie verbringen Sie so diese ersten hei?en Tage und Abende?



14 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und es wird immer mehr und heftigere Unwetter geben. Murenabgange, Schlammlawinen, Uberschwemmungen. Und dann wieder Durreperioden. Wissen Sie, was das bedeutet? Die okonomischen und okologischen Folgen der Klimaveranderung sind noch gar nicht abzuschatzen.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Hawaiiananas in den Alpen. Schneekettenpflicht in Apulien. Reisfelder auf den Faroer-Inseln. Frostschutzmittelverkaufsstande in Damaskus. Kamelkolonien in Murmansk. Jachtklubs in der Sahara.



18 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und auf den Felsplatten im schottischen Hochland wird man bald ohne Feuer Spiegeleier braten konnen, sofern Huhner im Freiland nicht automatisch Grillhuhner sind und selbst im Winter bestenfalls hart gekochte Eier legen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Genug, Leo, ich will nicht mehr. Also gut, ich gebe auf: Wie war's? Und fragen Sie jetzt bitte, bitte, bitte nur ja nicht »Wie war was?« Sparen wir ein bisschen Buchstaben, ja?



13 MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie meinen das Sonntagstreffen mit Mia? Nett war's! Sehr nett sogar. Danke der Nachfrage.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Was hei?t das »Sonntagstreffen«? Gab es vielleicht auch schon ein
»Montagstreffen«?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, Emmi, witzigerweise haben wir uns gestern Abend gleich wieder getroffen. Wir waren italienisch essen. Kennen Sie das »La Spezia« in der Kenienstra?e? Das hat so einen wunderschonen lauschigen Innenhof. - Bei dieser Hitze geradezu ideal. Und vor allem: sehr ruhig, dazu dezente, gute Musik und hervorragende Weine aus dem Piemont. Das »La Spezia« kann ich Ihnen wirklich empfehlen.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Hat es gefunkt?



18 MINUTEN SPATER
        AW:
        Gefunkt? Immer diese technischen Ausdrucke! Am besten, Sie fragen Mia selbst. Sie ist ja immerhin eine Ihrer besten Freundinnen. Sie sagt sogar: Sie ist Ihre beste Freundin. Emmi, ich muss fur heute leider Schluss machen. Schreiben wir uns morgen wieder, ja? Gute Nacht.
        Ich hoffe, Sie haben es nicht allzu druckend hei? in Ihrem Schlafzimmer.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ist ja noch gar nicht spat, Leo. Haben Sie noch was vor? Treffen Sie schon wieder Mia? Sollten Sie sie heute noch sehen, richten Sie ihr bitte aus, sie moge mich anrufen. Ich kann sie namlich nicht erreichen. Schone hei?e Nacht, vergnugen Sie sich gut, Emmi. Und noch ein Tipp: Sie sollten unbedingt das Thema
»Klimaerwarmung« zur Sprache bringen. Da kann Ihnen Mia sicher stundenlang zuhoren, so spannend, wie Sie das darstellen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Mia sehe ich erst morgen wieder. Heute bin ich einfach k.o. und lege mich zeitig nieder. Gute Nacht, ich drehe jetzt ab. Leo.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Nacht.


        DREI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Hallo Emmi, schauen Sie auch gerade beim Fenster raus? Gespenstisch, oder? Fur mich ist ein Hagelsturm wie eine Brise Weltuntergang. Da hangt so ein seltsamer ockergelber Schleier uber dem Himmel, plotzlich legt sich ein dunkelgrauer Vorhang daruber, und dann prasseln mit immenser Geschwindigkeit Abertausende dieser wei?en Kieselsteinchen zu Boden. Wie hei?t der Film, in dem es Kroten regnet, oder Frosche oder Huhner? Kennen Sie den zufallig? - Alles Liebe, Leo.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Animal Farm. Froschkonig. Kentucky Fried Chicken. - Leo, solche stimmungsschwangeren NaturanimationsE-Mails nach drei Tagen nichts von Ihnen machen mich wahnsinnig! Bitte suchen Sie sich andere Empfanger dafur. Ich habe Ihnen nicht ein halbes Jahr in der Mailbox die Treue gehalten, habe nicht Wochen und Monate hindurch taglich zig Stunden mit Ihnen hier verbracht, damit wir jetzt beginnen, uns uber Regengusse und ockergelbe Schleier uber dem Himmel zu unterhalten. Wenn Sie mir etwas von sich erzahlen wollen, dann tun Sie es. Wenn Sie etwas von mir wissen wollen, dann fragen Sie. Aber fur Dialoge uber das Wetter bin ich mir zu schade. Hat Ihnen Mia so sehr den Kopf verdreht, dass Sie plotzlich nur noch Hagelkorner sehen konnen?
        Und noch ein paar Fragen, weil wir schon gerade dabei sind: Haben Sie ihr gesagt, dass sie mir bis auf weiteres nichts von ihren Rendezvous mit Ihnen erzahlen soll? Was soll diese pubertare Informationssperre, diese blode Geheimnistuerei? Was ist das fur ein kindisches Spielchen? Das verdirbt mir echt die Freude, mich mit Ihnen noch weiter zu unterhalten, Leo, ich sage es Ihnen ehrlich. Guten Tag, Emmi.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, ich kenne Mia seit nicht einmal einer Woche. Wir haben uns viermal getroffen. Wir haben uns auf Anhieb gemocht. Wir verstehen einander blendend, in vielerlei Hinsicht. Aber es ist noch viel zu fruh, um abschatzen zu konnen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Und es ist noch viel zu fruh, damit
»hinaus«zugehen. Verstehen Sie, was ich meine? Mia und ich, wir mussen uns erst einmal uber unsere Gefuhle zueinander im Klaren sein: Was davon ist nur aus der Situation so entstanden, in der wir uns kennen gelernt haben? Was davon ist nur fur den Augenblick bestimmt? Was aber konnte Bestand haben? - Das sind Fragen, die jeder nur einzeln fur sich beantworten kann. Ich bitte Sie daher um Geduld, Emmi. In spateren Phasen werde ich Ihnen alles erzahlen. Und was Mia betrifft: Ihr geht es vermutlich so ahnlich, gerade weil Sie ihre beste Freundin sind. Lassen Sie uns ein bisschen Zeit. Ich hoffe, Sie verstehen das. Lieber Gru?, Leo.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Lieber Leo, Sie konnen mich (jetzt) weder sehen noch horen, deshalb verrate ich Ihnen: Ich sage Nachfolgendes in absoluter Ruhe und Gelassenheit, langsam, bedachtig, gar kein bisschen aufgekratzt, kreischend oder aggressiv, nein, nein, ich lege meine vollwertige Friedfertigkeit und Andacht in die nachsten Worte: Leo, ich habe noch nie so eine beschissene E-Mail gelesen wie jene, die Sie mir soeben zugemutet haben. Und tschuss!



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Das tut mir aufrichtig Leid fur Sie, Emmi. Dann werde ich wohl besser eine E-Mail-Pause einlegen. Wenn Sie wieder gewillt sind, mit dem Sprachrohr Ihrer
»Au?enwelt« in Kontakt zu treten, dann melden Sie sich ruhig. Alles Liebe, Leo.


        FUNF TAGE SPATER
        Betreff: Ich sehne mich (...)
        Hallo Leo, wie geht es Ihnen beim »Entwickeln der Dinge«? Haben Sie und Mia Ihre Gefuhle schon ein bisschen auseinander sortiert? Wissen Sie schon, was »nur fur den Augenblick« ist und was »Bestand« haben konnte? Haben Sie schon »jeder fur sich« ein paar »Fragen einzeln beantwortet«?
        Ach, ich sehne mich nach dem alten Leo, der gesagt hat, was zu sagen war, und der gefuhlt hat, was zu fuhlen war. Ich sehne mich so sehr nach ihm!!! Schonen Tag, Emmi.
        (PS: Uber mich und Mia sind Sie ja vermutlich informiert. Nachdem ich gemerkt habe, dass auch sie offensichtlich nicht mehr wei?, was sie mir sagen soll, habe ich sie gebeten, Leo Leike als Tabuthema zwischen uns zu betrachten.)


        DREI STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, Ihre letzte Bemerkung war dezent untertrieben. Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie zu Ihrer Freundin Mia vor einigen Tagen am Telefon gesagt: »Entweder du erzahlst mir alles uber dich und Leo - oder gar nichts. Im zweiten Fall schlage ich vor, dass wir unserer langjahrigen Freundschaft ein paar Monate verdienter Auszeit gonnen.« Emmi, was ist los mit Ihnen? Ich verstehe Sie nicht. SIE waren es doch, die Mia und mich zusammengebracht hat. SIE wollten unbedingt, dass ich sie kennen lerne. SIE haben in uns das Traumpaar gesehen. Warum sind Sie jetzt so zynisch und bosartig? Waren Sie sich Ihrer Erganzung zum Innenleben, Ihres au?erfamiliaren Besitzes Leo zu sicher? Sind Sie jetzt verargert, weil Sie glauben, Sie haben Ihr virtuelles Eigentum an Ihre beste Freundin verloren?
        Emmi, ich war uber Monate keinem Menschen naher als Ihnen. Und ich war (und bin) so froh, dass unsere Versuche, uns »physisch« zu begegnen, allesamt gescheitert sind. Es ist mir egal, wie Sie aussehen, solange ich Sie so sehen kann, wie ich Sie sehen will. Ich bin dankbar, dass ich nicht erfahren muss, dass Sie in Wirklichkeit eine andere sind als »meine Heldin Emmi aus meinem E-Mail-Roman«. Da sind Sie perfekt, die Schonste der Welt, da kommt keine an Sie heran. Aber Emmi, es gibt da eben keine Steigerung mehr fur uns. Alles andere spielt sich au?erhalb unserer beiden Bildschirme ab. Mia ist der beste Beweis dafur. Ich will ehrlich sein: Es hat mich zunachst ziemlich gekrankt, dass Sie mich mit ihr verkuppeln wollten. Mein erstes Treffen war eher eine Art Trotzreaktion an Ihre Adresse, Emmi. Aber dann habe ich schnell begriffen, was den Unterschied zwischen Ihnen und ihr ausmacht. Sie, Emmi, wagen nicht einmal, Ihr Piano zu beschreiben, weil es in meiner Welt so absolut nichts zu suchen hat. Mia aber beugt sich einen halben Meter von mir entfernt uber einen winzigen Tisch und wickelt Spaghetti al
Pesto uber den Loffel. Wenn sie den Kopf zur Seite dreht, spure ich den Luftzug, der dadurch entsteht. Ich kann sie gleichzeitig sehen, horen, angreifen, riechen. Mia ist Materie. Emmi ist Fantasie. Beides mit all seinen Vor- und Nachteilen. Ich wunsche Ihnen einen schonen Abend, Ihr Leo.



30 MINUTEN SPATER
        RE:
        Mein Piano ist schwarz, quaderformig und besteht hauptsachlich aus Holz. Oben ragt ein Teil horizontal vor. Darauf befinden sich, klappt man eine schwarze, vorne abgerundete Platte hoch, Tasten, wei?e und schwarze. Eigentlich musste ich auswendig wissen, wie viele Tasten es sind, aber, leider, ich muss erst nachzahlen. Darf ich Ihnen die genaue Anzahl spater nachreichen, Leo? Jedenfalls sind die wei?en Tasten gro?er, und es gibt mehr davon. Wenn ich auf eine Taste drucke, dann kommt oben im Klavier ein Ton heraus. Ganz genau wei? man nie, woher er kommt. Man kann auch nicht gut nachsehen, wahrend man spielt. Aber viel entscheidender ist der Klang. Wenn ich eher eine Taste links wahle, dann ist der Ton eher tief. Je mehr rechts sich die Taste befindet, auf die ich drucke, desto hoher wird das Gerausch. Drucke ich mehrmals hintereinander auf verschiedene schwarze Tasten, entsteht eine einfache chinesische Melodie, eine Art fernostliches Kinderlied. Wenn ich Ihnen noch mehr uber die wei?en Tasten verraten soll, und was man mit Ihnen machen kann, lassen Sie es mich wissen, Leo. Ich glaube aber, Ihnen
hiermit die wichtigsten Dinge von meinem Piano veranschaulicht zu haben. Ja, ich habe es gewagt, mein Piano zu beschreiben! Treuest ergeben, Ihre Emmi.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Das haben Sie schon gemacht, Emmi. Ich glaube jetzt, einen Begriff von Ihrem Piano zu haben. Ja, ich habe es geradezu plastisch vor mir. Und Sie, Emmi, sitzen davor und zahlen Tasten. Danke fur den Anblick! Gute Nacht.


        EINE STUNDE SPATER
        RE:
        Hallo Leo, noch einmal ich. Ich bin noch nicht mude. Im Grunde wei? ich leider nicht, was ich sagen soll. Ich bin einfach nur traurig. Ich dachte, Mia wird uns beide auch physisch naher zueinander bringen. Doch sie bringt uns offensichtlich immer weiter auseinander. Und ich kann ihr deswegen nicht einmal bose sein, es war ja meine Idee. Ich mochte ehrlich sein:
        Ich wollte zwar, dass Sie sie kennen lernen, aber ich wollte Sie beide nicht zusammenfuhren. Fur mich waren (und sind!) Sie alles andere als ein »Traumpaar«. Ich war mir Ihrer tatsachlich zu sicher, Leo. Ich dachte, ich kenne Sie. Ich hatte es nicht fur moglich gehalten, dass Sie sich in sie verlieben. Mia ist zweifellos attraktiv. Aber sie ist so ungefahr das genaue Gegenteil von mir. Sie ist durch und durch Sportsfrau, kraftig, drahtig, sehnig. Jedes Muttermal ist bei ihr durchtrainiert. Bei ihr bestehen vermutlich sogar die Achselhaare aus Muskelmasse. Vor lauter Brustkorb sieht man die Brust nicht. Und ihre von der Sonne gezeichnete Haut ist eine einzige Kokosnussol-Raffine- rie. Mia ist der personifizierte Fitnessgedanke. Sex muss fur sie paarweises Liegestutz- und BeckenmuskelTraining mit Unterbrechung in Form von hohepunktuell bedingten Verschnaufpausen sein. Sie ist eine Frau furs Surfbrett, fur die Heilfastenkur, fur den StadtMarathon in New York. Aber doch niemals eine Frau fur Leo - dachte ich zumindest. Sie, Leo, habe ich ganz anders eingeschatzt. Mia zu begehren, hei?t mich
zuruckzuweisen. Konnen Sie nachvollziehen, dass mich das deprimiert?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Wer sagt, dass ich Mia begehre? Wer sagt, dass sie mich begehrt?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Na hoppala: Sie! Sie! Sie sagen es! Und wie Sie es sagen! Sie sagen es grauenvoll! Grauenvoller als in Ihrer ekligen, widerlichen Wir-mussen-uns-uber-unsere- Gefuhle-klar-werden-E-Mail kann man es gar nicht sagen. Sie sagen: »Wir verstehen uns blendend, in vielerlei Hinsicht.« Iiiiiiiiihhhh - das hatte ich Ihnen niemals zugetraut, Leo!


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Stimmt aber: Mia und ich verstehen uns blendend, in vielerlei Hinsicht. Da ist kein Wort davon gelogen. Zum Beispiel verstehen wir uns blendend, was unsere gemeinsamen Anschauungen, Betrachtungen und Einschatzungen Ihrer Person betrifft, werte Emmi Rothner!


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Sagen Sie blo?, Sie haben nicht mit ihr geschlafen.


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie fuhlen sich gerade wieder in einen Mann hinein, stimmt's? Bleiben Sie beim Thema. Ob ich mit Mia geschlafen habe oder nicht, ist absolut irrelevant.



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Irrelevant? Nicht fur mich! Wer mit Mia schlaft, schlaft niemals mit mir, nicht einmal geistig. Darauf lege ich Wert.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Reduzieren Sie unser Verhaltnis nicht immer wieder darauf, dass wir gelegentlich geistig miteinander geschlafen haben.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Sie haben mit mir gelegentlich geistig geschlafen? Das hore ich so zum ersten Mal. Klingt aber gut!


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Apropos schlafen. Diesmal ganz korperlich: Gute Nacht, Emmi. Es ist zwei Uhr morgens.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ja, herrlich. Wie in alten Zeiten! Gute Nacht. Emmi.


        AM NACHSTEN MORGEN
        Betreff: Kein Wort von Sex
        Guten Morgen, Leo. Was waren das eigentlich fur gemeinsame Betrachtungen zu meiner Person, die Sie mit Mia angestellt haben? Was hat Mia uber mich erzahlt? Wissen Sie jetzt, welche der drei Emmis mit Schuhgro?e 37 ich bin? Bin ich wenigstens diejenige Emmi, von der Ihre Schwester behauptet hat: »In die wurdest du dich verlieben«?


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Sie werden es nicht glauben, Emmi, aber wir haben Sie nicht au?erlich, sondern innerlich betrachtet. Ich habe Mia gleich von Anfang an zu verstehen gegeben, dass ich nicht wissen will, wie Sie aussehen. Sie hat darauf geantwortet: »Da versaumen Sie aber was!« (Sie ist wirklich eine gute Freundin.) Mia hat naturlich ebenfalls gewusst, dass Sie alles andere wollen, als dass ich mit ihr zusammenkomme. Wir waren uns der fur uns bestimmten Rollen sofort im Klaren. Wir sind uns zehn Minuten gegenuber gesessen - und waren Verbundete in Angelegenheiten Emmi Rothner.


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Und dann haben Sie sich, mir zu Flei?, ineinander verliebt.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Sagt wer?


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Sagt Leo Leike: »Mia aber beugt sich einen halben Meter von mir entfernt uber einen winzigen Tisch und wickelt Spaghetti al Pesto uber den Loffel.« Trief. »Wenn sie den Kopf zur Seite dreht, spure ich den Luftzug, der dadurch entsteht.« Trief.
»Ich kann sie gleichzeitig sehen, horen, angreifen, riechen.« Trief. »Mia ist Materie.« Schwulst. Wissen Sie Leo, bei Marlene verzeih ich es Ihnen. Sie war vor unserer Zeit und hat altere Rechte. Aber Mias Luftzuge, wenn sie den Kopf zur Seite dreht, die sind fur mich eine echte Zumutung. Ich will auch einmal den Kopf zur Seite drehen und dabei einen Luftzug verursachen, den Sie spuren, Meister Leo! (Okay, den »Meister« nehme ich zuruck.) Was hat Mias Luftzug, was meiner nicht hat? Glauben Sie mir, ich kann wunderschone Luftzuge erzeugen, wenn ich den Kopf zur Seite drehe.



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Wir haben auch uber Ihre Ehe geredet, Emmi.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ach ja? Kommen Sie wieder zu Ihrem Lieblingsthema? Und was sagt Mia? Hat sie Ihnen verraten, dass sie Bernhard nicht leiden kann?



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, das hat sie keineswegs. Sie hat nur positiv von ihm gesprochen. Sie sagt, Ihre Ehe ist die Vorbildehe schlechthin. Sie sagt, es ist gespenstisch, aber da passt wirklich alles. Sie sagt, seit Emmi mit Bernhard liiert ist, hat sie keine Schwachstellen mehr. Sie hat es effektiv verlernt, sich Blo?en zu geben. Wenn sie mit Bernhard und den beiden Kindern wo auftaucht, dann glaubt man, die Traumfamilie ist eingetroffen. Alle lacheln, alle sind freundlich, alle sind glucklich. Zwischen Ihnen und Ihrem Mann bedarf es gar keiner Worte, es herrscht stille Harmonie. Ja, sogar die Geschwister sitzen nebeneinander und umarmen sich. - Absolute Idylle. Freunde, die die Rothners zu Gast haben, schieben danach besser ein paar Therapiestunden ein, meint Mia. Man glaubt plotzlich, alles falsch gemacht zu haben. Man fuhlt sich wie ein Versager. Denn man hat einen Partner, der einem entweder nicht zur Seite steht - oder nicht mehr zu Gesicht. (Oder beides.) Oder man hat Kinder, die einen terrorisieren. Oder alles drei. Oder man hat weder dies noch das noch jenes - man hat niemanden. So wie Mia, sagt Mia. Und
einzig und allein im Vergleich mit Emmi kommt ihr das manchmal erbarmlich vor.



18 MINUTEN SPATER
        RE:
        Ja, ich wei?, wie Mia uber mich, meine Ehe, mein Familienleben denkt. Sie mag Bernhard nicht, weil sie das Gefuhl hat, er hat ihr etwas weggenommen: mich, ihre beste Freundin. Ja, verdammt, sie leidet darunter, dass es mir einfach nicht mehr so schlecht geht wie ihr. Nicht mehr schlecht genug, um mich bei ihr auszuweinen. Unsere Freundschaft ist einseitig geworden: Fruher hatten wir gemeinsame Themen, gemeinsame Argernisse, gemeinsame Feinde - zum Beispiel Manner und ihre Makel. Das war ergiebig, da hatten wir uns Bande zu erzahlen, da konnten wir aus dem Vollen schopfen. Seit Bernhard ist das anders geworden. Ich kann beim besten Willen nichts Schlechtes uber ihn sagen. Es hat keinen Sinn, mich kunstlich uber Lappalien aufzuregen, nur um Mia ein Gefuhl der Solidaritat vorzutauschen. Wir befinden uns eben in grundverschiedenen Lebenssituationen. Das ist das Problem zwischen Mia und mir.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Mia sagt, es fallt ihr uberhaupt nur eine einzige Sache ein, die nicht in das Bild der perfekten Rothner'schen Familienidylle passt. Zumindest kann sie sich keinen rechten Reim darauf machen. Obwohl sie schon ofters mit Ihnen daruber gesprochen hat.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Woruber?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Uber mich.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Uber Sie?



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, uber mich, uber uns, Emmi. Mia versteht nicht, warum Sie mir schreiben, wie Sie mir schreiben, was Sie mir schreiben, wie oft Sie mir schreiben und so weiter. Sie versteht nicht, warum Ihnen der Kontakt zu mir so wichtig ist. Sie sagt: Der Emmi fehlt nichts, absolut nichts. Wenn sie Sorgen hat, dann wei? sie, dass sie jederzeit zu mir oder einer anderen Freundin gehen kann. Wenn sie Selbstbestatigung sucht, muss sie nur einmal durch die Fu?gangerzone spazieren. Wenn sie flirten will, dann konnte sie auf der Promenierzeile Wartenummern ausgeben und die Typen der Reihe nach aufrufen. Fur all das benotigt sie keinen zeitaufwandigen und krafteraubenden Dauer-Intensiv-E- Mail-Partner. Ja, Mia wei? nicht, wofur Sie mich brauchen, wozu ich gut sein soll, Emmi.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Wissen Sie es auch nicht, Leo?


        NEUN MINUTEN SPATER
        AW:
        Doch, ich denke schon, ich nehme Sie beim Wort. Ich hab Mia versucht zu erklaren, dass ich fur Emmi so eine Art »Au?enstelle« bin, ein bisschen Ablenkung vom Familienalltag. Und einer, der sie schatzt und mag, so wie sie ist, ohne dass sie anwesend sein muss. Sie muss nur schreiben, sonst gar nichts. Fur Mia reicht diese Erklarung allerdings nicht aus. Sie sagt: Emmi braucht keine Ablenkung. Fur eine
»Ablenkung« wurde sie niemals Aufwand betreiben. Wenn Emmi Aufwand betreibt, dann
»will« sie etwas. Und wenn Emmi etwas will, dann will sie nicht nur viel. Wenn Emmi etwas will, dann will sie alles.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Vielleicht kennt mich Mia doch nicht so gut, Leo. Was »alles« soll ich von Ihnen wollen? Ich hab ja noch nicht einmal Spaghetti al Pesto mit Ihnen gegessen. Ich habe nicht ein Mal den Kopf zur Seite gedreht, sodass ich einen Luftzug erzeugt hatte, den Sie hatten verspuren konnen, lieber Leo. Darin ist mir Freundin Mia bekanntlich um einiges voraus. Ich will gar nicht wissen, wie viel Sie dem »Alles« bei Ihnen naher gekommen ist als ich.


        EINE MINUTEN SPATER
        AW:
        Freut mich, dass Sie es ausnahmsweise einmal nicht wissen wollen.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Also wie nahe ist Mia dem »Alles« bei Ihnen gekommen?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Kommt immer darauf an, was »Alles« fur jemanden bedeutet.



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Sehen Sie Leo, das sind jene beruhmten Antworten von Ihnen, die den »Aufwand« rechtfertigen, den ich mit meiner Schreiberei betreibe. Das konnen Sie gerne meiner Freundin Mia ausrichten. Wann treffen Sie sie wieder? Heute?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, heute bin ich bei Kollegen zum Essen eingeladen. Ich sollte mich dann ohnehin bald fertig machen. Ich wunsche Ihnen einen schonen Abend, Emmi.



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und da nehmen Sie Mia gar nicht mit? Also ist sie dem »Alles« bei Ihnen offenbar doch noch nicht so nah.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        So nah nicht, Emmi, wenn Sie das beruhigt.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Das tut es!



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Emmi. Emmi. Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Mia
        Tag Leo, morgen treffe ich Mia! Gru?, Emmi.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Hallo Emmi, schon fur Sie, schon fur Mia. Ebenfalls Gru?, Leo.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Mehr fallt Ihnen dazu nicht ein?



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Was haben Sie sich vorgestellt, Emmi? Sollte ich Ihrer Meinung nach in Panik geraten? Emmi, wir haben nicht Elternsprechtag, ich habe nicht Schule geschwanzt, Mia ist nicht meine Lehrerin, und Sie, Emmi, sind nicht meine Mama. Ich habe also nichts zu befurchten.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, wenn Sie mit Mia - Sie wissen schon - dann wurde ich das lieber heute von Ihnen erfahren als morgen von Mia. Also verraten Sie es mir?


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Ob ich mit Mia schlafe? - Vielleicht will Mia gar nicht, dass Sie es wissen, wenn es tatsachlich der Fall ist.


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        SIE wollen nicht, dass ich es wei?. Aber Pech, Leo, ich wei? es! So wie Sie schreiben, so schreibt nur einer, der mit Mia schlaft.



13 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und das ware fur Sie eine Katastrophe? Das wurde Ihre gesamte »Au?enwelt« in Unruhe versetzen? Oder ist es einfach das alte Spiel aus der Kindheit: Ich kann etwas nicht haben, also darf es meine beste Freundin erst recht nicht haben?


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie sind mir zu unreif fur dieses Thema. Also lassen wir es. Verbringen Sie noch einen angenehmen Tag. Man liest sich, Emmi.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie waren auch schon einmal besser aufgelegt, meine Liebe. Ja, man liest sich, zweifellos.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Mia
        Hi Leo, ich habe Mia getroffen!



30 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich wei?, Emmi, Sie hatten es angekundigt.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Wollen Sie nicht wissen, wie es war?
        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Gute Frage. Ich kann jetzt zwischen zwei Antwortvarianten wahlen. Entweder 1.) Mia wird es mir schon erzahlen. Oder 2.) Sie, Emmi, werden es mir ohnehin gleich erzahlen. Ich wahle: 2.)


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Knapp daneben, mein Lieber. Fragen Sie Mia, wie es war. Angenehmen Nachmittag!


        SIEBEN STUNDEN SPATER
        AW:
        Gute Nacht, Emmi, das war heute eine eher schwache Performance.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Emmi?
        Meine liebe E-Mail-Partnerin, sind Sie beleidigt? Warum eigentlich? Hat Ihnen Mia etwas erzahlt, was Sie nicht horen wollten?


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie wissen genau, was mir Mia erzahlt hat. Sie wissen auch genau, was mir Mia NICHT erzahlt hat: »Ja, er ist sehr nett. Ja, wir verstehen uns gut. Ja, wir sehen uns ofter. Ja, es wird manchmal ziemlich spat (schmunzel, kicher). Ja, er ist wirklich schwer okay (grins). Ja, das ware schon ein Mann (seufz), wo man sich vorstellen kann (schwarm)... Aber Emmi, es ist doch ganz egal, ob wir Sex miteinander haben! Das ist doch nicht das Entscheidende ... Ach, Emmi, warum musst du immer uber Sex reden?« Und so weiter.
        Guter Leo, das ist nicht Mia, wie sie ist. Mia, wenn sie ist, wie sie ist, redet stundenlang uber Sex! Sie beschreibt dabei jeden Muskel, der beansprucht wird oder in irgendeiner Weise beteiligt ist, sei es auch nur als Zuschauer (oder Zuhorer). Mia kann einen einzigen, funf Sekunden wahrenden Orgasmus aus sportmedizinischer Sicht in sieben Arbeitsschritte mit Kalorienverbrauchstabellen etc. unterteilen, die jeweils einstundige Referate erforderlich machen. Das ist Mia! Und wissen Sie, wer ganz und gar nicht Mia ist? - »Ach Emmi, warum musst du immer uber Sex reden!« - Das ist null Mia, dafur hundert Prozent Leo Leike. Leo, was haben Sie aus Mia gemacht? Und warum? Um mich zu argern?



13 MINUTEN SPATER
        AW:
        Hat Sie Mia nicht gefragt, warum Sie sich so wahnsinnig dafur interessieren, ob ich mit ihr Sex habe? Hat sie Ihnen nicht gesagt, dass sie Sie ja auch nicht fragt, wie oft Sie mit Ihrem Bernhard Sex haben? (Okay, das »Ihrem« vor »Bernhard« nehme ich zuruck.) Hat Sie Mia nicht gefragt, was Sie von mir eigentlich wollen? Hat sie, stimmt's? Und was haben Sie darauf geantwortet, Emmi?



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        E-Mails will ich von ihm! (Aber nicht solche.)


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        AW:
        Manchmal kann man sie sich nicht aussuchen.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ich will sie mir nicht aussuchen mussen. Ich will, dass sie von alleine schon sind. Fruher, Leo, haben Sie mir so schone E-Mails geschrieben. Seit Sie mit Mia Sex haben, reden Sie nur noch um den hei?en Brei herum. Gut, ich bin ja selber schuld, ich hatte Sie nicht mit Mia zusammenbringen durfen. Das war einfach ein Fehlgriff von mir.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, ich verspreche Ihnen, dass Sie wieder einmal eine schone E-Mail von mir erhalten werden, Mia hin oder her. Heute schaffe ich es nicht mehr. Wir gehen ins Theater. (Nein, nicht Mia und ich, sondern meine Schwester und ein paar Freunde und ich.) Schonen Abend, Leo. Und gru?en Sie mir Ihr Klavier.


        FUNF STUNDEN SPATER
        RE:
        Sind Sie schon zuruck vom Theater? Ich kann heute nicht schlafen. Habe ich Ihnen eigentlich schon einmal vom Nordwind erzahlt? Ich vertrage keinen Nordwind, wenn mein Fenster offen ist. Es ware schon, wenn Sie mir noch ein paar Worte schreiben. Schreiben Sie einfach: »Dann schlie?en Sie das Fenster.« Dann werde ich Ihnen erwidern: Bei geschlossenem Fenster kann ich nicht schlafen.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Schlafen Sie mit dem Kopf zum Fenster?



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        LEO!!! - Ja, ich schlafe mit dem Kopf schrag zum Fenster.



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Und wenn Sie sich um 180 Grad wenden und mit den Zehen schrag zum Fenster schlafen?



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Das geht nicht, da fehlt mir der kleine Nachttisch mit Leselampe.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Zum Schlafen brauchen Sie doch keine Leselampe.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Nein, aber zum Lesen.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Dann lesen Sie - und danach drehen Sie sich um und schlafen mit den Zehen schrag zum Fenster ein.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Wenn ich mich umdrehe, bin ich wieder wach und muss wieder lesen, damit ich einschlafen kann. Und dann fehlt mir das Nachtkastchen mit Leselampe.



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich hab's! Stellen Sie es einfach auf die andere Seite vom Bett.



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Geht nicht, das Kabel der Lampe ist zu kurz.



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Schade, ich hatte hier ein Verlangerungskabel.



25 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Mailen Sie es mir ruber!



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Okay, ich schicke es als Dokument.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Danke, ich hab's erhalten. Tolles Kabel, ewig lang! Ich stecke es jetzt an.



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Passen Sie nur auf, dass Sie in der Nacht nicht daruber stolpern.



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ach, ich werde so tief und fest schlafen, dank Ihnen und Ihrem Kabel!


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Da kann der Nordwind jetzt blasen, wie er will.



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Leo, ich hab Sie sehr, sehr gern. Sie sind fantastisch gut gegen Nordwind!



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich habe Sie auch sehr gern, Emmi. Gute Nacht.



25 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Gute Nacht. Traumen Sie schon.


        AM NACHSTEN ABEND
        Kein Betreff
        Guten Abend, Emmi. Heute haben Sie darauf gewartet, dass ich als Erster schreibe, stimmt's?


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, ich warte fast immer darauf, dass Sie als Erster schreiben, aber meistens vergeblich. Diesmal habe ich durchgehalten. Geht's Ihnen gut?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, mir geht es gut. Ich habe gerade mit Mia gesprochen. Und wir haben beschlossen, dass wir Ihnen alles uber uns verraten, wenn Sie es uberhaupt noch wissen wollen.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Das wei? ich erst nachher, ob ich es wissen wollte. Jedenfalls haben Sie es so staatstragend angekundigt, dass ich es fur gar nicht unwahrscheinlich halte, dass ich nachher wei?, dass ich es eigentlich nicht wissen wollte. Sollte es also eine Liebesgeschichte mit Schwangerschaft, Venedig-Reise und Hochzeitstermin werden, verschonen Sie mich besser damit. Ich hatte heute schon Streit mit einem Kunden. Au?erdem kriege ich meine Tage.


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, es ist keine Liebesgeschichte. Es war nie eine. Und mich wundert, dass und in welchem Ausma? Sie daran gezweifelt haben. Vorher waren Sie sich Ihrer Sache ja ziemlich sicher. »Ihre Sache«, ja, das ist der Punkt. Soll ich ins Detail gehen?


        SECHS MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, das ist unfair! Ich war mir keiner Sache sicher. Da gab es keine »Sache«. Ich hatte vorher nicht uberlegt, was geschehen konnte, wenn Sie meiner Freundin begegnen. Ich war einfach nur neugierig, was sie sagt - und was Sie sagen, Leo. Als Sie es dann sagten, beziehungsweise NICHT sagten, spurte ich erst, wie wenig mir das gefiel, was Sie sagten beziehungsweise NICHT sagten, Sie und Mia. Aber erzahlen Sie ruhig weiter. Den wichtigsten Satz haben Sie ohnehin bereits geschrieben. (Ihr erster.) Jetzt kann nicht mehr viel passieren.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Mia und ich haben uns an diesem Sonntagnachmittag im Kaffeehaus zum ersten Mal gesehen, und wir wussten sofort, warum wir da sitzen - nicht wegen uns, sondern wegen Ihnen. Wir hatten uberhaupt keine Chance, uns naher zu kommen, uns vielleicht sogar ineinander zu verlieben. Wir waren so ungefahr das Gegenteil von fureinander bestimmt. Wir sind uns vom ersten Augenblick an wie Ihre Marionetten vorgekommen, wie Schachfiguren, die Sie, liebe Emmi, gerade gezogen haben. Nur das
»Spiel« haben wir nicht verstanden. Und es ist bis heute nicht zu verstehen. Emmi, Sie wissen, dass Mia gro?e Stucke auf Sie halt, dass sie Sie bewundert, ja, und auch beneidet. Sollte das mein Interesse an Ihnen noch steigern? Wenn ja, dann wozu? Soll ich wissen, wie perfekt und idyllisch Sie ein Familienleben fuhren konnen? Wozu? Was hat das mit unseren E-Mails zu tun? Hindert es den Nordwind, bei Ihrem Fenster hineinzublasen, so- dass Sie nicht einschlafen konnen?
        Und Mia: Sie kennt sich bei Ihnen uberhaupt nicht mehr aus. Sie hat nur eines gespurt, von Anfang an: Ich war tabu fur sie. Ich trug eine Tafel um den Hals mit der Aufschrift: »Gehort Emmi! Beruhren verboten!« Mia fuhlte sich darauf reduziert, mich auszuhorchen. Sie sollte Ihnen detailreich von mir erzahlen, sie sollte Ihnen die andere Ebene von mir servieren, die, die Sie nicht kennen, die physische, damit Sie ein rundes Bild von mir haben.
        Nun gut, Emmi, Mia und ich waren nicht bereit, unseren uns zugedachten Rollen gerecht zu werden. Wir waren entschlossen, Ihnen Ihr seltsames Spiel zu vermasseln. Ja, wir waren trotzig, wir haben uns zwar nicht ineinander verliebt, aber wir haben miteinander geschlafen. Es hat uns gut getan, es hat Spa? gemacht, wir sind uns nichts schuldig geblieben. Es ging ganz ohne Herzklopfen, ohne gro?e Begierde, ohne tiefe Leidenschaft. Uns beiden reichte, es Ihnen zu Flei? zu machen. Es war die einfachste und ehrlichste Sache der Welt. Wir waren ehrlich sauer auf Sie! So machten wir uns unser eigenes Spiel im Spiel. Ja, eine Nacht funktionierte das, eine zweite nicht mehr. Man kann auf Dauer nur »miteinander« schlafen, nicht gegen einen gemeinsamen Dritten. Und es war klar, dass sich zwischen Mia und mir nichts aufbauen wurde. Aber wir trafen uns weiter gern, es war nett miteinander zu plaudern, ja, wir mochten uns (und mogen uns) und es gefiel uns, Sie dabei auf Distanz zu halten, Emmi. Als kleine Strafe fur Ihre Uberheblichkeit. Das war die Geschichte. Ich bin gespannt, ob Sie sie verstehen - und wie Sie
sie verdauen, meine liebe E-Mail-Partnerin. Es ist unterdessen Nacht geworden. Vollmond, wie ich sehe. Und der Nordwind ist abgeflaut. Sie konnen den Kopf beim Fester lassen. Gute Nacht!


        ZWEI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Liebe Emmi, man kommt sich ziemlich jammerlich vor, wenn man zwei Tage so in der Luft hangt, wie ich in der Luft hange, weil Sie mich in der Luft hangen lassen. Ich lade Sie deshalb hoflich ein, mir zu antworten. Holen Sie mich ruhig unsanft auf den Boden, aber lassen Sie mich nicht in der Luft. Hochachtungsvoll, Ihr Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Verdauung
        Hallo Leo, Jonas hat sich beim Volleyball den Arm ausgekegelt. Wir waren zwei Nachte im Spital. Das nur als kleiner Vorgeschmack zur Familienidylle. Jetzt zur Verdauung. Ich habe Ihre E-Mail mehrmals zu verdauen versucht, aber sie ist mir leider immer wieder hochgekommen. Jetzt ist es nur noch ein geschmacksneutraler Brei. Sie fragen, ob Sie von Mia erfahren sollten, wie perfekt und idyllisch ich ein Familienleben fuhren kann? Lieber Leo, da unterliegen Sie und Mia einem gro?en Irrtum. Mein Familienleben ist gut, aber keineswegs perfekt. »Familienleben« als solches hat mit Perfektion nichts zu tun, sondern mit Ausdauer, Geduld, Nachsicht und ausgekegelten Armen von Kindern. Darf ich hier ausnahmsweise auf meine langjahrige Erfahrung verweisen, die ich - tut mir Leid - sowohl Mia als auch Ihnen abspreche? »Familienidylle« ist ein Oxymoron, ein Begriffspaar, das einander ausschlie?t: entweder Familie oder Idylle. So, und jetzt noch ein paar Worte zu Ihrem »Spiel im Spiel«. Sie sind also mit Mia ins Bett gegangen, weil Sie beide sauer auf mich waren? - So etwas Kindisches habe ich schon lange nicht
gehort. Leo, Leo! Das gibt Punkteabzuge.



        KAPITEL SIEBEN

        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Aufraumen
        Hallo Emmi. Wie geht es Ihnen? Mir geht es nicht aufregend gut. Ich bin auch nicht gerade machtig stolz auf mich. Ich hatte Mia nicht kennen lernen durfen. Ich hatte wissen mussen, dass mich das in absurder Weise fester an Sie bindet, Emmi. Ich habe Ihnen den Vorwurf gemacht, dass das Ihr Ziel war. Das nehme ich zur Halfte zuruck. Ich glaube, es war unser beider Ziel. Wir haben nur bis heute nicht gewagt, es uns einzugestehen. Mia war eine Verbindungsperson zwischen uns. Sie haben sie auf mich angesetzt. Und ich habe mich mit ihr dafur revanchiert. Es war nicht unfair ihr gegenuber. Mias gesteigertes Interesse an mir entspricht ihrem gesteigerten Interesse an Ihnen, Emmi. Ich glaube, Sie sind es, die ein paar Schritte auf Ihre Freundin zugehen sollte. Und ich bin es, der ein paar Schritte zuruckgehen sollte. Ich muss da ein bisschen aufraumen. Ich wunsche Ihnen noch einen schonen Tag. Leo.


        EINE STUNDE SPATER
        RE:
        Und was raumen Sie als nachstes auf, Leo? Mich?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich dachte immer, E-Mails als solche sind aufgeraumt genug. Aber ich glaube, ich sollte auch hier langsam einmal die Bremse ziehen.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, der Zogerliche, ist wieder in seinem Element: »Ich glaube.« »Ich sollte.«
»Langsam.« »Einmal.« »Die Bremse ziehen.« Macht es Ihnen Spa?, mich an Ihren kleinlaut angekundigten Ruckschritten teilhaben zu lassen? Bitte, Leo: Ziehen Sie die Bremse, aber ziehen Sie sie ordentlich!!! Und qualen Sie mich nicht mit: Ich glaube, ich sollte, ich werde dann langsam einmal ... Das nervt langsam einmal!


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Okay, ich ziehe die Bremse.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Endlich.



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Schon gezogen.



25 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und jetzt?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Wei? noch nicht. Ich warte auf den Stillstand.



25 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Hier ist er. Nacht!


        ZWEI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Hallo Emmi, wie ist das, schreiben wir uns uberhaupt nicht mehr?


        SIEBEN STUNDEN SPATER
        RE:
        Anscheinend nicht.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Tut gut, einmal keine E-Mails zu bekommen.


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Ja, man konnte sich daran gewohnen.


        VIER STUNDEN SPATER
        RE:
        Da sieht man erst, wie anstrengend das war.


        FUNFEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Stress. Purer Stress.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff Und wie geht's Mia?


        ZWEI STUNDEN SPATER
        AW:
        Keine Ahnung, wir treffen uns nicht mehr.


        ACHT STUNDEN SPATER
        RE:
        Ah so? Schade.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, schade.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Macht richtig Spa? mit Ihnen, Leo.


        NEUN STUNDEN SPATER
        AW:
        Danke, dieses Kompliment kann ich nur zuruckgeben.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Wie geht's eigentlich Marlene? Wieder einmal ruckfallig geworden?


        DREI STUNDEN SPATER
        AW:
        Nein, bisher noch nicht, aber ich arbeite daran. Und was macht die Familie? Wie geht's dem Knie von Jonas?


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Dem Arm.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, richtig, Verzeihung, wie geht's dem Arm?


        DREIEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Sieht man nicht. Er ist eingegipst.


        EINE HALBE STUNDE SPATER
        AW:
        Ah so. Ah ja. Klar.


        ZWEI TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Schon traurig, Emmi, wir haben uns nichts mehr zu sagen.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Vielleicht hatten wir uns nie was zu sagen.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Dafur haben wir ganz schon viel miteinander geredet.



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Wir haben stumm geredet. Alles leere Worte.


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Wenn Sie es sagen, wird es wohl stimmen.


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Wie gut, dass Sie auf die Bremse gestiegen sind.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Den Stillstand haben Sie angekundigt, Emmi!


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Und Sie sprechen ihn taglich aus.


        FUNF STUNDEN SPATER
        AW:
        Sollten wir ganz aufhoren?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Das haben wir ohnehin schon getan.



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Sie konnen einen ganz schon runterziehen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Hab ich von Ihnen gelernt, Leo. Gute Nacht.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Gute Nacht.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Gute Nacht.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Gute Nacht.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Gute Nacht.



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Gute Nacht.



20 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Gute Nacht.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Es ist drei Uhr fruh. Blast der Nordwind? Gute Nacht.



15 MINUTEN SPATER
        RE:
        Drei Uhr und 17 Minuten. Westwind, der lasst mich kalt. Gute Nacht.


        AM NACHSTEN MORGEN
        Betreff: Guten Morgen
        Guten Morgen, Leo.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Guten Morgen, Emmi.



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Ich fliege heute Abend fur zwei Wochen nach Portugal: Badeurlaub mit den Kindern. Leo, sind Sie noch da, wenn ich zuruckkomme? Ich muss das wissen. Mit »da« meine ich ..., was meine ich eigentlich? Ich meine: einfach da. Sie verstehen schon, was ich meine. Ich habe Angst, dass Sie mir verloren gehen. Von mir aus Bremse. Von mir aus Stillstand. Von mir aus stumme, leere Worte. Aber stumme, leere Worte MIT Ihnen, nicht ohne Sie!



18 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, liebe Emmi, ich werde zwar nicht auf Sie warten. Aber ich werde da sein, wenn Sie zuruckkommen. Ich bin immer da, fur Sie, auch bei Stillstand. Wir werden sehen, wie es uns nach diesen vierzehn Tagen »Pause« gehen wird. Vielleicht tut sie uns gut. Ich finde, wir haben uns in den letzten Tagen schon recht schon darauf eingeschrieben. Alles Liebe, Leo.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Eines noch, bevor ich wegfliege, Leo. Bitte ehrlich! Haben Sie das Interesse an mir verloren?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Wirklich ehrlich?


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Ja, wirklich ehrlich. Ehrlich und bitte schnell! Ich muss mit Jonas zur Gipsabnahme.



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Wenn ich sehe, dass eine E-Mail von Ihnen einlangt, klopft mein Herz. Das ist heute so wie gestern und vor sieben Monaten.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Trotz stummer, leerer Worte? Das ist schon!!!! Urlaub gerettet! Adieu.



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Adieu.


        ACHT TAGE SPATER
        Kein Betreff
        Hallo Leo, ich bin in einem Internetcafe in Porto. Ich schreibe nur schnell, damit Ihr Herz nicht stehen bleibt vor lauter »Nicht-Klopfen«. Uns geht es gut: Der Kleine hat seit Urlaubsbeginn Durchfall, die Gro?e hat sich in einen portugiesischen Surflehrer verliebt. Nur noch sechs Tage! Ich freu mich auf Sie! (PS: Nichts mit Marlene anfangen!)


        SECHS TAGE SPATER
        Betreff: Hallo!
        Lieber Leo, da bin ich wieder. Wie war die »Pause«? Was gibt es Neues? Sie haben mir gefehlt! Sie haben mir nicht geschrieben. Warum nicht? Ich habe Angst vor Ihrer ersten E-Mail. Noch gro?ere Angst habe ich, dass Sie mich darauf warten lassen. Frage: Wie tun wir weiter?



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie brauchen keine Angst vor meiner ersten EMail zu haben. Hier ist sie, und sie ist ganz harmlos.

1.) Neues gibt es - nichts.

2.) Die Pause war - lang.

3.) Geschrieben habe ich Ihnen nicht, weil - Pause war.

4.) Gefehlt haben Sie mir - auch! (Vermutlich mehr als ich Ihnen. Sie hatten wenigstens eine sechzehnjahrige Tochter gegen einen portugiesischen Surflehrer zu verteidigen. Wie ist die Geschichte ausgegangen?)

5.) Wie wir weiter tun? - Da gibt es exakt drei Moglichkeiten: Weiter wie bisher. Aufhoren. Treffen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE
        Zu 4.) Fiona wird nach Portugal auswandern und den Surflehrer heiraten. Sie ist nur noch einmal rasch mit uns heimgeflogen, um ihre Sachen zu packen. Glaubt sie. Zu 5.) Ich bin fur - treffen!


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Letzte Nacht habe ich intensiv von Ihnen getraumt, Emmi.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Tatsachlich? Das ist mir auch schon passiert. Ich meine, dass ich intensiv von Ihnen getraumt habe. Was verstehen Sie eigentlich unter »intensiv«? War der Traum nur irgendwie intensiv oder wenigstens auch erotisch?



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ja, hocherotisch!



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ehrlich? Das passt ja gar nicht zu Ihnen.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Mich hat es auch gewundert.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und??? Details bitte! Was haben wir getan? Wie habe ich ausgesehen? Wie war mein Gesicht?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Vom Gesicht habe ich nicht viel mitbekommen.


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Hey, Leo, Sie sind mir einer! Vermutlich war ich die blonde Kaffeehaus-Emmi mit dem gro?en Busen, den es auszuloten galt.



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Was haben Sie immer mit dem gro?en Busen? Haben Sie ein Gro?er-Busen-Problem?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Das bewundere ich so an Ihnen, Leo. Sie wollen nicht etwa wissen, ob ich einen gro?en Busen habe. Sie wollen wissen, ob ich ein Gro?er-Busen-Problem habe. Das ist derart untypisch mannlich, dass man meinen konnte, Sie haben ein ausgewachsenes Gro?er-Busen- Problem-Syndrom.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, halten Sie mich ruhig fur asexuell, aber ob gro?, klein, dick, dunn, breit, flach, rund, oval, kantig oder eckig - irgendwie interessiert mich kein Busen, zu dem ich das Gesicht nicht kenne. Zumindest fehlt mir das Talent, mich abgesondert von allem anderen, was eine Frau ausmacht, mit dem Volumen ihres Busens zu beschaftigen.


        EINE MINUTEN SPATER
        RE:
        Ha, Sie widersprechen sich! Drei Mails vorher haben Sie mir von Ihrem hocherotischen Traum erzahlt, in dem sie offenbar alles Mannermogliche von mir gesehen haben durften, nur nicht mein Gesicht. Sagen Sie blo?, mein Busen ist Ihnen dabei nicht untergekommen.



55 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich habe im Traum weder Gesicht noch Busen noch sonst etwas Ihnen zugehoriges Korperliches gesehen. Ich habe alles nur gefuhlt.


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Wenn Sie nichts von mir gesehen haben, wieso wissen Sie dann, dass ich die Frau war, die Sie da blind abgegrapscht haben?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Weil es nur eine gibt, die sich so ausdruckt wie Sie: Sie!


        ZWEIEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Wir haben also geredet, wahrend Sie mich blind abgegrapscht haben?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich habe Sie nicht blind abgegrapscht, ich habe Sie gefuhlt, das ist ein gravierender Unterschied. Und wir haben (unter anderem auch) geredet.



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Hocherotisch!


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        AW:
        Davon verstehen Sie nichts, Emmi. Sie denken sich in solchen Angelegenheiten offenbar zu sehr in »Ihre« Manner hinein.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Da »meine Manner«, und da - »the one and only« Leo, der Busenerhabene. Mit dieser edlen Differenzierung blenden wir uns fur heute aus. Ich muss Schluss machen, habe noch einiges zu erledigen. Ich melde mich morgen. Bis bald, Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Treffen
        Also, Leo, treffen wir uns? Ich habe alle Zeit der Welt. Bernhard ist mit den Kindern eine Woche wandern. Ich bin allein.


        FUNFEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Hey Leo, hat es Ihnen die Rede verschlagen?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, Emmi. Ich denke nur nach.


        ZEHN MINUTEN SPATER
        RE:
        Das kann nichts Gutes bedeuten. Ich wei? genau, woruber Sie nachdenken. Leo, bitte, treffen wir uns! Versaumen wir nicht den vielleicht letzten sinnvollen Zeitpunkt dafur. Was riskieren Sie dabei? Was haben Sie zu verlieren?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:

1.) Sie

2.) Mich

3.) Uns



17 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie haben panische Beruhrungsangste. Wir werden uns sehen, und wir werden uns mogen, und wir werden miteinander reden, wie wir immer schon miteinander geredet haben, nur eben mundlich. Wir werden uns vertraut sein von der ersten Minute an. Nach einer Stunde werden wir uns gar nicht mehr vorstellen konnen, wie es ware, wenn wir einander noch nie gesehen hatten. Wir werden an einem kleinen Tisch in einem italienischen Restaurant sitzen. Ich werde vor Ihren Augen Spaghetti al Pesto essen. (Durfen es auch »Vongole« sein?) Und ich werde meinen Kopf zur Seite drehen, sodass ich einen Luftzug erzeuge, den sie verspuren konnen, lieber Leo. Endlich ein echter, physischer, befreiender, antivirtueller Luftzug!!!


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie sind nicht Mia. An Mia hatte ich keine Erwartungen gestellt - und umgekehrt. Mia und ich, wir hatten beim Start begonnen, wie das ublich ist, wenn sich zwei kennen lernen. Anders bei uns, Emmi: Wir starten von der Ziellinie weg, und es gibt nur eine Richtung: zuruck. Wir steuern auf die gro?e Ernuchterung zu. Wir konnen das nicht leben, was wir schreiben. Wir konnen die vielen Bilder nicht ersetzen, die wir uns voneinander ausmalen. Es wird enttauschend sein, wenn Sie hinter der Emmi zuruckbleiben, die ich kenne. Und Sie werden dahinter zuruckbleiben! Sie werden deprimiert sein, wenn ich hinter dem Leo zuruckbleibe, den Sie kennen. Und ich werde dahinter zuruckbleiben! - Wir werden nach unserem ersten (und einzigen) Treffen ernuchtert auseinander gehen, trage, wie nach einem fetten Mahl, das uns nicht geschmeckt hat, dabei hatten wir uns ein Jahr mit Hei?hunger darauf gefreut, hatten es Monate lang kocheln und brodeln lassen. Und dann? - Aus. Schluss. Gegessen. So tun, als ware nichts gewesen? Emmi, wir haben dann fur immer das entmythologisierte, aufgedeckte, entzauberte, enttauschte,
aufgesprungene Spiegelbild des anderen vor Augen. Wir werden nicht mehr wissen, was wir einander schreiben sollen. Wir werden nicht mehr wissen, wozu wir einander schreiben sollen. Und irgendwann spater einmal werden wir uns im Kaffeehaus oder in der U-Bahn begegnen. Wir werden versuchen, einander nicht zu erkennen oder einander zu ubersehen, wir werden uns schnell voneinander abwenden. Wir werden uns genieren, was aus unserem »uns« geworden ist, was davon geblieben ist. Nichts. Zwei einander fremde Menschen mit einer gemeinsamen Scheinvergangenheit, von der sie sich so lange so schamlos betrugen hatten lassen.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Und taglich sterben Hunderte Tierarten aus.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Was soll das hei?en?



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie jammern, jammern, jammern, jammern, jammern. Malen schwarz, malen schwarz, malen schwarz, malen schwarz.



25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Malen schwarz.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        ???


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        AW:
        Malen schwarz. (Eines haben Sie vergessen, funfmal »jammern«, funfmal »schwarz malen«. Oder viermal »jammern«, viermal »schwarz malen«, dann war ein »jammern« zu viel.)


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Gut beobachtet, schon herausgearbeitet. Typisch Leo, ein bisschen krankhaft zwanglerisch, aber auf liebevolle Weise aufmerksam und korrekt. Und dazu mochte ich gern Ihre Augen sehen, Ihre echten Augen! Gute Nacht. Traumen Sie von mir! Und schauen Sie mich dabei vielleicht einmal an!


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Gute Nacht, Emmi. Tut mir Leid, ich bin so, wie ich bin, so, wie ich bin, so, wie ich bin.


        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Treffen »light«
        Schonen Nachmittag, Emmi. Sind Sie (noch immer) beleidigt oder trinken wir heute Nacht wieder einmal ein paar Glaser Wein miteinander? Erwartungsvoll, Ihr Leo.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Hallo Leo, heute Abend treffe ich mich »real« mit Mia. Wir haben uns vorgenommen, es »wie in alten Zeiten« anzugehen und in der letzten noch offenen Bar ausklingen, um nicht zu sagen ausufern zu lassen. Das hei?t: Es kann locker funf Uhr fruh werden.



16 MINUTEN SPATER
        AW:
        Alles klar. Ja, das gehort ausgenutzt, wenn die Familie einmal au?er Haus ist. Lassen Sie Mia von mir gru?en. Und schonen Abend.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Das sind die wenigen Mails, wo ich lieber gar nicht wissen mochte, wie Sie dabei aussehen, wenn Sie so was schreiben. (Ubrigens: Sie haben eine ziemlich biedere Vorstellung von einer Familie oder zumindest - von meiner Familie. Um bis funf Uhr fruh unterwegs zu sein, muss ich keineswegs warten, bis die Familie au?er Haus ist. Ich kann das auch sonst tun, wann immer es mir beliebt.)


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Und mich konnten Sie auch treffen, wann immer es Ihnen beliebt? Egal ob Bernhard eine Woche mit den Kindern weit weg in den Bergen ist oder ob er daheim im Nebenzimmer verweilt (und jederzeit zu Besuch in Ihrem Zimmer auftauchen konnte)?



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        LEO, ENDLICH IST ES HERAUS!!! Sie hatten sich Ihren vorgestrigen dunkelgrauen Salm uber die erschutternde, Spiegelbilder zerrei?ende Erstbegegnung zwischen uns sparen konnen. Das ist namlich gar nicht Ihr Problem. Ihr Problem hei?t Bernhard. Sie sind sich zu gut, der Zweite nach ihm zu sein. Sie wollen mich nicht treffen, weil Sie mich rein theoretisch gar nicht »kriegen« konnen, ganz egal, ob Sie das dann praktisch tatsachlich wollen oder nicht. Per E-Mail haben Sie mich ganz fur sich allein, und in dieser Form kommen Sie mit mir ja blendend zurecht, da konnen Sie ganz nach Belieben von Distanz auf Nahe schalten und wieder zuruck. Stimmt's?



45 MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wurden Sie mich auch treffen (wollen), wenn Ihr Mann daheim im Nebenzimmer sitzt? Und (Zusatzfrage): Was wurden Sie ihm sagen? Vielleicht: »Du, Schatz, ich treffe heute Abend einen Mann, mit dem ich seit einem Jahr korrespondiere, meistens taglich mehrmals, von >Guten Morgen< bis >Gute Nacht<. Oft ist er der Erste am Tag, der etwas von mir erfahrt. Oft ist er der Letzte, dem ich noch etwas mitteile, bevor ich mich schlafen lege. Und in der Nacht, wenn ich nicht einschlafen kann, wenn der Nordwind blast, dann komme ich nicht zur dir, Schatz. Nein, dann schreibe ich diesem Mann eine E-Mail. Und er schreibt mir zuruck. Der Typ tut namlich verdammt gut gegen Nordwind in meinem Kopf. Was wir uns so schreiben? Ach, nur Personliches, nur uber uns, wie das so ware mit uns, wenn ich dich nicht hatte, Schatz, dich und die Kinder. Ja, und wie gesagt, heute Abend treffe ich ihn ... «


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Ich sage niemals »Schatz« zu meinem Mann.



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Oh, Verzeihung, Emmi, Sie sagen naturlich: Bernhard. Das klingt respektvoller.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, nicht bose sein, Sie haben eine jammerliche Vorstellung von einer gut funktionierenden Ehe. Wissen Sie, was ich zu Bernhard sage, wenn ich Sie abends treffen will? Ich sage: »Bernhard, ich gehe heute Abend fort. Ich treffe einen Freund. Es kann spat werden.« Und wissen Sie, was Bernhard darauf erwidern wurde?
»Viel Spa?, unterhaltet euch gut!« Und wissen Sie, warum er das sagen wurde?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Weil ihm egal ist, was Sie machen?



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Weil er mir vertraut!


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Vertraut worauf?



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Dass ich nichts tun werde, was mein Zusammenleben mit ihm in Frage stellt oder irgendwann einmal in Frage stellen konnte.


        NEUN MINUTEN SPATER
        AW:
        Ach ja, richtig, Sie begeben sich ja nur in Ihre familiar vernachlassigbare
»Au?enwelt«. Die Innenwelt bleibt unangetastet. Emmi, angenommen Sie verlieben sich in mich und ich mich in Sie, angenommen wir haben eine Romanze, Affare, Liebschaft ... nennen Sie es, wie Sie wollen, Emmi, machen Sie dann auch nichts, was Ihr Zusammenleben mit Bernhard in Frage stellt, oder irgendwann einmal in Frage stellen konnte?


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie gehen von falschen Voraussetzungen aus: Ich verliebe mich nicht in Sie!!!
        Es entwickelt sich keine Romanze, Affare, Liebschaft oder wie immer Sie es nennen wollen! Es ist einfach ein Treffen. Wie wenn man einen sehr guten alten Freund trifft, den man schon lange nicht gesehen hat. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass man ihn nicht schon lange nicht gesehen hat, sondern dass man ihn uberhaupt noch nie gesehen hat. Statt »Leo, du siehst noch immer so aus«, sage ich: »Leo, so sehen Sie also aus!« So sieht's aus!


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie meinen, Sie wurden sich damit zufrieden geben, wurde nur ICH mich in SIE verlieben, einseitig sozusagen. Dann wurde ich Ihnen bestimmt ein Leben lang gluhend hei?e, schwarmerische, herzzerrei?ende EMails schreiben. In weiterer Folge Gedichte, Lieder, vielleicht sogar Musicals und Opern, voll unerfullter Leidenschaft. Dann konnten Sie zu sich oder zu Bernhard oder zu beiden sagen: Siehst du, war doch gut, dass ich ihn damals getroffen habe.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Marlene muss einiges bei Ihnen angerichtet haben!


        VIEREINHALB MINUTEN SPATER
        AW:
        Lenken Sie nicht ab, Emmi. Marlene hat mit dieser Angelegenheit ausnahmsweise einmal nicht das Geringste zu tun. Es ist effektiv eine Sache zwischen uns beiden, oder sagen wir: eine Sache zwischen uns dreien. Ihr Mann gehort namlich peripher auch irgendwie dazu, da konnen Sie sich noch so verbissen dagegen wehren. Und ich glaube Ihnen einfach nicht, dass es Zufall ist, dass Sie mich ausgerechnet jetzt treffen wollen, wo Sie Ihren Mann weit weg in den Bergen wahnen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Nein, es ist kein Zufall. Ich habe diese Woche einfach mehr Zeit fur mich zur Verfugung. Zeit, die ich gerne mit Menschen verbringe, die ich mag. Zeit fur Freunde, oder solche, die es noch werden konnten. Apropos Zeit: Es ist gleich acht Uhr. Ich muss weg, Mia wartet sicher schon. Schonen Abend, Leo.


        FUNF STUNDEN SPATER
        RE: Leo?
        Hallo Leo, sind Sie zufallig noch wach? Trinken Sie noch ein Glas Wein mit mir? Leo, Leo, Leo. Mir geht es gar nicht gut. Emmi.


        DREIZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, ich bin noch wach. Das hei?t: Ich bin schon wieder wach. Ich habe namlich den Emmi-Weckruf aktiviert. Ich habe das Klangzeichen der Verkundigung des Einlangens einer neuen E-Mail auf volle Lautstarke gedreht und den Laptop neben meinen Kopfpolster gelegt. Soeben hat es mich aus dem Bett gehoben. Emmi, ich habe gewusst, dass Sie mir heute Nacht noch schreiben! Wie spat ist es eigentlich? - Ach, erst kurz nach Mitternacht. Lange haben Sie und Mia aber nicht durchgehalten! (Wein trinke ich nicht mehr. Ich habe schon Zahne geputzt. Und Wein auf Zahnpasta ist wie Nudelsuppe zum Fruhstuckskaffee.)


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, ich bin sooooooo froh, dass Sie sich melden!!! Wieso haben Sie gewusst, dass ich Ihnen noch schreibe?


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        AW:

1.) Weil Sie gerne Zeit mit Menschen verbringen, die Sie mogen. Zeit »mit Freunden oder solchen, die es noch werden konnten«.

2.) Weil Sie alleine zu Hause sind.

3.) Weil Sie sich einsam fuhlen.

4.) Weil der Nordwind blast.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Danke, Leo, dass Sie mir nicht bose sind. Ich habe Ihnen gestern furchterlich nuchterne E-Mails geschrieben. Sie sind kein normaler Freund fur mich. Sie bedeuten mir viel, viel mehr. Sie sind fur mich. Sie sind. Sie sind. Sie sind der, der mir meine ungestellten Fragen beantwortet: Ja, ich fuhle mich einsam, und deshalb schreibe ich Ihnen!



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Und wie war es mit Mia?


        ZWEIEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Es war grauenhaft! Sie mag nicht, wie ich uber Bernhard rede. Sie mag nicht, wie ich uber meine Ehe rede. Sie mag nicht, wie ich uber meine Familie rede. Sie mag nicht, wie ich uber meine E-Mails rede. Sie mag nicht, wie ich uber meinen ... wie ich uber Leo rede. Sie mag nicht, wie ich rede. Sie mag nicht, dass ich rede. Sie mag nicht. Sie mag mich nicht.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Warum reden Sie auch uber solche Sachen? Ich dachte, Sie wollten mit ihr eine Bar-Tour machen, wie in alten Zeiten.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Alte Zeiten kann man nicht wiederholen. Wie schon der Name sagt, sind diese Zeiten alt. Neue Zeiten konnen nie wie alte Zeiten sein. Wenn sie es versuchen, wirken sie alt und verbraucht, so wie diejenigen, die sie herbeisehnen. Man soll nie alten Zeiten nachtrauern. Wer alten Zeiten nachtrauert, der ist alt und trauert. Soll ich Ihnen etwas verraten? Ich wollte nichts wie nach Hause - zu Leo.



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das ist schon, dass ich mitunter schon Ihr Zuhause bin!


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, ganz ehrlich, was halten Sie von mir und Bernhard, nach alldem, was Sie von mir und von Mia daruber gehort haben? Bitte, ganz ehrlich!


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Pfffff - ist das wirklich eine Frage fur halb ein Uhr nachts? Und: Wollten Sie Ihr
»Innenleben« nicht immer schon und gerade noch absolut fern von mir halten? Aber bitte, also gut: Ich glaube, Sie fuhren eine gut funktionierende Ehe.



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:

»Gut funktionierend«: War das abfallig? Ist das was Schlechtes? Warum vermitteln mir alle wichtigen Menschen, dass eine »gut funktionierende« Beziehung eine schlechte Beziehung ist?


        SECHS MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, das war nicht abfallig. Wenn etwas gut funktioniert, kann es nicht so schlecht sein, oder? Schlecht ist es erst, wenn es nicht mehr gut funktioniert. Dann musste man sich fragen: Warum funktioniert es nicht mehr so gut? Oder: Kann es uberhaupt besser funktionieren? Aber Emmi, ich glaube, ich bin wirklich der Falsche, um mit Ihnen uber Bernhard und Ihre Ehe zu diskutieren. Mia ist vermutlich ebenfalls die Falsche. Bernhard, ja Bernhard ware der Richtige, denke ich.



13 MINUTEN SPATER
        AW:
        Hey, Emmi, sind Sie schon eingeschlafen?



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Leo, ich mochte gerne Ihre Stimme horen.



25 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Wie bitte?



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ich mochte gerne Ihre Stimme horen!


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja, tatsachlich? Wie hatten Sie sich's denn vorgestellt? Soll ich ein Demoband anfertigen und Ihnen zukommen lassen? Was wollen Sie von mir horen? Genugt eine Sprechprobe, »einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig«? Oder soll ich ein Lied singen? (Wenn ich einmal zufallig einen Ton erwische, dann entkommt er mir nicht mehr, dann klingt das gar nicht so schlecht.) Sie konnten mich auf Ihrem Piano begleiten ...



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Jetzt! LEO, ICH MOCHTE JETZT GERNE IHRE STIMME HOREN. Bitte erfullen Sie mir diesen Wunsch. Rufen Sie mich an. 8317 433. Sprechen Sie mir auf den Anrufbeantworter. Bitte, bitte, bitte! Nur ein paar Worte.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Und ich wurde gerne einmal horen, wie Sie solche Satze aussprechen, die Sie in Ihren E-Mails mit Gro?buchstaben schreiben. Schreien Sie die? Schrill? Kreischend?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Also okay, Leo, folgender Vorschlag: Sie rufen mich jetzt an und sprechen mir eine E-Mail aufs Band. Zum Beispiel: »Ja, tatsachlich? Wie stellen Sie sich das vor? Soll ich ein Demoband anfertigen und Ihnen zukommen lassen? Was wollen Sie von mir horen ...« Und so weiter. Und danach rufe ich Sie an und spreche: »Jetzt! LEO, ICH MOCHTE GERNE IHRE STIMME HOREN. Bitte erfullen Sie mir ... « Und so weiter.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Gegenvorschlag: Einverstanden, aber verlegen wir das Ganze auf morgen. Ich muss erst wieder zu Stimme kommen. Au?erdem bin ich hundsmude. Anrufbeantworter-Session heute Abend, gegen 21 Uhr - zu einem guten Glas Wein. Ist das okay?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Okay. Gute Restnacht, Leo. Danke, dass Sie da sind. Danke, dass Sie mich aufgefangen haben. Danke, dass es Sie gibt. Danke!



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Und jetzt werfe ich den Laptop aus meinem Bett! Gute Nacht.


        AM NACHSTEN ABEND
        Betreff: Unsere Stimmen
        Hallo Emmi, machen wir es wirklich?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Na sicher, ich bin schon ganz aufgeregt.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Und wenn Ihnen meine Stimme nicht gefallt? Wenn Sie erschuttert sind? Wenn Sie sich denken: So hat der Typ die ganze Zeit mit mir gesprochen? (Sehr zum Wohle! Ich trinke franzosischen Landwein.)


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Und umgekehrt? Wenn Sie meine Stimme nicht mogen? Wenn es Ihnen dabei die Zehennagel aufstellt? Wenn Sie sich mit mir danach gar nicht mehr unterhalten wollen? (Gin gin! Ich trinke Whiskey, wenn es erlaubt ist. Ich bin zu nervos fur Wein.)


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Nehmen wir die beiden soeben gesandten E-Mails. Einverstanden?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Das sind aber schwierige E-Mails, die bestehen fast nur aus Fragen. Fragen sind schwer zu sprechen, wenn man das erste Mal zu jemandem spricht. Uberhaupt fur Frauen. Frauen sind bei Fragen stimmlich benachteiligt, weil sie beim Satzende mit der Stimme hinaufgehen mussen, also in noch hohere Lagen gezwungen werden. Wenn sie noch dazu nervos sind, dann konnten Gluckslaute herauskommen. Verstehen Sie, was ich meine? Gluckslaute klingen damlich.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        EMMI, WIR FANGEN JETZT AN! Ich spreche zuerst. In funf Minuten sprechen Sie. Wenn wir fertig gesprochen haben, mailen wir uns. Und ERST DANACH horen wir uns die Bander an. Alles klar?



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Halt!!! Ihre Telefonnummer, wenn ich bitten darf!



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Oh, Verzeihung. 45 20 737. Also, ich beginne jetzt.


        NEUN MINUTEN SPATER
        AW:
        Bin schon fertig. Jetzt Sie!


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        RE:
        Fertig! Wer hort es sich zuerst an?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Beide gleichzeitig.



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Okay, danach melden wir uns.



14 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, warum melden Sie sich nicht? Wenn Ihnen meine Stimme nicht gefallt, konnen Sie es mir ruhig ins Gesicht (Mailbox) sagen. Ich finde, ich war in der Auswahl der EMails als Frau eklatant benachteiligt. Und das kratzende Nebengerausch in meiner Stimme stammt nicht von mir, sondern vom Whiskey. Wenn Sie sich nicht sofort melden, trinke ich die ganze Flasche aus! Und bei einer Alkoholvergiftung verrechne ich Ihnen die Spitalskosten!


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, ich bin sprachlos. Ich meine: Ich bin erstaunt. Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt. Sagen Sie: Sprechen Sie wirklich immer so? Oder haben Sie Ihre Stimme verstellt?



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Wie spreche ich?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Wahnsinnig erotisch! Wie eine Moderatorin einer Kuschelsex-Sendung.


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        RE:
        Das klingt nett, damit kann ich leben! Sie sind aber auch nicht gerade schwach. Sie sprechen viel verwegener, als Sie schreiben. Sie haben eine richtig rauchige Stimme. Meine Lieblingspassage ist: »So hat der Typ die ganze Zeit mit mir gesprochen?« Vor allem die Worte: »Typ« und »gesprochen«. Bei »Typ« ist es das
»Y«. Ihr »Y« ist wirklich sensationell, kein U und kein I, eigentlich uberhaupt kein Laut. Eher ein Raunen, ein Hauchen, so, als wurden Sie den Rauch eines Joints zwischen den Zahnen herauslassen. Leider verwendet man viel zu selten ein Ypsilon, nicht wahr? Aber Sie sollten sich, wo es nur geht, auf Worte mit »Y« verlegen! Bei
»gesprochen« ist es das »Spro«, das sagen Sie unglaublich verrucht, richtig sexy, wie eine Herausforderung zum ... egal wozu, jedenfalls eine Herausforderung, die man annimmt. »Spro«, wie Sie es sprechen, konnte der Name einer neuen Potenzpille sein. Spro statt Viagra, nach akustischer Vorlage von Leo Leike, das kame echt gut.


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Mich verblufft am meisten, wie Sie »Zehennagel« aussprechen, Emmi. So ein anmutiges, sanftes, dunkles, klares »Zehennagel« habe ich noch nie gehort und hatte ich Ihnen auch niemals zugetraut. Kein Kreischen, kein Gurgeln, kein Krahen. Ein richtig schones, weiches, elegantes, geschmeidiges, samtfu?iges »Zehennagel«. Und: »Whiskey«, ja das hort sich auch sehr edel an. Das »Wh« - wie ein zum Schwingen gebrachtes Seil. Das »Key« wie ein Schlussel zu Ihrem ... hmm ... Schlafzimmer. (Meine Flasche Rotwein geht dem Ende zu, merken Sie es?)


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Leo, trinken Sie weiter! Ich liebe es, wenn Sie etwas getrunken haben. Das in Kombination mit Ihrer Stimme stimmt mich einigerma?en ...

20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, wo sind Sie geblieben?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Moment. Ich mache nur noch eine Flasche Rotwein auf. Der franzosische Landwein ist gut, Emmi! Wir trinken alle viel zu selten franzosischen Landwein. Viel zu selten und viel zu wenig. Wurden wir ofter und mehr franzosischen Landwein trinken, waren wir alle glucklicher, und wir konnten besser schlafen. Sie haben eine sehr erotische Stimme, Emmi. Ich mag Ihre Stimme. Marlene hatte auch eine sehr erotische Stimme, aber anders. Marlene ist viel kuhler als Sie, Emmi. Marlenes Stimme ist tief, aber kalt. Emmis Stimme ist tief und warm. Und sie sagt: Whiskey. Whiskey. Whiskey. Trinken wir noch einen auf uns! Ich trinke franzosischen Rotwein. Emmi, ich werde alle Ihre E-Mails noch einmal lesen, und sie werden vollig anders klingen. Ich habe Ihre E-Mails bisher immer mit der falschen Stimme gelesen. Ich habe sie immer mit Marlenes Stimme gelesen. Emmi war fur mich Marlene, Marlene ganz am Anfang, wo noch alles offen war. Da war nur Liebe und sonst gar nichts. Alles war moglich. Geht es Ihnen gut, Emmi?


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Oh nein! Leo, mussen Sie so schnell trinken? Konnen Sie nicht ein bisschen langer durchhalten? Falls Sie mit der Stirn schon auf den Buchstaben liegen: Gute Nacht, mein Lieber. Es ist fantastisch mit Ihnen. Fantastisch, aber manchmal - und zwar immer dann, wenn es gerade spannend wird - eindeutig (alkoholbedingt) zu kurz. Na ja, wenigstens habe ich den Anrufbeantworter. Ich werde mir vor dem Schlafengehen noch ein paar Mal Leo »So hat der Typ die ganze Zeit mit mir gesprochen?« Leike geben. Das ist sicher gut gegen Nordwind.


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, noch nicht schlafen gehen! Ich bin noch munter, es geht mir gut. Emmi, kommen Sie zu mir! Trinken wir noch ein Glas. Flustern Sie mir »Whiskey, Whiskey, Whiskey« ins Ohr. Sagen Sie: »Zehennagel.« Zeigen Sie hin. Ich sage: Das sind also die beruhmten Emmi-Zehen der beruhmten Emmi-Fu?e mit der beruhmten Emmi-Schuhgro?e
37. Ich verspreche: Ich werde nur meine Hand um Ihre Schulter legen. Nur eine Umarmung. Nur ein Kuss. Nur ein paar Kusse, sonst gar nichts. Ganz harmlose Kusse. Emmi, ich muss wissen, wie Sie riechen. Ich habe Ihre Stimme im Ohr, jetzt brauche ich Ihren Geruch in der Nase. Ganz im Ernst, Emmi: Kommen Sie zu mir. Ich bezahle das Taxi. Nein, das wollen Sie ja nicht. Egal, irgendwer wird das Taxi schon bezahlen. Hochleitnergasse 17, Top 15. Kommen Sie zu mir! Oder soll ich zu Ihnen kommen? Ich komme auch zu Ihnen! Nur einmal riechen. Nur einmal kussen. Kein Sex. Sie sind verheiratet, leider! Kein Sex, ich verspreche es. Bernhard, ich verspreche es! Ich will nur Ihre Haut riechen, Emmi. Ich will gar nicht wissen, wie Sie aussehen. Wir machen kein Licht an. Ganz im Dunklen. Nur ein paar Kusse, Emmi. Ist das was Boses? Ist das Betrug? Was ist Betrug? Eine E-Mail? Oder eine Stimme? Oder ein Geruch? Oder ein Kuss? Ich mochte jetzt bei Ihnen sein. Ich mochte mit Ihnen umschlungen sein. Nur eine Nacht mit Emmi verbringen. Ich mache die Augen zu. Ich muss nicht wissen, wie sie aussieht. Ich muss sie nur riechen
und kussen und spuren, ganz nah. Ich lache vor Gluck. Ist das Betrug, Emmi?


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:

»So hat der Typ die ganze Zeit mit mir gesprochen?« Gute Nacht, Leo. Es ist schon mit Ihnen. Verbluffend schon. Wahnsinnig schon!!! Ich kann mich daran gewohnen. Ich hab mich daran gewohnt.



        KAPITEL ACHT

        AM NACHSTEN MORGEN
        Kein Betreff
        Guten Morgen, Leo. Schlechte Nachricht. Ich muss nach Sudtirol. Bernhard liegt im Spital. Ein Hitzekollaps oder so etwas Ahnliches, sagen die Arzte. Ich muss hinfahren und die Kinder abholen. Ich hab Kopfweh. (Zu viel Whiskey!) Ich danke Ihnen fur die schone Nacht. Ich wei? auch nicht, was »Betrug« ist. Ich wei? nur, dass ich Sie brauche, Leo, ganz, ganz dringend. Und mich braucht meine Familie. Ich fahre jetzt. Ich melde mich morgen wieder. Hoffentlich geht es Ihnen gut nach dem vielen franzosischen Landwein ...


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Alles okay
        Keine E-Mail von Leo? Ich wollte nur sagen: Wir sind wieder zuruck. Bernhard ist auch mitgekommen. Es war ein Kreislaufkollaps, aber er ist schon wieder auf den Beinen. Melden Sie sich, Leo, bitte!!!


        ZWEI STUNDEN SPATER
        Betreff: An Hr. Leike
        Sehr geehrter Herr Leike, es kostet mich gro?e Uberwindung, Ihnen zu schreiben. Ich gestehe, ich geniere mich dafur, und mit jeder Zeile wird meine Verlegenheit, in die ich mich selbst bringe, gro?er werden. Ich bin Bernhard Rothner, ich glaube, ich muss mich Ihnen nicht naher vorstellen. Herr Leike, ich wende mich mit einer gro?en Bitte an Sie. Sie werden verblufft oder gar schockiert sein, wenn ich die Bitte ausspreche. Ich werde im Anschluss daran versuchen, Ihnen die Beweggrunde dafur darzulegen. Ich bin kein gro?artiger Schreiber, leider bin ich das nicht. Aber ich werde mich bemuhen, in dieser fur mich unublichen Form all das auszusprechen, was mich seit Monaten beschaftigt, wodurch mein Leben nach und nach au?er Tritt geraten ist, mein Leben und das meiner Familie, ja auch das Leben meiner Frau, ich glaube, ich kann das schon richtig beurteilen, nach all den Jahren unserer harmonischen Ehe.
        Und hier nun die Bitte: Herr Leike, treffen Sie sich mit meiner Frau! Bitte tun Sie es endlich, damit der Spuk sein Ende hat! Wir sind erwachsene Menschen, ich habe Ihnen nichts vorzuschreiben. Ich kann Sie nur flehentlich bitten: Treffen Sie sie! Ich leide unter meiner Unterlegenheit und Schwache. Was glauben Sie, wie erniedrigend es fur mich ist, solche Zeilen zu formulieren. Sie dagegen haben sich nicht die geringste Blo?e gegeben, Herr Leike. Sie haben sich nichts vorzuwerfen. Ja, und ich, auch ich habe Ihnen nichts vorzuwerfen, leider, leider habe ich das nicht. Einem Geist kann man nichts vorwerfen. Sie sind nicht greifbar, Herr Leike, nicht antastbar, Sie sind nicht real, Sie sind ein einziges Fantasiegebilde meiner Frau, Illusion vom unendlichen Gluck der Gefuhle, weltferner Taumel, Liebesutopie, aus Buchstaben gebaut. Dagegen bin ich machtlos, ich kann nur warten, bis das Schicksal gnadig ist und aus Ihnen endlich einen Menschen aus Fleisch und Blut macht, einen Mann mit Konturen, mit Starken, mit Schwachen, mit Angriffsflachen. Erst wenn meine Frau Sie so sehen kann, wie sie mich sieht,
einen Verwundbaren, eine unperfekte Schopfung, ein Exemplar des Mangelwesens Mensch, erst wenn Sie ihr von Angesicht zu Angesicht gegenubergetreten sind, schwindet Ihre Ubermacht. Erst dann habe ich die Chance, Ihnen Paroli zu bieten, Herr Leike. Erst dann kann ich um Emma kampfen.

»Leo, zwingen Sie mich nicht, mein Familienalbum aufzublattern«, hat Ihnen meine Frau einmal geschrieben. Nun, statt ihrer sehe nun ich mich gezwungen, es zu tun. Als wir uns kennen lernten, war Emma 23, ich war ihr Klavierlehrer auf der Musikakademie, vierzehn Jahre alter als sie, gut verheiratet, Vater zweier entzuckender Kinder. Ein Verkehrsunfall hat aus unserer Familie einen Trummerhaufen gemacht, der Dreijahrige traumatisiert, die Gro?e schwer verletzt, ich selbst mit bleibenden Schaden behaftet, die Mutter der Kinder, meine Frau Johanna: tot. Ohne Klavier ware ich daran zerbrochen. Aber Musik ist Leben, solange sie erklingt, stirbt nichts fur immer. Wenn man Musiker ist und spielt, lebt man Erinnerungen, als waren sie unmittelbare Ereignisse. Daran habe ich mich aufgerichtet. Und dann waren da auch meine Schuler und Schulerinnen, da war Ablenkung, da war eine Aufgabe, da war Sinn. Ja, und da war plotzlich - Emma. Diese lebendige, spruhende, kecke, bildhubsche junge Frau begann, unsere Trummer aufzusammeln, ganz von selbst, ohne sich etwas davon zu versprechen oder zu erwarten. Solche
au?ergewohnlichen Menschen sind in die Welt gesetzt, um die Traurigkeit zu bekampfen. Ganz wenige gibt es von ihnen. Ich wei? nicht, womit ich es verdient habe: Aber ich hatte sie plotzlich an meiner Seite. Die Kinder sind ihr zugelaufen, ja, und ich habe mich Hals uber Kopf in sie verliebt.
        Und sie? Herr Leike, jetzt werden Sie sich fragen: Ja, und Emma? Hat sie, die
23-jahrige Studentin, hat sie sich denn gar gleicherma?en verliebt, ausgerechnet in diesen bald vierzig Jahre alten Ritter von der traurigen Gestalt, den damals nur noch Tasten und Tone zusammenhielten? - Diese Frage kann ich weder Ihnen noch mir selbst beantworten. Wie sehr war es nur die Bewunderung fur meine Musik (ich hatte damals recht gute Erfolge, war ein gefeierter Konzertpianist)? Wie viel davon war Mitleid, Anteilnahme, der Wunsch zu helfen, die Fahigkeit, da zu sein in schlimmen Stunden? Wie sehr erinnerte ich sie an ihren Vater, der sie zu fruh verlassen hatte? Wie viele Narren hatte sie an der su?en Fiona gefressen und an dem goldigen kleinen Jonas? Wie sehr war es meine eigene Euphorie, die sich in ihr widerspiegelte, wie sehr liebte sie nur meine unbandige Liebe zu ihr und nicht mich selbst? Wie sehr genoss sie die Sicherheit, dass ich sie niemals einer anderen Frau wegen enttauschen wurde, die Verlasslichkeit auf Lebzeiten, meine ewige Treue, derer sie sich gewiss sein durfte? - Glauben Sie mir, Herr Leike, ich hatte nie gewagt, mich ihr zu nahern, hatte ich nicht gespurt, dass sie mir
ein Bundel ebenso starker Gefuhle entgegenbrachte wie ich ihr. In unubersehbarer Weise fuhlte sie sich zu mir und den Kindern hingezogen, wollte Teil unserer Welt sein, wurde Teil unserer Welt, pragender Teil, bestimmender Teil, Herzstuck. Zwei Jahre spater haben wir geheiratet. Das ist jetzt acht Jahre her. (Verzeihung, ich habe hiermit Ihr Versteckspiel gestort, habe eines der tausend Geheimnisse aufgedeckt: Die »Emmi«, die Sie kennen, ist 34 Jahre jung.) Keinen Tag horte ich auf zu staunen, diese vitale junge Schonheit an meiner Seite zu haben. Und jeden Tag habe ich mit Bangen darauf gewartet, dass es »geschehen« wird, dass da ein Jungerer sein wird, einer ihrer zahlreichen Verehrer und Anbeter. Und Emma wurde sagen:
»Bernhard, ich habe mich in einen anderen verliebt. Wie soll es nun weitergehen mit uns?« - Dieses Trauma ist ausgeblieben. Ein viel schlimmeres ist eingekehrt. Sie, Herr Leike, die stille »Au?enwelt«. Liebesillusionen per E-Mail, sich stetig aufschaukelnde Gefuhle, wachsende Sehnsucht, ungestillte Leidenschaft, alles auf ein nur scheinbar reales Ziel gerichtet, ein hochstes Ziel, das immer wieder weggeschoben wird, das Treffen aller Treffen, das nie stattfinden wird, weil es die Dimension des irdischen Glucks sprengen wurde, die vollkommene Erfullung, ohne Endpunkt, ohne Ablaufdatum, nur in den Kopfen lebbar. Dagegen bin ich machtlos.
        Herr Leike, seit es Sie »gibt«, ist Emma wie verwandelt. Sie ist geistesabwesend und mir gegenuber distanziert. Stundenlang sitzt sie in ihrem Zimmer und starrt in den Computer, in den Kosmos ihrer Wunschtraume. Sie lebt in ihrer »Au?enwelt«, sie lebt mit ihnen. Wenn sie verklart lachelt, gilt das langst nicht mehr mir. Mit Muhe gelingt es ihr, ihr Weggetretensein vor den Kindern zu verbergen. Ich merke, wie sehr sie sich qualt, langer neben mir zu sitzen. Wissen Sie, wie weh das tut? Ich habe versucht, diese Phase mit gro?er Toleranz zu ubergehen. Emma durfte sich nur niemals eingesperrt fuhlen bei mir. Nie gab es Eifersucht zwischen uns. Aber plotzlich wusste ich nicht mehr, wo ich ansetzen sollte. Es war da ja nichts und niemand, keine reale Person, kein wirkliches Problem, kein offensichtlicher Fremdkorper - bis ich die Wurzel entdeckte. Ich konnte in den Boden versinken vor Scham, dass es so weit kommen musste: Ich habe in Emmas Zimmer spioniert. Und ich habe in einer versteckten Lade schlie?lich eine Mappe gefunden, eine dicke Mappe, voll gefullt mit Schriftstucken: ihr gesammelter
E-Mail-Verkehr mit einem gewissen Leo Leike, fein sauberlich ausgedruckt, Seite fur Seite, Mitteilung fur Mitteilung. Ich habe diese Skripte mit zitternden Handen kopiert und einige Wochen erfolgreich von mir weggeschoben. Wir hatten einen grauenvollen Urlaub in Portugal. Der Kleine war krank, die Gro?e hatte sich unsterblich in einen Sportlehrer verliebt. Meine Frau und ich schwiegen uns zwei Wochen an, aber jeder von beiden versuchte dem anderen vorzumachen, alles sei in bester Ordnung, wie es immer war, wie es sein musste, wie es uns die Gewohnheit befahl. Danach habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich habe die Mappe mit in den Wanderurlaub genommen - und ich habe in einem Anfall von Selbstzerfleischung und masochistischer Leidenswilligkeit samtliche EMails in einer Nacht durchgelesen. Seit dem Tod meiner ersten Frau habe ich keine gro?eren seelischen Qualen durchgemacht, das konnen Sie mir glauben. Als ich mit der Lekture fertig war, kam ich nicht mehr vom Bett hoch. Meine Tochter verstandigte die Rettung, man brachte mich ins Spital. Von dort holte mich vorgestern meine Frau ab. Jetzt kennen Sie
die ganze Geschichte.
        Herr Leike, bitte treffen Sie sich mit Emma! Ich komme nun zum erbarmlichen Hohepunkt meiner Selbsterniedrigung: Ja, treffen Sie sich mit ihr, verbringen Sie eine Nacht mit ihr, haben Sie Sex mit ihr! Ich wei?, dass Sie es werden haben wollen. Ich »erlaube« es Ihnen. Sie haben meinen Freibrief, ich erlose Sie hiermit von allen Skrupeln, ich betrachte es nicht als Betrug. Ich spure, Emma sucht nicht nur die geistige, sondern auch die korperliche Nahe zu Ihnen, sie will es
»wissen«, glaubt es zu brauchen, ihr verlangt danach. Das ist der Kitzel, das Neue, die Abwechslung, die ich ihr nicht bieten kann. So viele Manner haben Emma verehrt und begehrt, nie ware mir aufgefallen, dass sie sich auch nur zu einem von ihnen sexuell hingezogen gefuhlt hatte. Und dann sehe ich die EMails, die sie Ihnen schreibt. Und plotzlich erkenne ich, wie stark ihre Begierde sein kann, wenn sie einmal vom »Richtigen« geweckt worden ist. Sie, Herr Leike, sind ihr Auserwahlter. Und ich wurde mir fast wunschen: Haben Sie einmal Sex mit ihr. EINMAL - (ich wahle dafur eindringliche Blockbuchstaben, wie meine Frau es tut.) EINMAL. NUR EINMAL! Lassen Sie es das Ziel Ihrer schreiberisch aufgebauten Leidenschaft sein. Fixieren Sie damit den Schlusspunkt. Geben Sie Ihrem E-Mail-Verkehr die Kronung - und stellen Sie ihn danach ein. Geben Sie, Au?erirdischer, Unantastbarer, mir meine Frau zuruck! Geben Sie sie frei. Bringen Sie sie wieder auf den Boden zuruck. Lassen Sie unsere Familie weiter existieren. Machen Sie es nicht mir zum Gefallen, nicht meiner Kinder wegen. Machen Sie es fur Emma, ihr zuliebe.
Ich bitte Sie!
        Ich komme nun zum Ende meines peinlichen und peinigenden Hilferufs, meines furchterlichen Gnadengesuchs. Noch eine abschlie?ende Bitte, Herr Leike. Verraten Sie mich nicht. Lassen Sie mich au?erhalb Ihrer beider Geschichte. Ich habe Emmas Vertrauen missbraucht, ich habe sie hintergangen, ich habe ihre private, intime Post gelesen. Ich habe dafur gebu?t. Ich konnte ihr nicht mehr in die Augen sehen, wusste sie von meiner Spionage. Sie konnte mir nie wieder in die Augen sehen, wusste sie, was ich gelesen habe. Sie wurde sich und mich gleicherma?en dafur hassen. Bitte, Herr Leike, ersparen Sie uns das. Verschweigen Sie ihr diesen Brief. Und noch einmal: Ich bitte Sie!
        Und nun sende ich Ihnen das grauenvollste Schreiben, das ich jemals aufgesetzt habe. Hochachtungsvoll, Bernhard Rothner.


        VIER STUNDEN SPATER
        AW:
        Sehr geehrter Herr Rothner, ich habe Ihre E-Mail erhalten. Ich wei? nicht, was ich dazu sagen soll. Ich wei? nicht einmal, ob ich etwas dazu sagen soll. Ich bin besturzt. Sie haben nicht nur sich selbst gedemutigt, Sie haben uns alle drei beschamt. Ich muss nachdenken. Ich werde mich fur eine Weile zuruckziehen. Ich kann Ihnen nichts versprechen, gar nichts. Hoflicher Gru?, Leo Leike.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Leo???
        Leo, wo sind Sie? Ich hore unentwegt Ihre Stimme. - Immer die gleichen Worte: »So hat der Typ die ganze Zeit mit mir gesprochen?« Ich wei? also nur zu genau, wie er spricht, der Typ. Allein: Er spricht schon seit Tagen nicht. Hatten Sie in jener Nacht doch zu viel franzosischen Landwein erwischt? Erinnern Sie sich? Sie haben mich eingeladen, in die Hochleitnergasse 17, Top 15. »Nur einmal riechen«, haben Sie geschrieben. Sie ahnen nicht, wie knapp ich daran war, zu kommen. So knapp wie noch nie. Ich bin mit den Gedanken rund um die Uhr bei Ihnen. Warum melden Sie sich nicht? Muss ich mir Sorgen machen?


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Leo????????
        Leo, was ist los? Bitte schreiben Sie mir!! Ihre Emmi.


        EINE HALBE STUNDE SPATER
        Betreff: An Hr. Rothner
        Sehr geehrter Herr Rothner, ich schlage Ihnen einen kleinen Deal vor. Sie mussen mir etwas versprechen. Und ich verspreche Ihnen eine Gegenleistung. Also: Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihrer Frau kein Wort von Ihrer E-Mail und deren Hintergrunden verrate. Und Sie mussen mir versprechen, dass Sie NIE WIEDER AUCH NUR EINE EINZIGE E-MAIL Ihrer Frau an mich und von mir an Ihre Frau lesen. Ich vertraue Ihnen, dass Sie dieses Versprechen, sofern Sie es abgeben, nicht brechen werden. Und Sie konnen umgekehrt versichert sein, dass ich zu meinem Wort stehe. Wenn Sie einverstanden sind, schreiben Sie: Ja. Andernfalls werde ich Ihrer Frau jenen reinen Wein einschenken, der im Grunde Ihrer ist und den Sie mir freundlicherweise hinubergeleert haben. Hoflicher Gru?, Leo Leike.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Ja, Herr Leike, das kann ich Ihnen versprechen. Ich werde keine E-Mail mehr lesen, die nicht fur mich bestimmt ist. Ich habe schon viel zu viel Verbotenes gelesen. Gestatten Sie mir die Nachfrage: Werden Sie meine Frau treffen?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Herr Rothner, das kann ich Ihnen nicht beantworten. Und selbst wenn ich es konnte, wurde ich es nicht tun. Meiner Meinung nach haben Sie mit Ihrem Schreiben an mich einen katastrophalen Fehler begangen, symptomatisch fur ein grobes, vermutlich schon jahrelang wahrendes Versaumnis innerhalb Ihrer Ehe. Sie haben sich an die falsche Adresse gewendet. All das, was Sie mir erzahlt haben, hatten Sie Ihrer Frau erzahlen mussen, und zwar schon viel fruher, gleich von Anfang an. Ich wurde Ihnen dringlich empfehlen: Tun Sie es! Holen Sie es nach!
        Im Ubrigen ersuche ich Sie, mir keine E-Mails mehr zu senden. Ich glaube, es ist alles gesagt, was Sie meinten, mir sagen zu mussen. Es war bereits viel zu viel. Freundlicher Gru?, Leo Leike.



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Hallo Emmi, ich komme gerade von einer Dienstreise aus Koln zuruck. Tut mir Leid, es ging dort so turbulent zu, ich hatte nicht einmal ein paar ruhige Minuten, um Ihnen zu schreiben. Ich hoffe, in Ihrer Familie ist gesundheitlich wieder so weit alles in Ordnung. Ich werde die Schonwetterphase ausnutzen und fur ein paar Tage verreisen, irgendwo in den Suden, wo ich einmal fur niemanden erreichbar bin. Ich glaube, das brauche ich, ich fuhle mich schon ziemlich ausgelaugt. Wenn ich zuruck bin, melde ich mich wieder. Ich wunsche Ihnen angenehme Sommertage - und moglichst wenige ausgekegelte Kinderarme. Alles, alles Liebe, Leo.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Wie hei?t sie?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        Wie hei?t wer?


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo! Bitte beleidigen Sie nicht meine Intelligenz und meinen Leo-Spursinn. Wenn Sie einmal uber turbulente Dienstreisen und auszunutzende Schonwetterphasen schwadronieren, Ihre Ausgelaugtheit beklagen, Ihre Unerreichbarkeit ankundigen und mir angenehme Sommertagswunsche androhen, dann gibt es fur mich nur eines: EINE! Wie hei?t sie? Doch nicht etwa - Marlene?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, Emmi, Sie irren. Es gibt da weder Marlene noch sonst wen. Ich muss mich einfach einmal zuruckziehen. Die vergangenen Wochen und Monate haben mich aufgerieben. Ich brauche Erholung.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Erholung von mir?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Erholung von mir! Ich melde mich in einigen Tagen wieder. Versprochen!
        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Leo fehlt!
        Hallo Leo, ich bin es. Ich wei?, Sie sind nicht da, Sie erholen sich gerade von sich selbst. Wie macht man das eigentlich? Ich wunschte, ich konnte das auch. Ich brauche gerade dringend Erholung von mir. Stattdessen beschaftige ich mich mit mir und reibe mich dabei auf. Leo, ich muss Ihnen etwas gestehen. Das hei?t: Ich muss es naturlich nicht, es ist auch gar nicht gut, dass ich es tue, aber es drangt mich einfach dazu. Leo: Ich bin momentan uberhaupt nicht glucklich. Und wissen Sie warum? (Sie wollen es vermutlich gar nicht wissen, aber Sie haben keine Chance, tut mir Leid.) Ich bin nicht glucklich - ohne Sie. Zu meinem Gluck gehoren E-Mails von Leo. Zu meinem Gluck fehlen mir EMails von Leo. Zu meinem Pech fehlen mir diese EMails zu meinem Gluck gerade sehr. Seit ich Ihre Stimme kenne, fehlen sie mir gleich dreimal so sehr.
        Ich habe den gestrigen Abend und einige Nachtstunden mit Mia verbracht. Es war das erste gute Treffen mit ihr seit vielen Jahren. Und wissen Sie, warum? (Sehr gemein, ich wei?, aber das mussen Sie sich jetzt anhoren.) Das Treffen war gut, weil ich endlich unglucklich war. Mia sagt, ich war im Grunde so wie immer, nur habe ich es diesmal zugegeben, vor mir selbst und auch vor ihr. Dafur ist sie mir dankbar. Klingt traurig, oder?
        Mia behauptet, ich habe mich auf sonderbare Weise, namlich schriftlich, in Sie verliebt, Leo. Sie meint, ich kann ohne Sie derzeit gewisserma?en nicht leben, zumindest nicht glucklich. Und sie sagt: Sie kann das sogar verstehen. Ist das nicht furchterlich? Dabei liebe ich doch an sich meinen Mann, Leo. Ganz ehrlich. Ich habe ihn ausgesucht, ihn und seine Kinder, ihn und meine Kinder. Ich wollte diese Familie und keine andere, bis heute nicht. Es waren damals tragische Umstande, das erzahle ich Ihnen ein andermal. (Fallt Ihnen auf, ich rede freiwillig uber meine Familie ... ) Bernhard hat mich nie enttauscht und wurde mich nie enttauschen. Nie, nie, nie! Er gibt mir alle Freiheiten, erfullt mir alle Wunsche. Er ist so ein gebildeter, selbstloser, ruhiger, angenehmer Mann. Naturlich wurgt einen mit der Zeit die Routine. Die Ablaufe sind geregelt, es mangelt an Uberraschungen. Wir kennen einander in- und auswandig, es gibt keine Geheimnisse mehr. »Vielleicht fehlt dir einfach nur das Geheimnis. Vielleicht hast du dich in ein knisterndes Geheimnis verliebt«, sagt Mia. »Was soll ich tun?«, sage ich:
»Ich kann aus Bernhard nicht plotzlich ein knisterndes Geheimnis machen.
        Leo, was sagen Sie: Kann ich aus Bernhard ein knisterndes Geheimnis machen? Kann man aus acht Jahren Familienleben ein knisterndes Geheimnis machen?
        Ach Leo, Leo, Leo. Mir fallt momentan einfach alles so schwer. Ich bin nicht gut drauf. Mir fehlt jeder Antrieb. Mir fehlt jede Lust. Mir fehlt - der eine und einzige Leo. Ich wei? nicht, wo das hinfuhren soll. Ich will es gar nicht wissen. Es ist mir egal. Hauptsache, Sie schreiben mir bald wieder. Bitte beeilen Sie sich mit Ihrer Von-sich-selbst-Erholung. Ich mochte wieder Wein mit Ihnen trinken. Ich will von Ihnen wieder gekusst werden wollen. (War das ein deutscher Satz?) Ich brauche keine wirklichen Kusse. Ich brauche den, der mich in manchen Situationen derart unbedingt dringend sofort kussen will, dass er nicht anders kann, als es mir zu schreiben. Ich brauche Leo. Ich komme mir so einsam vor mit meiner Whiskeyflasche. Ich habe so viel Whiskey getrunken, Leo. Merken Sie es? Wie ware das wohl alles mit Ihnen, das Leben? Wie lange wurden Sie mich unbedingt dringend sofort kussen wollen? Wochen, Monate, Jahre, immer? Ich wei?, ich soll nicht so denken. Ich bin glucklich verheiratet. Aber ich fuhle mich unglucklich dabei. Das ist, glaube ich, ein Widerspruch. Der Widerspruch sind Sie, Leo.
Danke, dass Sie mir zugehort haben. Einen Whiskey trinke ich noch. Gute Nacht, Leo, Sie fehlen mir so sehr.
        Ich wurde Sie sogar blind kussen. Ja, das wurde ich tun. Gerade jetzt.


        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Kein Wort
        Drei?ig Grad und kein Wort vom Vonsichselbsterholer. Ich wei?, meine E-Mail von vorgestern war an der Schmerzgrenze. Habe ich Ihnen zu viel zugemutet, Leo? Glauben Sie mir, es war der Whiskey! Der Whiskey und ich. Ich, was in mir drinnen steckt. Der Whiskey, was er aus mir herausgeholt hat. Sehnsuchtig, Emmi.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Sudwind - und ich walze mich dennoch im Bett herum. Ein einziger Buchstabe von Ihnen, und ich wurde sofort einschlafen. Gute Nacht, mein lieber Vonsich- selbsterholer.


        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Meine letzte Mail
        Meine letzte Mail ohne Gegenmail! Leo, das ist echt brutal, was Sie da machen! Bitte horen Sie auf damit, es tut hollisch weh. Alles ist erlaubt, alles au?er schweigen.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: Gegenmail
        Liebe Emmi, ich habe nur ein paar Stunden gebraucht, um mich zu einer Entscheidung durchzuringen, die mein Leben verandern wird. Aber ich habe neun Tage gebraucht, um Ihnen die Konsequenzen mitzuteilen. Emmi, ich ubersiedle in wenigen Wochen fur mindestens zwei Jahre nach Boston. Ich werde dort eine Projektgruppe an der Universitat leiten. Der Job ist sowohl aus wissenschaftlicher als auch aus finanzieller Sicht au?erst reizvoll. Meine Lebenssituation erlaubt es mir, so spontan zu sein. Es gibt wenige Dinge, die ich hier aufgeben muss. Offenbar liegt es in unserer Familie, irgendwann einmal den Kontinent zu wechseln. Fehlen werden mir ein paar enge Freunde. Fehlen wird mir meine Schwester Adrienne. Und fehlen wird mir: Emmi. Ja, die wird mir ganz besonders fehlen.
        Ich habe noch eine zweite Entscheidung getroffen. Sie klingt so hart, dass mir die Finger zittern, wenn ich sie Ihnen jetzt schriftlich mitteilen muss, gleich nach dem Doppelpunkt: Ich beende unseren E-Mail-Kontakt. Emmi, ich muss Sie aus dem Kopf bekommen. Sie konnen nicht mein erster und mein letzter Gedanke jedes Tages bis ans Ende meines Lebens sein. Das ist krank. Sie sind »vergeben«, Sie haben Familie, Sie haben Aufgaben, Herausforderungen, Verantwortlichkeiten. Sie hangen sehr daran, es ist die Welt, in der sie glucklich sind, das haben Sie mir deutlich zu verstehen gegeben. (Mit hochprozentigen Sehnsuchts-Whiskey-Mischungen schreibt man sich schon einmal eine Unglucksstimmung herbei, wie in Ihrer letzten langen E-Mail, die ist aber spatestens beim Aufwachen am Tag danach wieder weg.) Ich bin uberzeugt davon, dass Ihr Mann Sie liebt, wie man eine Frau nach so vielen Jahren Zusammensein nur lieben kann. Was Ihnen fehlt, durfte lediglich ein bisschen au?ereheliches Abenteuer im Kopf sein, etwas Kosmetik fur Ihren abgeschminkten Gefuhlsalltag. Darauf grundet sich Ihre Zuneigung zu mir. Darauf
stutzt sich unsere Schreib-Beziehung. Sie stiftet vermutlich mehr Verwirrung, als sie auf Dauer bereichernd fur Sie ware.
        Nun zu mir: Emmi, ich bin 36 (so, jetzt wissen Sie's). Ich habe nicht vor, mit einer Frau durchs Leben zu gehen, die nur in der Mailbox frei fur mich ist. Boston gibt mir die Gelegenheit, neu zu beginnen. Ich habe plotzlich wieder Lust, eine Frau auf stinkkonservative Art kennen zu lernen: Zuerst sehe ich sie, dann hore ich ihre Stimme, dann rieche ich sie, dann kusse ich sie vielleicht. Und irgendwann spater werde ich ihr wohl auch einmal eine E-Mail schreiben. Der umgekehrte Weg, den wir beschritten haben, war und ist wahnsinnig aufregend, aber er fuhrt nirgendwohin. Ich muss meine Blockade im Kopf losen.
        Monatelang habe ich in jeder schonen Frau, die mir auf der Stra?e begegnet ist, Emmi gesehen. Aber keine von ihnen konnte sich mit der wirklichen messen, keine konnte mit ihr in Konkurrenz treten, denn die Echte hatte ich fern jeder Offentlichkeit, gesellschaftlich isoliert, abgeschieden, ganz fur mich allein im Computer. Dort holte sie mich von der Arbeit ab. Dort wartete sie vor, nach oder statt dem Fruhstuck auf mich. Dort wunschte sie mir am Ende eines langen gemeinsamen Abends gute Nacht. Oft genug verweilte sie bis zum Morgengrauen bei mir, im Zimmer, im Bett, steckte mit mir insgeheim unter einer Decke. Doch letztlich blieb sie in jeder Phase unerreichbar, uneinnehmbar fur mich. Ihre Bilder waren so zart und zerbrechlich, dass sie meinem realen Blick auf sie nicht standgehalten hatten, ohne sofort Risse und Sprunge zu bekommen. Diese kunstlich entstandene Emmi erschien mir so filigran, dass sie in sich zusammengefallen ware, hatte ich sie auch nur einmal echt beruhrt. Physisch war sie nicht mehr als die Luft zwischen den Buchstabentasten, mit denen ich sie mir Tag fur Tag herbeischrieb.
Einmal hineinpusten - und fort ware sie gewesen. Ja, Emmi, fur mich ist es so weit: Ich werde die Mailbox schlie?en, ich werde in meine Tastatur hineinpusten, ich werde den Bildschirm herunterklappen. Ich werde mich von Ihnen verabschieden. Ihr Leo.


        AM NACHSTEN TAG
        Betreff: So ein Abschied?
        Das war Ihre letzte Mail? Das gibt es nicht! Ich verliere hiermit den Glauben an die letzte Mail. Leo, hallo! Ich erwarte mir keine humoristischen Glanzleistungen, wenn Sie sich aus dem Staub machen wollen.
        Aber was soll denn diese bittertragische Posse? Was ist das fur ein Abschied? Wie muss ich mir das Gesicht dazu vorstellen, wenn Sie melodramatisch in die Tasten pusten? Ja, okay, ich hab mich ein bisschen gehen lassen in letzter Zeit. Ich habe auch bereits begonnen, herumzusulzen. Mein Gemut, an sich ein Fliegengewicht, war manchmal schwer wie ein Betonsack. Ja, ich habe unsere Riesenpackung elektronische Post mit mir herumgetragen. Ich hab mich ein bisschen verliebt in Mister Anonym, das ist schon richtig. Wir beide haben einander nicht mehr so recht aus den Kopfen bekommen, da sind wir uns nichts schuldig geblieben. Aber es besteht kein Grund fur uns, nun Tristan und Isolde auf virtuell daraus zu machen.
        Reisen Sie nach Boston, so reisen Sie nach Boston. Brechen Sie den E-Mail-Kontakt zu mir ab, dann brechen Sie ihn ab. Aber brechen Sie ihn nicht SO ab!!! Das ist sowohl schreiberisch als auch emotionell unter Ihrem Niveau und unter meiner Wurde, lieber Freund. In die Tasten pusten, also Leeeeo! Was fur ein Kitsch! Muss ich denken: »So hat der Typ die ganze Zeit zu mir gesprochen?«
        Bitte beweisen Sie mir, dass das nicht Ihre letzte Mail an mich war. Ich wunsche mir zum Abschluss etwas Positives, etwas Uberraschendes, einen vollmundigen Abgang, eine gute Pointe. Sagen Sie zum Beispiel: »Und abschlie?end schlage ich Ihnen vor, dass wir uns treffen!« - Das ware wenigstens ein witziges Ende. (So, und jetzt gehe ich heulen, wenn Sie erlauben.)


        FUNF STUNDEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, und abschlie?end schlage ich Ihnen vor, dass wir uns treffen!


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Aber nicht im Ernst.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Doch. Damit wurde ich nicht spa?en, Emmi.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Was soll ich davon halten, Leo? Ist das eine Laune? Hatte ich Ihnen ein gutes Stichwort geliefert? Habe ich Sie mit meinen Worten vom Melodramatiker zum Realsatiriker bekehrt?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Nein, Emmi, das ist keine Laune, das ist gut uberlegte Absicht. Sie sind mir einfach nur zuvorgekommen. Also noch einmal: Emmi, ich wurde unsere E-Mail-Beziehung gerne mit einem Treffen ausklingen lassen. Es soll eine einmalige Begegnung sein, bevor ich nach Boston ubersiedle.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Einmalig treffen? Was versprechen Sie sich davon?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Erkenntnis. Erleichterung. Entspannung. Klarheit. Freundschaft. Auflosung eines herbeigeschriebenen, aber doch unbeschreiblich uberdimensionierten Personlichkeitsratsels. Beseitigung von Blockaden. Ein gutes Gefuhl danach. Das beste Rezept gegen Nordwind. Einen wurdigen Abschluss einer aufregenden Lebensphase. Die simple Antwort auf tausend komplizierte, noch offene Fragen. Oder, wie Sie selbst es gesagt haben: »Wenigstens ein witziges Ende.«


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Vielleicht wird es aber gar nicht witzig.



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das hangt von uns beiden ab.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Von uns beiden? Im Moment sind Sie da sehr alleine, Leo. Ich habe noch keineswegs
»Ja« zur Last-MinuteBegegnung gesagt und bin, ehrlich gestanden, derzeit auch ziemlich weit davon entfernt. Ich mochte erst einmal mehr uber dieses skurrile
»The-first-date-must- be-the-last-date«-Treffen wissen. Wo wollen Sie mich treffen?



55 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Wo Sie wollen, Emmi.



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und was machen wir?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Was wir wollen.



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Was wollen wir?



30 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das wird sich zeigen.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Ich glaube, ich will lieber E-Mails aus Boston. Da muss sich nicht erst zeigen, ob wer von uns beiden was will. Da wei? zumindest ich schon, dass ich was will und was ich will: eben E-Mails aus Boston.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Emmi, ich schreibe Ihnen keine E-Mails aus Boston. Ich mochte das abschlie?en, ehrlich. Ich bin uberzeugt davon, dass es gut fur uns beide sein wird.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und wie lange gedenken Sie mir noch zu mailen?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Bis zu unserem Treffen. Au?er Sie sagen, Sie wollen sich definitiv nicht mit mir treffen. Dann ware das quasi so eine Art Schlusssatz.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Das ist Erpressung, Meister Leo! Au?erdem konnen Sie ziemlich grob formulieren, lesen Sie einmal Ihre letzte E-Mail. Ich glaube nicht, dass ich den Typ, der so spricht, treffen will. Gute Nacht.


        AM NACHSTEN MORGEN
        Kein Betreff
        Guten Morgen, Leo. Ich treffe mich mit Ihnen SICHER NICHT im Messecafe Huber!


        EINE STUNDE SPATER
        AW:
        Mussen wir auch nicht. Aber warum nicht?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Dort trifft man Berufskollegen oder Zufallsbekanntschaften.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Zufalliger als unsere kann eine Bekanntschaft kaum sein.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ist das die Einstellung, mit der Sie unseren Kontakt gesucht hatten, gefuhrt haben und nun beenden wollen? Dann lassen wir das Zufalls- und Verfluchtigungstreffen lieber gleich bleiben.


        AM NACHSTEN TAG
        Kein Betreff
        Leo, was ist eigentlich los mit Ihnen? Wieso schreiben Sie plotzlich so rupelhaft und destruktiv? Warum machen Sie »unsere Geschichte« so herunter? Bemuhen Sie sich extra, unsensibel und bose zu sein? Wollen Sie mir Ihren Ausstieg schmackhaft machen?


        ZWEIEINHALB STUNDEN SPATER
        AW:
        Tut mir Leid, Emmi, ich bin gerade verzweifelt bemuht, »unsere Geschichte« aus dem Kopf zu kriegen. Ich habe Ihnen schon erklart, warum das fur mich notwendig ist. Ich wei?, dass meine E-Mails seit »Boston« furchterlich sachlich klingen. Ich mag so gar nicht schreiben, aber ich zwinge mich dazu. Ich will schriftlich keine Gefuhle mehr in »unsere Geschichte« investieren.
        Ich will nicht noch mehr aufbauen, bevor ich es einsturzen lasse. Ich will wirklich nur noch dieses eine Treffen. Ich glaube, es wird uns beiden gut tun.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Und was ist, wenn wir uns nach dem Treffen wieder treffen wollen?


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Fur mich kann ich das ausschlie?en. Das hei?t: Ich habe es bereits ausgeschlossen. Ich will Sie dieses eine und einzige Mal treffen, um »unsere Geschichte« wurdig abzuschlie?en, bevor ich nach Amerika gehe.

15 MINUTEN SPATER
        RE:
        Was verstehen Sie unter »wurdig abschlie?en«? Oder anders gefragt: Was wollen Sie, dass ich nach dem Treffen uber Sie denke:

1.) Ganz nett, aber nicht annahernd so spannend wie schriftlich. Jetzt kann ich ihn mit ruhigem Gewissen und gutem Gefuhl fur immer aus allen Ordnern meines Lebens loschen.

2.) Wegen diesem Langweiler habe ich ein Jahr »neben mir« gelebt?

3.) Ein idealer Mann fur einen Seitensprung. Schade, dass er jetzt auf die andere Seite des Ozeans springt.

4.) Umwerfender Typ! Was fur eine berauschende Nacht! Das monatelange E-Mailen hat sich wirklich ausgezahlt. So, abgehackt. Jetzt kann ich mich wieder auf die Jausenbrote fur Jonas konzentrieren.

5.) Schei?e. Das ware er gewesen! Fur ihn hatte ich Bernhard stehen lassen und meine Familie aufgegeben. Leider entweicht er mir jetzt Richtung Amerika, dem Land, aus dem man keine E-Mails schreiben kann. Aber ich werde auf ihn warten! Taglich werde ich eine Kerze fur ihn anzunden. Und mit den Kindern werde ich ihn ins Gebet einschlie?en, bis er wiederkommt in aller Herrlichkeit und Pracht...


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Ihr Sarkasmus wird mir fehlen, Emmi!


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Sie konnen gerne eine Ladung davon mit nach Boston nehmen, Leo. Ich habe noch genug davon. Also: Welchen Typen wurden Sie anlasslich unseres offiziellen Auseinandergehens gerne abgeben?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich werde keinen Typen abgeben. Ich werde der sein, der ich bin. Und Sie werden mich so sehen, wie ich bin. Sie werden mich zumindest so sehen, wie Sie glauben, dass ich bin. Oder so sehen, wie Sie wollen, dass Sie glauben, dass ich bin.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Werde ich Sie wieder treffen wollen?



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Nein.



35 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Warum nicht?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Weil das keine Moglichkeit ist.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Alles ist eine Moglichkeit.



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das nicht. Das ist namlich von vornherein keine Moglichkeit.



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Im Nachhinein erlebt man oft Moglichkeiten, die von vornherein niemals welche gewesen waren. Es sind oft nicht einmal die schlechtesten Moglichkeiten.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Tut mir Leid, Emmi. Die Moglichkeit, dass Sie mich wieder treffen wollen, wird keine solche sein. Sie werden schon sehen.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Warum soll ich das eigentlich sehen wollen? Wenn ich wei?, dass ich Sie nach unserem ersten Treffen kein zweites Mal treffen will, warum soll ich Sie dann uberhaupt treffen?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        Betreff: An Herrn Leike
        Sehr geehrter Herr Leike, wir machen schlimme Tage durch. Wenn das nicht aufhort, wird unsere Ehe zerbrechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das wollen. Bitte treffen Sie meine Frau und horen Sie auf, ihr zu schreiben. (Ich schwore, ich habe keine Ahnung, was Sie einander schreiben, ich will es auch gar nicht mehr wissen, ich will nur, dass es endlich aufhort.) Mit freundlichen Gru?en, Bernhard Rothner.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, das mussen Sie schon selbst wissen, warum Sie mich treffen wollen (wenn Sie es wollen). Ich kann Ihnen nur sagen: Ich will mich mit Ihnen treffen! Ich habe auch schon erschopfend dargelegt, warum. Alles Liebe und schonen Abend, Leo.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Leo Eisbeutel Leike. »So hat der Typ die ganze Zeit mit mir gesprochen.« Schon traurig, eigentlich.



        KAPITEL NEUN

        DREI TAGE SPATER
        Betreff: Restfragen
        Hallo Leo, von sich aus melden Sie sich also nicht mehr. Antworten Sie mir noch? Wie lange noch? Wann fliegen Sie nach Boston? Freundlichst, Emmi.


        NEUN STUNDEN SPATER
        AW:
        Guten Abend, Emmi, bei mir geht es leider drunter und druber. Ich stecke mitten in den Vorbereitungen fur die Ubersiedlung nach Amerika. Ich fliege am 16. Juli, also morgen in zwei Wochen. Ich sage es noch einmal: Es ware schon, wenn wir uns bis dahin sehen konnten. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Sie selbst es wollen, dann tun Sie es bitte fur mich. Ich wunsche es mir sehr! Sie wurden mir eine Riesenfreude bereiten, wenn Sie ja sagen. Ich wei?, dass ich mich nachher besser fuhlen werde. Und ich bin sicher, dass es auch Ihnen nach dem Treffen gut gehen wird.


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, verstehen Sie nicht? Mir kann es nach dem Treffen und in Anbetracht der Umstande, dass es ein »Abschiedstreffen« sein soll, nur gut gehen, wenn sich herausstellt, dass Sie anders sind, als Sie es mir seit einem Jahr schriftlich vermitteln (sieht man von einigen Ihrer letzten grausam sachlichen E-Mails ab). Wenn Sie also »anders« sind, dann wird das Treffen zur gro?en Enttauschung und es wird mir nachher nur deshalb gut gehen, weil es ohnehin das letzte Treffen war. Wenn Sie also so sicher sind, dass es mir nach dem Treffen gut gehen wird, dann sagen Sie mir damit indirekt: Das Treffen selbst wird enttauschend fur mich sein. Und da frage ich Sie nun zum zweiten Mal: Warum soll ich mich zu einem enttauschenden Treffen treffen?


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich glaube, das Treffen muss fur Sie keineswegs enttauschend sein, damit Sie sich nachher besser fuhlen als zum Beispiel - heute.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Heute? Wie wollen Sie wissen, wie ich mich heute fuhle?



50 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Sie fuhlen sich heute nicht gut, Emmi.



30 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und Sie?



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Auch nicht gut.



25 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Warum Sie nicht?



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Aus dem gleichen Grund wie Sie.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Aber es ist Ihre Schuld, Leo. Keiner zwingt Sie, aus meinem Leben zu verschwinden.



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Doch!



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Wer?


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Wer?


        AM NACHSTEN MORGEN
        Betreff: Ich
        Ich!
        Ich zwinge mich. Ich und die Vernunft.


        EINEINHALB STUNDEN SPATER
        RE:
        Und wer will sich mit mir davor noch einmal treffen? Auch Sie und die Vernunft? Oder Sie und die Unvernunft? Oder die pure Unvernunft? Oder (die schlimmste Variante): die reine Vernunft?



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich, die Vernunft, die Gefuhle, die Hande, die Fu?e, die Augen, die Nase, die Ohren, der Mund, alles. Alles von mir will sich mit Ihnen treffen, Emmi.


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Der Mund?



15 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ja klar, zum Reden.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ah so.


        ZWEI TAGE SPATER
        Betreff: Okay
        Hallo Leo, von mir aus, riskieren wir es, treffen wir uns, ist auch schon egal. Wann haben Sie diese Woche Zeit?


        EINE HALBE STUNDE SPATER
        AW:
        Da richte ich mich ganz nach Ihnen. Mittwoch, Donnerstag, Freitag?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Morgen.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Morgen? Gut, morgen. Vormittags, mittags, nachmittags, abends?


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Abends. Wo?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        In einem Kaffeehaus Ihrer Wahl. In einem Restaurant Ihrer Wahl. In einem Museum Ihrer Wahl. Zu einem Spaziergang Ihrer Wahl. Auf einer Parkbank Ihrer Wahl. Auf einem Wall Ihrer Wahl. Sonst an irgendeinem Ort Ihrer Wahl.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Bei Ihnen daheim.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Warum?



40 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Warum nicht?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Was haben Sie vor?



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Was haben SIE vor, Leo? SIE wollten das Abschiedstreffen, wenn ich Sie erinnern darf.



35 MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich habe uberhaupt nichts vor. Ich will nur die Frau sehen, die mich monatelang begleitet hat, die mein Leben gepragt hat. Ich will mehr von ihrer angenehmen Stimme horen, mehr als »Whiskey« und »Zehennagel«. Ich mochte ihr auf die Lippen schauen, wenn sie sagt: »Was haben SIE vor, Leo? SIE wollten das Abschiedstreffen, wenn ich Sie erinnern darf.« Wie bewegen sich da ihre Mundwinkel, wie glanzen ihre Augen, wie heben sich ihre Augenbrauen, wenn sie solche Satze spricht? Welche Mimik begleitet ihre Ironie? Welche Spuren hat der jahrelange nachtliche Nordwind an ihren Wangen hinterlassen? Hunderte solcher Dinge interessieren mich an Emmi.


        FUNF MINUTEN SPATER
        RE:
        Ihr Interesse kommt relativ spat, Leo. Bei Ihren Gesichtsfeldforschungen wird Ihnen die Zeit knapp werden an diesem Abend. Wie viele Stunden haben Sie eingeplant? Wie lange soll ich bleiben?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        So lange, wie wir beide wollen.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Und wenn wir nicht gleich lang wollen?


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Dann wird sich wohl der von uns durchsetzen, der kurzer will.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Sie meinen, SIE werden sich durchsetzen.



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Das ist nicht gesagt.



20 MINUTEN SPATER
        RE:
        Erstaunlich, wie vieles nicht gesagt ist, obwohl wir andauernd reden. Zum Beispiel: Wie begru?en wir uns? Schutteln wir uns die Hande? Klopfen wir uns auf die Schultern? Soll ich Ihnen ein paar lang gestreckte, eng anliegende Finger zum Handkuss servieren? Soll ich Ihnen eine vom Nordwind ausgebildete Wange entgegenwuchten? Kommen Sie mir mit Ihrem Mund entgegen? Oder starren wir uns einfach einmal eine Weile wie Au?erirdische an?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich schlage vor, ich werde Ihnen ein Glas Wein in die Hand drucken, und wir werden ansto?en. Auf uns.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Haben Sie auch Whiskey? Aber nicht so eine vergammelte Flasche mit algenbewachsenem Boden, wo noch drei Millimeter gelbbraune Flussigkeit dumpelt. In diesem Fall werde ICH mich durchsetzen, und es wird ein kurzes Treffen.


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Am Whiskey wird unser Treffen nicht kranken.



45 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Woran dann?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Gar nicht, es wird ein schones, angenehmes, gesundes, vitales Treffen, Emmi, Sie werden schon sehen.


        DREI STUNDEN SPATER
        RE:
        Haben Sie noch ein bisschen Zeit, Leo? Ich wei?, es ist schon spat. Aber nehmen Sie sich noch ein Glas Rotwein, das tut Ihnen immer gut. Ich hatte da namlich noch ein paar Fragen, mir geht da einiges durch den Kopf. Zum Beispiel zu meinem Spezialthema: 1.) Halten Sie es fur moglich, dass Sie an unserem »Abschiedsabend« Sex mit mir haben wollen? 2.) Halten Sie es fur moglich, dass ich Sex mit Ihnen haben will? 3.) Wenn beides zutrifft (und wenn wir es auch tatsachlich tun): Glauben Sie wirklich, dass es uns nachher besser gehen wurde? Ich meine, so wie Sie es mir quasi versprochen haben: »Ich bin sicher, dass es auch Ihnen nach dem Treffen gut gehen wird.« 4.) Wie passt das zu Ihrer Prognose, dass ich Sie danach kein zweites Mal treffen will?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:

1.) Dass ich Sex wollen konnte, halte ich fur moglich, aber ich muss es Ihnen ja nicht zeigen.

2.) Dass Sie Sex wollen konnten, halte ich fur moglich, aber nicht fur sehr wahrscheinlich.

3.) Dass es uns nachher besser gehen wurde? Ja, doch, das glaube ich.

4.) Sie werden mich nicht mehr treffen wollen, weil Sie Familie haben und nach unserem Treffen genau wissen werden, wo Sie hingehoren.


        SIEBEN MINUTEN SPATER
        RE:

1.) Glauben Sie, das merke ich nicht, wenn Sie Sex wollen?

2.) Ob ich es wollen konnte: Mit »nicht sehr wahrscheinlich« liegen sie gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. (Nur damit Sie sich keine falschen Hoffnungen machen.)

3.) Dass es uns nachher besser gehen wurde: Tut richtig gut, wenn Sie einmal wie ein typischer Mann reden, das macht Sie so irdisch.

4.) Dass ich wissen werde, wo ich hingehore: Glauben Sie wirklich, Sie konnen das vorweg besser beurteilen als ich selbst?
        Und eine allerletzte Frage vor dem Schlafengehen, Leo: Sind Sie noch ein bisschen verliebt in mich?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Ein bisschen?


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Gute Nacht. Ich bin sehr verliebt in Sie. Ich habe Angst vor unserem Treffen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass ich Sie nachher verliere. In Liebe, Emmi.


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Man soll nie ans »Verlieren« denken. Schon beim Denken daran verliert man. Gute Nacht, meine Liebe.


        AM NACHSTEN MORGEN
        Kein Betreff
        Guten Morgen Leo, ich habe nicht geschlafen. Soll ich heute Abend wirklich zu Ihnen kommen?


        FUNF MINUTEN SPATER
        AW:
        Guten Morgen, Emmi. Schon, dass wir die schlaflose Nacht geteilt haben. Ja, kommen Sie zu mir. Ist Ihnen 19 Uhr recht? Dann konnen wir noch eine Weile auf der Terrasse sitzen.


        ZWEI STUNDEN SPATER
        RE:
        Leo, Leo, Leo, angenommen, der Abend ist schoner, als Sie erwarten. Angenommen, Sie verlieben sich in die Frau, die Sie sehen, in die Mimik, die ihre Ironie begleitet, in den Ton ihrer Worte, in die Bewegungen ihrer Hande, in die Augen, in die Haare (Busen klammere ich aus), in ihr rechtes Ohrlappchen, in ihr linkes Schienbein, ganz egal. Angenommen, Sie spuren, dass uns beide doch viel mehr verbindet als der InternetServer, dass es kein Zufall gewesen sein konnte, dass wir aneinander-geraten sind. - Leo, kann es nicht sein, dass Sie mich wieder sehen wollen? Kann es nicht sein, dass Sie mir weiterhin schreiben wollen, auch aus Boston? Kann es nicht sein, dass Sie mit mir Zusammensein wollen? Kann es nicht sein, dass Sie mit mir zusammen bleiben wollen? Kann es nicht sein, dass Sie mit mir leben wollen?


        ZEHN MINUTEN SPATER
        AW:
        EMMI, SIE SIND NICHT FREI FUR EIN LEBEN MIT MIR.



35 MINUTEN SPATER
        RE:
        Angenommen, ich ware frei fur ein Leben mit Ihnen.



45 MINUTEN SPATER
        RE:
        Leeeeeo, fallt Ihnen keine Antwort ein?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Liebe Emmi, angenommen, das ist mir exakt eine Annahme zu viel. Angenommen, ich kann einfach nicht annehmen, dass Sie frei sind, aus dem einfachen Grund, weil Sie es namlich weder sind noch sein werden. Wenn Sie sich an diesem Abend von Ihrer Familie »freinehmen«, frei fur mich, dann ist das schon und gut fur mich (und hoffentlich auch fur Sie). Aber es hei?t noch lange nicht, dass Sie frei fur mich sind. Ich bin im Annehmen von Annahmen sonst gar nicht so schlecht. Aber diese Annahme, so faszinierend sie klingt, kann ich beim besten Willen nicht annehmen. Darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit auch einmal eine Frage stellen? - Ich wei?, Sie mogen solche Fragen nicht. Aber ich halte diese hier fur relativ relevant. Also: Was erzahlen Sie eigentlich Ihrem Mann, wo Sie heute Abend hingehen?


        NEUN MINUTEN SPATER
        RE:
        Leo, Sie konnen nicht aufhoren damit!!! Ich werde ihm sagen: Ich treffe einen Freund. Er wird fragen: Kenne ich ihn? Ich werde antworten: Ich glaube nicht, ich habe kaum von ihm erzahlt. Dann werde ich noch sagen: Wir haben viel zu plaudern, es kann spat werden. Er wird sagen: Amusiere dich gut.



20 MINUTEN SPATER
        AW:
        Und wenn Sie erst in der Fruh nach Hause kommen? Was sagt er dann?


        DREI MINUTEN SPATER
        RE:
        Sie halten es fur moglich, dass ich erst in der Fruh nach Hause komme? Ich erkenne vollig neue Zuge an Ihnen.


        ACHT MINUTEN SPATER
        AW:
        Wie sagt Emmi Rothner? - »Im Nachhinein erlebt man oft Moglichkeiten, die von vornherein niemals welche gewesen waren.« Kurzum: Alles ist eine Moglichkeit. Langsam glaube ich auch schon daran.


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Wow, spannend. Ich mag das, wenn Sie so reden. (Vielleicht, weil es meine Worte sind.) Ubrigens: Nur noch vier Stunden. Soll ich Ihnen verraten, welcher der drei Emmis aus dem Kaffeehaus Sie die Tur offnen werden?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, nein, nicht verraten! Im Gegenteil. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie durfen mich nicht auslachen, ich meine es ernst. Ich wurde gerne die Ture angelehnt lassen. Sie kommen herein. Sie treten vom Vorraum in das erste Zimmer links. Es ist verdunkelt. - Ich umarme Sie, ohne Sie zu sehen. Ich kusse Sie blind. Ein Kuss. Nur ein einziger Kuss!!



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Und dann soll ich wieder gehen?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Aber nein! Ein Kuss - und dann ziehen wir die Jalousien hoch, dann sehen wir, wen wir gekusst haben. Dann drucke ich Ihnen ein Glas Wein in die Hand und dann sto?en wir auf uns an. Und dann werden wir weitersehen.


        EINE MINUTE SPATER
        RE:
        Fur mich ein Glas Whiskey! Ansonsten bin ich mit Ihrem rituellen Begru?ungsprogramm einverstanden. Es ist im Grunde nichts anderes als die AugenbindenNummer, nur ohne Augenbinde, also etwas romantischer. Klar, das machen wir! Ah, machen wir es wirklich? Das ist doch Wahnsinn, oder?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Klar, das machen wir wirklich!


        VIER MINUTEN SPATER
        RE:
        Aber Leo, riskant ist es schon. Ich hab ja keine Ahnung, ob ich mag, wie Sie kussen. Wie kussen Sie? Eher fest oder eher weich, eher trocken oder eher flussig? Wie prasentieren sich Ihre Zahne, scharf oder stumpf? Wie offensiv und gelenkig ist Ihre Zunge? Fuhlt sie sich eher wie Hartplastik oder wie Schaumgummi an? Haben Sie die Augen beim Kussen offen oder geschlossen? (Okay, das ist im Falle der Blindverkostung egal.) Was machen Sie mit Ihren Handen? Greifen Sie mich an? Wo? Wie fest? Sind Sie ganz still oder atmen Sie laut oder machen Sie Gerausche mit dem Mund? Also, Leo, sagen Sie: Wie kussen Sie?


        DREI MINUTEN SPATER
        AW:
        Ich kusse so ahnlich, wie ich schreibe.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Das war jetzt zwar machtig angeberisch, aber es klingt nicht schlecht, Leo. Aber, ubrigens: Sie schreiben au?erst unterschiedlich!



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich kusse auch au?erst unterschiedlich.


        VIER MINUTEN SPATER


        RE:
        Wenn Sie mir versprechen, dass Sie so kussen, wie Sie mir gestern und heute geschrieben haben, dann riskiere ich es!



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Dann riskieren Sie es!


        ZWOLF MINUTEN SPATER
        RE:
        Und wenn wir nach dem Kuss mehr wollen?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Dann wollen wir mehr.



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Tun wir dann auch mehr?



35 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Ich glaube, das werden wir in der Situation ganz genau wissen.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        RE:
        Hoffentlich wei? es nicht nur einer von uns.


        VIER MINUTEN SPATER
        AW:
        Wenn es einer wei?, wei? es der andere auch. Ubrigens Emmi, nur noch knapp zwei Stunden. Wir sollten dann langsam zu schreiben aufhoren und uns auf den Dimensionssprung vorbereiten. Ich gebe zu: Ich bin wahnsinnig aufgeregt.


        ACHT MINUTEN SPATER
        RE:
        Was soll ich anziehen?


        EINE MINUTE SPATER
        AW:
        Das uberlasse ich Ihrem Geschmack, Emmi.



55 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ich wurde es aber gerne Ihrer Fantasie uberlassen, Leo.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Meiner Fantasie sollten Sie im Augenblick lieber nichts uberlassen. Sie geht gerade ein bisschen durch mit mir. Und irgendetwas sollten Sie ja schon anziehen, denke ich.


        DREIEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Soll ich etwas anziehen, das die Wahrscheinlichkeit erhoht, dass wir nach dem Begru?ungskuss die Jalousien nicht gleich wieder hochziehen, weil keiner von uns beiden eine Hand freihat?



40 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Wenn Ihnen die Antwort nicht zu knapp ist: JA!


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Ein »JA!« auf eine Frage, die nach einem »JA!« verlangt, kann mir nie zu knapp sein. Dann werde ich mich jetzt »herrichten«, wie man so schon sagt. Falls mein Herz den Brustkorb nicht durchschlagt, sehen wir uns in eineinhalb Stunden bei Ihnen, Leo.


        DREIEINHALB MINUTEN SPATER
        AW:
        Sie lauten an der Fernsprechanlage bei »Top 15«. Im Lift geben Sie 142 ein, dann hinauf ins Dachgeschoss. Dort gibt es ohnehin nur eine Tur. Sie ist angelehnt. Dann links ins Zimmer, einfach der Musik nach. Ich freue mich wahnsinnig auf Sie!



50 SEKUNDEN SPATER
        RE:
        Ich mich auch auf Sie, Leo. Ich mich auch auf DICH, Leo. Ich bin die Emmi. Und ich kusse niemand Fremden im Finsteren, mit dem ich nicht per Du bin. Du darfst hiermit ebenfalls DU zu mir sagen, Leo. Ich bin ubrigens 34, zwei Jahre junger als du, wenn's gestattet ist.


        ZWEI MINUTEN SPATER
        AW:
        Emmi, ich glaube, ich muss mit dir noch einmal ausfuhrlich uber »Boston« reden. Du hast ein vollig falsches Bild von Boston, beziehungsweise von mir und Boston. Mit Boston ist es ganz anders, als du glaubst. Ich muss dir das erklaren. Es gibt so viel zu erklaren! Es gibt so viel zu verstehen! Verstehst du?


        EINEINHALB MINUTEN SPATER
        RE:
        Langsam, langsam, Leo. Eines nach dem anderen. Boston hat Zeit. Erklaren hat Zeit. Verstehen hat Zeit. Jetzt kussen wir uns erst einmal. Bis gleich, mein Lieber!



45 SEKUNDEN SPATER
        AW:
        Bis gleich, meine Liebe!



        KAPITEL ZEHN

        AM NACHSTEN ABEND
        Betreff: Nordwind
        Lieber Leo, ich wei?, es ist unverzeihlich. Dein »Schweigen« beweist es mir. Du fragst nicht. Nein, du fragst nicht einmal. Das ist die Lektion, die du mir erteilst. Kein Tobsuchtsanfall, kein Rettungsversuch, keine Verzweiflungsaktion. Du machst gar nichts. Du bleibst stumm. Du lasst das alles wortlos uber dich ergehen. Du fragst erst gar nicht, warum. Du tust so, als wusstest du es. Damit bestrafst du mich zusatzlich. Deine Enttauschung kann nur halb so gro? sein wie meine. Denn zu meiner Enttauschung rechnet sich die Vorstellung uber deine dazu.
        Leo, ich sage dir, warum ich in letzter Sekunde - kein geflugeltes Wort, es war wirklich die letzte Sekunde -, ich sage dir, warum ich nicht zu dir gekommen bin. Schuld daran war ein Buchstabe, ein einziger falscher Buchstabe, an einem Ort, wo er nicht sein durfte, zum unglucklichsten aller Zeitpunkte. Und du, Leo, du hast mich noch gefragt: »Was wirst du Bernhard erzahlen?« Erinnerst du dich an meine Antwort? - »Ich werde sagen: Ich treffe einen Freund.« - Genau das habe ich gesagt. »Er wird fragen: Kenne ich ihn?« - So hat er gefragt. »Ich werde antworten: Ich glaube nicht, ich habe kaum von ihm erzahlt.« - Das habe ich ihm zur Antwort gegeben. »Dann werde ich noch sagen: Wir haben viel zu plaudern, es kann spat werden!« - Ja, exakt so habe ich es formuliert. »Und er wird sagen: Amusiere dich gut.« - Ja, Leo, das hat er gesagt. Aber er hat noch ein Wort hinzugefugt. Er hat gesagt: »Amusiere dich gut, EMMI.« Es war das gewohnte
»Amusiere dich gut«. Danach machte er eine Pause. Und dann kam dieses EMMI. Ein Hauch, nicht mehr als ein Hauch. Es ging mir durch Mark und Bein. Er nennt mich sonst »Emma«, immer nur Emma. »Emmi« hat er schon jahrelang nicht zu mir gesagt. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann er mich das letzte Mal so genannt hatte.
        Leo, das »I« statt dem »A«, dieser einzige fremde Buchstabe hat einen Schock in mir ausgelost. Ich mochte es nicht aus seinem Mund. ER durfte es nicht so aussprechen. Es klang so entlarvend, so desillusionierend, so zerstorerisch. Als wurde er ahnen, wie es um mich bestellt ist, als hatte er mich durchschaut. Als wollte er mir sagen: »Ich wei? es doch, du willst >Emmi< sein, du willst endlich wieder >Emmi< sein. Also sei >Emmi< und amusiere dich gut.« Und ich hatte ihm darauf etwas ganz Furchterliches antworten mussen, ich hatte sagen mussen:
»Bernhard, ich will nicht nur Emmi sein, ich BIN Emmi. Aber ich bin nicht deine Emmi. Ich bin die Emmi von jemand anderem. Er hat mich nie gesehen, aber er hat mich entdeckt. Er hat mich erkannt. Er hat mich aus meinem Versteck geholt. Ich bin seine Emmi. Fur Leo bin ich Emmi. Glaubst du mir nicht? Ich kann es dir beweisen. Ich habe es schriftlich.«
        Skrupel? Nein, Leo, ich hatte keine Skrupel gegenuber Bernhard. Ich hatte Angst vor mir.
        Ich ging hinauf in mein Zimmer, wollte dir eine E-Mail schicken. Ich brachte nichts heraus. Da stand dieser jammerliche Satz: »Mein lieber Leo, ich kann heute nicht zu dir kommen, mir wachst gerade alles uber den Kopf.« Ich starrte ihn einige Minuten an, dann loschte ich ihn wieder. Ich war nicht fahig, dir abzusagen. Es ware eine Absage an mich selbst gewesen.
        Leo, es ist etwas geschehen. Mein Gefuhl hat den Bildschirm verlassen. Ich glaube, ich liebe dich. Und Bernhard hat es gespurt. Mir ist kalt. Der Nordwind blast mir entgegen. Wie tun wir weiter?


        ZEHN SEKUNDEN SPATER
        AW:
        ACHTUNG. GEANDERTE E-MAIL-ADRESSE. DER EMPFANGER KANN SEINE POST UNTER DER GEWAHLTEN ADRESSE NICHT MEHR AUFRUFEN. NEUE E-MAILS IM POSTEINGANG WERDEN AUTOMATISCH GELOSCHT. FUR RUCKFRAGEN STEHT DER SYSTEMMANAGER GERNE ZUR VERFUGUNG.


 

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